Stand: 23.08.2019 05:00 Uhr

Eckernförde und die Marine: Die Herausforderungen

Maja Bahtijarević und Sebastian Baak 

Seit rund einem Jahrhundert haben Eckernförde (Kreis Rendsburg-Eckernförde) und die Marine eine gemeinsame Tradition. Und die soll in Zukunft gestärkt werden: In den kommenden Jahren will die Bundeswehr den Stützpunkt in dem Urlaubsort nördlich von Kiel ausbauen. Etwa 1.000 neue Dienstposten sollen zusätzlich kommen, und für diesen Schritt muss auch die Infrastruktur der Marine angepasst werden. Es ist viel Arbeit, die die Bundeswehr stemmen muss. Doch vor allem die Stadt steht vor großen Herausforderungen.

Problem I: Bezahlbarer Wohnraum

Jedes Jahr steigt die Zahl der Urlauber - Eckernförde ist eine Ferienhochburg in Schleswig-Holstein. Und auch bei Rentnern steht die Stadt offenbar hoch im Kurs. Die Konsequenz: Wohnraum wird mit jedem Jahr knapper, die Mieten steigen. Mit den neuen Soldatinnen und Soldaten, die nicht nur allein, sondern mit Familie kommen, wird die ohnehin angespannte Lage nicht besser. 

"Das Thema bezahlbarer Wohnraum ist eine große politische Herausforderung für uns", sagt Eckernfördes Bürgermeister Jörg Sibbel (CDU). Der Urlaubsort sei gekennzeichnet durch hohe Mieten. Es gebe eine hohe Nachfrage - und in der Innenstadt keine Leerstände. "Wir müssen Sorge tragen, dass sich die Zusammensetzung der Bevölkerung nicht derart verändert, so dass hier nur noch gut betuchte ältere Bürgerinnen und Bürger wohnen", sagt der Bürgermeister. Er geht davon aus, dass mit den Soldaten jüngere Menschen nach Eckernförde kommen. Dennoch bleibt die Frage nach Wohnraum, denn nicht alle können oder möchten in der Kaserne wohnen.

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Rund 600 Wohneinheiten sollen entstehen 

Laut Bürgermeister Sibbel hat Eckernförde das Problem mit einem Wohnraumversorgungskonzept schon seit geraumer Zeit auf dem Schirm - es gebe einen konkreten Plan: "In den nächsten drei bis fünf Jahren werden wir 600 neue Wohneinheiten schaffen, allein im Stadtgebiet Eckernförde", sagt Sibbel. "Es wird sehr vielfältiger Wohnraum sein - Einfamilienhausgrundstücke, Doppelhaushälften, Reihenhaus-Scheiben, Eigentumswohnungen. Und auch Mietwohnungsbau wird dazugehören." Davon sollen rund 25 Prozent sozialer Wohnungsbau sein. "Wir wollen auch in Zukunft eine Stadt für alle Einkommen, für alle Generationen sein."

Mehrere Neubaugebiete geplant

Mit der Ausschreibung für die geplanten Wohneinheiten soll aber nicht die "klassische Bauträgerschaft" angesprochen werden - "bauen und dann verkaufen" dürfe nicht die Devise sein. "Wir sprechen Wohnungsgenossenschaften an, die dann die Wohnungen auch halten und sich damit sozusagen ganz anders auch mit dem Wohnungsmarkt in Eckernförde identifizieren, als das andere tun", sagt der Bürgermeister. Die neuen Wohnmöglichkeiten sollen im Neubaugebiet Schiefkoppel II, im Gebiet der Nooröffnung, auf dem jetzigen P+R Parkplatz am Bahnhof, auf dem Lohnertgelände und dem Bereich der ehemaligen Bauschule entstehen. Sibbel betont, dass es im Umland Gemeinden gibt, die noch Menschen aufnehmen könnten.

Problem II: Mehr Marine, mehr Verkehr

Doch nicht nur Wohnraum, auch die Straßen sind ein Problem. Anwohner, 30er-Geschwindigkeitsbegrenzung, verengte Fahrbahn: Das Jungmannufer und der Vogelsang, die Zufahrtstraßen zum Kranzfelder Hafen, sind nicht für viel Durchgangsverkehr gemacht. Bereits 2015 hatte eine Zählung bestätigt, dass dort ein besonders hohes Verkehrsaufkommen durch Bundeswehrfahrzeuge herrscht. Und das wird in Zukunft noch mehr. "Es gibt aber auch schon eine fertige Planung", sagt Sibbel mit Blick auf eine Verkehrsentlastung. Die Straßen entlang des Ufers sollen irgendwann nicht mehr durchgängig befahrbar sein. "Die Erschließung zum Marinehafen erfolgt dann über die übergeordnete Straße im Norden des Stadtgebietes, wo keine Anwohner belastet werden", erklärt der Bürgermeister und meint damit, dass der Verkehr zum Stützpunkt über die B76, dann die B203 und schließlich über die L26 laufen soll.

