Medikamenten-Versuche in SH: Es gab nicht den einen schlimmen Ort

Stand: 11.03.2021 14:56 Uhr

Ärzte missbrauchten Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Psychiatrien in der Nachkriegszeit als Versuchsobjekte für Medikamente. Wissenschaftler haben Umfang und Folgen dieser Praxis untersucht.

von Julia Schumacher und Christian Schepsmeier

"Das wichtigste und aus meiner Sicht auch zentrale Ergebnis unserer Studie ist, dass es nicht den einen schlimmen Ort in Schleswig-Holstein gibt oder den einen schlimmen Akteur", sagt Medizinhistoriker Cornelius Borck. Er und sein Team von der Uni Lübeck fanden Belege für Medikamentenversuche an verschiedenen Orten. Die Forscher gehen von mindestens 3.000 betroffenen Personen aus. Die Versuche geschahen nicht nur am Landeskrankenhaus Schleswig: Auch im Landeskrankenhaus Neustadt, an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Kiel und in den Ricklinger Anstalten - die sich in kirchlicher Trägerschaft befanden und befinden - wurden laut der Studie Medikamente erprobt.

Vor mehr als vier Jahren war NDR Schleswig-Holstein erstmals Hinweisen auf Medikamentenversuche nachgegangen. Recherchen in Archiven und Fachzeitschriften sowie Gespräch mit ehemaligen Patienten brachten ans Licht, dass am Landeskrankenhaus Schleswig in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und in der Erwachsenenabteilung Medikamente erprobt wurden - im großen Stil, an Hunderten von Patienten. Das Land Schleswig-Holstein gab daraufhin eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag.

Weitere Informationen
Das Deckblatt eines wissenschaftlichen Abschlussberichts der Universität Lübeck. © Universität Lübeck

Studie zur Praxis der Medikamentenversuche in SH (PDF)

Medizinhistoriker untersuchen darin, wie es dazu kommen konnte, dass in der Nachkriegszeit Patienten zu Versuchsobjekten wurden. extern

Nebenwirkungen: Beinschmerzen, Schluck- und Sehstörungen

Die Betroffenen waren die psychiatrischen Patienten, die Kinder und Jugendlichen, die teilweise ihr halbes Leben in diesen Einrichtungen verbracht haben. Dort mussten sie oft offenbar ohne ihr Einverständnis und oft gegen ihren Willen neue Medikamente ausprobieren. Welche Folgen das hatte, notierten die Ärzte in Patientenakten, die von den Wissenschaftlern nun ausgewertet wurden. "Patientin schluckt nicht mehr richtig und hat Speichelfluß, Dosis herabgesetzt", schreiben Mediziner der Ricklinger Anstalten über eine ungewollte Probandin. "Patientin erbricht nach jeder Mahlzeit" zu einer anderen. Ein anderes Mal notieren die Ärzte Sehstörungen als Nebenwirkung oder Schmerzen im Bein.

Land sparte durch Medikamentenversuche Geld

Cornelius Borck im Interview. © NDR
Der Lübecker Medizinhistoriker Cornelius Borck ist einer der Autoren der Studie.

Bei den Akteuren liefen verschiedene Interessen zusammen: Die oft als unruhig beschriebenen Kinder und Jugendlichen in überfüllten Schlafsälen konnten mit den Medikamenten besser angepasst und ruhiggestellt werden. Die Nebenwirkungen nahmen die Ärzte in Kauf. Und sie konnten sich mit ihren Versuchen hervortun. Für die Pharmakonzerne ging es um wirtschaftliche Interessen. Die stellten die Präparate für die Erprobungen oft kostenlos zur Verfügung. Dadurch sparten die Träger, vor allem das Land, viel Geld.

Land wusste von den Medikamentenerprobungen

"Dem hiesigen Bestreben auf eine verbesserte Wirtschaftlichkeit kam die verstärkte Konkurrenz der Pharmazeutischen Industrie mit einer teilweise recht hohen Naturalrabattgewährung bis zu 100 Prozent entgegen. Dieses Geschäftsgebaren wurde erst möglich, als die Höhe der Haushaltsmittel es verschiedenen Herstellern lukrativ erscheinen ließ, mit dem hiesigen Krankenhaus ‚ins Geschäft zu kommen‘." Walter Hellermann, Ärztlicher Direktor Landeskrankenhaus Schleswig an den Innenminister, 1960

"Wir sehen, dass mindestens auf der Ebene der Verantwortlichen auf Seiten der Träger aber auch auf Seiten der politisch Verantwortlichen die Zustände mindestens in groben Umrissen bekannt waren", sagt Historiker Borck. Und auch die Kooperationen zwischen Ärzten in Landeseinrichtungen lässt sich mit der Forschung deutlich belegen.

