Medikamentenversuche: Mindestens 3.000 Patienten betroffen

Stand: 22.04.2021 19:37 Uhr

Lübecker Medizinhistoriker haben Belege für Medikamentenversuche an mindestens 3.000 Patienten gefunden. Es sollen Arzneimittel ohne Einwilligung erprobt worden sein.

Im Sozialausschuss des Landtages wurde am Donnerstag der Abschlussbericht rund um die Medikamentenversuche in Landeskrankenhäusern und der Diakonie vorgestellt. Die Lübecker Forscher haben in allen untersuchten Einrichtungen Belege für Medikamentenversuche gefunden. Ein Mensch sei sogar im Zusammenhang mit der unfreiwilligen Medikamentengabe gestorben. Der Patient habe ein Medikament bekommen, dass ihn ruhig stellen sollte - er sei dann an einem Brötchen erstickt, dass er nicht mehr kauen konnte.

Versuche an mindestens 3.000 Patienten

Insgesamt haben die Lübecker Medizinhistoriker Belege für Versuche an mindestens 3.000 Patienten in den Psychiatrien des Landes und der Diakonie gefunden. Diese sollen zwischen den 1950er und 1970er Jahren stattgefunden haben. 43 Medikamente wurden demnach ohne Einwilligung der Patienten erprobt. Die Abgeordneten im Sozialausschuss waren geschockt und dankten den Wissenschaftlern für den Abschlussbericht. Fraktionsübergreifend entbrannte eine Diskussion um neue finanzielle Entschädigungen für die Opfer. Gesundheitsminister Garg forderte im Interview mit NDR Schleswig-Holstein die beteiligten Pharmaunternehmen auf, sich zusammen mit dem Land an einer weiteren Wiedergutmachung für die Betroffenen zu beteiligen - das könne laut Garg auch eine finanzielle Hilfe sein.

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Das Deckblatt eines wissenschaftlichen Abschlussberichts der Universität Lübeck. © Universität Lübeck

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Mehr finanzielle Mittel für Hilfsfonds

Eigentlich läuft die Antragsfrist für den Hilfsfonds für Betroffene am 30. Juni 2021 aus. Der Landtag hat aber kürzlich entschieden weitere 6,2 Millionen Euro bereitzustellen, um auch danach noch Menschen Hilfe zukommen lassen zu können. Im Rahmen der Aufarbeitung der Medikamentenversuche hatten Bund, Kirchen und die Bundesländer 2017 die Stiftung "Anerkennung und Hilfe" gegründet. Fast 1.000 Betroffene sollen in Schleswig-Holstein bislang rund 10,7 Millionen Euro erhalten haben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 22.04.2021 | 20:00 Uhr

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