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Die kleine Stadt hat demnach Großes vor. Abzuwarten bleibt, ob das Vorhaben so aufgeht wie vorgesehen. Erfahrungsgemäß verlaufen große Baumaßnahmen in Deutschland nicht reibungslos, und auch die Bundeswehr hat oft ihre Pläne korrigieren müssen. Letzteres scheint wahrscheinlich: Laut Bernd Ufermann, Kommandeur des Marinestützpunktkommandos Eckernförde, gebe es ein enges Regelkorsett, an das die Marine gebunden sei. Dies würde die Umsetzung nicht flexibel machen. "Zudem hat die Bundeswehr keine eigene Bauverwaltung, sondern nutzt die der Länder - in diesem Fall die Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH). Wie die Bundeswehr hat jedoch auch die GMSH in den vergangenen Jahren an Personal eingespart. Und das fehlt jetzt", sagt Ufermann.

Politik zuversichtlich, Bewohner zweifeln

Trotz aller erschwerenden Faktoren ist der Bürgermeister großer Fan davon, dass seine Stadt zum größten Bundeswehrstandort Schleswig-Holsteins werden soll. Es sei ein positives Signal, es mache Eckernförde noch struktur- und wirtschaftssicherer als zuvor.

Nein, ich sehe keine Nachteile. Ich sehe zusätzliches ehrenamtliches Engagement. Ich sehe zusätzliche Kaufkraft. Ich sehe zusätzliche freiwillige Feuerwehrleute, Übungsleiter und dergleichen mehr. Die Bundeswehr ist schon immer seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der Eckernförder Gesellschaft. Jörg Sibbel, Bürgermeister von Eckernförde

Die Politik teilt Sibbels Meinung im Großen und Ganzen. Fast alle Ratsfraktionen begrüßen die Ausbaupläne der Marine und äußern sich zuversichtlich. Lediglich die Partei "Die Linke" stellt sich entschieden dagegen, fordert die Abrüstung - und sieht bei der Wohnungsfrage vor allem Einwohner mit einem kleinen Einkommen als Verlierer.

Die Bewohner Eckernfördes erhoffen sich hingegen, dass die Stadt durch die neuen Menschen jünger wird und dadurch das innerstädtische Angebot steigt - wie zum Beispiel, dass wieder ein Kino eröffnet wird oder eine Bowlingbahn, wie es an den Stammtischen und beim Schnack auf dem Markt oft Thema ist. Doch als größten Knackpunkt sehen die Eckernförder die Wohnungssituation. Wenn die Integration der neuen Soldaten gelingen soll, müsse diese Herausforderung gelöst werden.

Stimmen von Bewohnern zur Wohnungssituation in Eckernförde

  • Bernhard Zenthöfer: "Was den Wohnungsmarkt angeht, das sieht nicht so gut aus. Da müsste man was tun, da müsste man was bauen. Und das wird eng, und es wird nicht günstiger werden. Das hat sich hier in Eckernförde auch ganz schön verändert: Es ist ganz schön teuer geworden."

  • Nils Petersen: "Wir selber suchen auch gerade eine neue Wohnung, wollen uns vergrößern. Wenn jetzt noch mal 1.000 Menschen oben draufkommen, das ist schon eine Hausnummer. Das wird sportlich, gerade hier in der Innenstadt ist es sehr teuer. Der Ein oder Andere kann sich das gar nicht leisten."

  • Katharina Richter-Langbehn: "Wenn sich das noch vergrößert, dann wird sich die Stadt auch weiterentwickeln, bebaut werden. Ich weiß nicht, ob das dann so positiv ist. Es ist ja hier immer noch eine Touristenstadt, insofern wird das auch nicht billiger."

  • Stefan Runge: "Ich weiß nicht, wie gut man im Moment eine Wohnung in Eckernförde kriegt. Ich glaube, da sind die Chancen nicht so rosig. Wenn jetzt noch 1.000 Leute extra kommen, wird es nicht einfacher. Und da finde ich auch, tut die Stadt nicht super viel für die Eckernförder, die hier wohnen wollen und hier sowieso schon leben."

  • Andrea Stuck-Lüdtke: "Das wird spannend. Das ist natürlich ein ganz sensibles Thema in Eckernförde, bezahlbarer Wohnraum. Es wird abzuwarten sein, inwiefern die Familien mit hierherziehen oder ob sie in der Nähe wohnen und die Soldatinnen und Soldaten dann nach Eckernförde reinpendeln."

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Der Eingangsbereich des Stützpunktes Eckernförde

Große Pläne für Marinestützpunkt Eckernförde

Schleswig-Holstein Magazin -

Die Bundeswehr will den Marinestützpunkt in Eckernförde deutlich ausbauen und dafür in den kommenden fünf Jahren rund 300 Millionen Euro investieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 22.08.2019 | 12:00 Uhr

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