Austausch über Medikament bei gemeinsamer Dampferfahrt

Die Lübecker Wissenschaftler stoßen zum Beispiel auf ein bundesweites Forschungs-Netzwerk. Der Bayer-Konzern lud die beteiligten Ärzte im Oktober 1968 zu einer gemeinsamen Dampferfahrt auf dem Rhein ein, um sich dort über ein neues Antidepressivum - Bayer 1521 - auszutauschen. Kieler und Schleswiger Ärzte werden hier als besonders wichtige Prüfärzte benannt - sie verfügen über besonders viele Patienten.

"Wissenschaftliche Mitarbeiter namhafter Arzneimittelwerke [wenden sich] vertrauensvoll an uns mit dem Ersuchen um Bewertung von Medikamenten. Wir [können] bei dem uns anvertrauten zahlenmäßig sehr starken Krankengut auf breiter Basis arbeitend sogar manchmal eher zu statistisch vertretbar gesicherten Erkenntnissen kommen als Kliniken und Krankenhäuser, deren Klientel nicht so groß ist." Arzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie Schleswig-Hesterberg, 1956

Ruhigstellen als zentrales Ziel

Verschiedene Medikamentendosen stehen auf einem Tisch. © NDR
BAY 1521 - ein Testpräparat, das auch im Landeskrankenhaus in Schleswig an Patienten auf eine Wirkung erprobt wurde.

Was die Forscher nicht finden konnten, sind Hinweise auf Einwilligung oder Aufklärung der Patienten. "Aus den Akten spricht, dass vor allen Dingen über die Betroffenen geredet wird, dass ihnen nicht zugehört wurde, dass sie keine Stimme, keine Rechte hatten und dass man ihnen nicht geglaubt hat", sagt Forscher Borck.

Es herrschte Personalmangel. Die Kliniken konnten mit den Auswirkungen psychischer Krankheiten wie Aggressionen oder Unruhe nicht adäquat umgehen, berichtet Borck: "Und jetzt kommt ein Medikament, das noch sicherer, noch zuverlässiger, noch schneller gezielt die unbeherrschbare Situation eines tobenden oder aggressiven Patienten abzustellen in der Lage ist, sodass in der Notlage auch das Personal nicht mehr gebraucht wird."

"Dies ist unseres Erachtens nach ein Fortschritt, da sich durch die Injektion des neuen Präparates Sitzwachen am Bett der unruhigen Patienten und eine Fixierung der Kranken in der früher üblichen Weise im allgemeinen jetzt erübrigen. Dies erscheint uns bei dem herrschenden chronischen Mangel an gutem Pflegepersonal als ein wesentlicher Gesichtspunkt." Arzt der Psychiatrischen und Nervenklinik Uni Kiel, 1960

Rechtlich als Körperverletzung zu werten

Welche rechtliche Bedeutung die Versuche und die fehlenden Einwilligungen haben, damit beschäftigt sich für die Studie der Medizinrechtler Sebastian von Kielmansegg. Auch damals hätte man Einwilligungen, Aufklärung und medizinische Indikationen gebraucht. "Wenn das nicht vorlag, dann hätte die Rechtsprechung das damals schon als Körperverletzung gewertet. Und wir haben ein hohes Maß an Plausibilität dafür, dass in vielen Fällen diese Voraussetzungen so nicht vorgelegen haben werden, sodass man sicher davon ausgehen kann, dass solche Fälle auch als Körperverletzung zu werten gewesen wären." Eine rechtliche Verantwortung dessen, wer da was tut, habe immer der Träger einer solchen Einrichtung, so Kielmansegg.

Weitere Informationen
Blick in ein verlassenes Gebäude. © NDR

Wie Kinder zu Versuchsobjekten wurden

Jahrzehntelang wurden Patienten im einstigen Landeskrankenhaus Schleswig zu Versuchsobjekten für Medikamententests. NDR Recherchen zeigen Verbindungen zwischen Ärzten und Pharmakonzernen. mehr

"Es gilt ja ganz allgemein der Grundsatz, dass der Staat oder hier das Land Schleswig-Holstein rechtlich verantwortlich ist für das, was seine Bediensteten tun. Das galt damals natürlich auch für die Krankenhäuser." Das gleiche gelte für Einrichtungen anderer Trägerschaft, beispielsweise in kirchlicher. Auch wenn die Taten verjährt sind, sagt Kielmansegg: "Das heißt natürlich nicht, dass man nicht reagieren kann, als Gesellschaft oder als Land Schleswig-Holstein."

Betroffener hofft auf "vage Gewissheit"

Die Forscher haben auch diejenigen befragt, die in der Nachkriegszeit in Psychiatrien und Einrichtungen der Behindertenhilfe leben mussten. So wie Günter Wulf aus Sieverstedt: "Ich möchte, dass diese Sache aufgearbeitet wird. Dann habe ich vage Gewissheit, dass sich so etwas heute nicht wiederholt."

"Medikamente, Tabletten, da hast du alles Mögliche gekriegt. Die haben dir Sachen gegeben, fragst dich heute, wofür war das? [Hyperal] zum Beispiel ist die Flasche, die ich nie vergessen werde. Entweder du nimmst das Schnapsglas voll von alleine, oder die jucken dir das mit ner Spritze in den Hintern rein, halten dich mit 3, 4 Mann fest, und kriegst du das per Spritze." Ehemaliger Patient, Kinder- und Jugendpsychiatrie Schleswig-Hesterberg

Günter Wulf im Interview. © NDR
Günter Wulf hat einen Teil seiner Kindheit in Schleswig-Hesterberg verbracht. Er wünscht sich mehr Anerkennung für das Erlebte.

Wulf will, dass aus den Ergebnissen der Studie Konsequenzen gezogen werden: "Ich möchte dass, wenn dieser Bericht jetzt an die Öffentlichkeit gekommen ist, die noch mal darüber nachdenken, wie die mit uns umgegangen sind, wie sie uns abgespeist haben. Mein Wunsch ist, dass die Leute, die das alles erlebt haben, auch eine vernünftige Entschädigung bekommen." Bisher gab es für Betroffene einmalig 9.000 Euro. Günter Wulf fände etwas Dauerhaftes sinnvoll, eine Rente zum Beispiel.

Was folgt auf die Studie?

Eine moralische Schuld hat das Land Schleswig-Holstein bereits anerkannt. Zu den Ergebnissen des Berichts und möglichen Konsequenzen will sich das Land noch nicht äußern - erst, wenn sich der Sozialausschuss im April damit befasst hat.

Die Innere Mission, Träger der Einrichtung in Rickling, in der auch Erprobungen stattgefunden haben, teilt mit: Unter dem Dach des Diakonischen Werks Schleswig-Holstein hat sich der Landesverein finanziell an der Stiftung Anerkennung und Hilfe beteiligt. Bislang haben 43 ehemalige Bewohner von Einrichtungen des Landesvereins für Innere Mission etwas bekommen. Es wurden mehr als 400.000 Euro ausgezahlt, so ein Sprecher des Landesvereins.

Jesumann: Staat und Träger müssen etwas tun

Günther Jesumann ist seit einem Jahr unabhängiger Beauftragter für Menschen in Schleswig-Holstein, die als Kinder oder Jugendliche Leid und Unrecht in staatlichen, kirchlichen oder privaten Einrichtungen erfahren haben. Er ist der Ansicht: "Der Abschlussbericht weist eindrücklich daraufhin, dass Staat und Träger von diesen Institutionen die Haftung hatten und auf jeden Fall noch jetzt dafür was tun müssen, damit den Opfern es heute besser geht und dass das nie wieder passiert."

Das Land habe zwar schon Initiativen ergriffen, erst zuletzt hat das Parlament insgesamt 6,2 Millionen Euro Unterstützungsleistungen beschlossen, 9.000 Euro für die, die bislang noch nichts von der Stiftung Anerkennung und Hilfe bekommen haben. "Das kann's auch noch nicht alleine sein", sagt Jesumann: "Man muss sich noch weiter dafür einsetzen, dass die persönliche Situation der Opfer besser wird. Eine kleine Rente oder irgendeiner Sache. Das wäre schon etwas."

Weitere Informationen
Franz Wagle, ehemaliges Heimkind, auf dem Gelände des ehemaligen Landeskrankenhauses in Schleswig. © NDR Foto: Stefan Eilts

Medikamentenversuche: Betroffene kommen zu Wort

Im Landeskrankenhaus Schleswig wurden in den 50er- bis 70er-Jahren Kinder in mehr als 1.000 Fällen für Medikamententests missbraucht. Die Betroffenen haben jetzt im Landtag in Kiel gesprochen. mehr

Zwei Spritzen liegen in einem Glasbehälter. © NDR

Medikamenten-Tests in Schleswig: Noch mehr Fälle

Im ehemaligen Landeskrankenhaus Schleswig hat es mehr Medikamenten-Testreihen gegeben als bisher bekannt. Das zeigen Recherchen von NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin. mehr

Franz Wagle, ehemaliges Heimkind, auf dem Gelände des ehemaligen Landeskrankenhauses in Schleswig. © NDR Foto: Stefan Eilts

Medikamentenstudien mit Schleswiger Heimkindern

Eine Studie dokumentiert, dass in deutschen Kinderheimen in den 50er- bis 70er-Jahren Medikamentenstudien durchgeführt wurden. Betroffen ist auch das damalige Landeskrankenhaus Schleswig. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.03.2021 | 17:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein Auto ist in ein Haus in Ratekau (Kreis Ostholstein) gekracht.  Foto: Arne Jappe

Autofahrerin kracht mit Baby in Bungalow in Ratekau

Kurz zuvor war die Autofahrerin aus Dänemark auf der Autobahn 1 gestoppt worden, weil sie auf der falschen Seite unterwegs war. mehr

Videos