Stand: 26.12.2018 11:00 Uhr

Mal allein, aber nie einsam: 103 erfüllte Jahre

von Lena Haamann

"Ich bereue nichts", sagt Emmi Peters, die gerade 103 Jahre alt geworden ist. Sie sitzt in ihrem Lieblingssessel in ihrer geräumigen, hellen Wohnung in Rendsburg. Sie guckt aus dem Fenster und überlegt kurz, bevor sie hinzufügt: "Außer, dass ich gerne mehr gereist wäre. Am liebsten in den warmen Süden." Weiter als bis nach Österreich ist sie, die fast ihr ganzes Leben in Schleswig-Holstein verbracht hat, nie gekommen, weil ihr Mann lieber zu Hause geblieben sei, erzählt sie. Fast 70 Jahre lang war Emmi Peters verheiratet, bis zum Tod ihres Mannes vor zehn Jahren.

"Nur die Augen sind schlechter geworden"

Ihre gemeinsame Tochter Gabriele bringt ihr einen Tee. Sie kommt fast jeden Tag vorbei, zum Einkaufen, Kochen und Reden. Vieles schafft Emmi Peters aber noch selbst. "Mir geht es ausgezeichnet, nur die Augen sind viel schlechter geworden", sagt sie. Und vor die Tür geht sie fast gar nicht mehr, nur noch zum Frisör, wenn ihre Tochter sie im Rollstuhl fährt. Denn ihr Aussehen ist Emmi Peters immer noch wichtig. Dass sie schon über 100 Jahre alt ist, sieht man der modern gekleideten, zierlichen Dame mit dem weißen Kurzhaarschnitt nicht an.

Leben im Hier und Jetzt

Im Ersten Weltkrieg geboren, im Zweiten die Kinder großgezogen: Emmi Peters blickt auf 103 Jahre bewegte Lebensgeschichte zurück. Aber am liebsten spricht sie vom Hier und Jetzt. "Mich interessiert, was in der Welt los ist", sagt sie. Deshalb hat sie immer noch die Tageszeitung abonniert. "Die fett gedruckten Überschriften kann ich noch lesen, danach gebe ich die Zeitung an meine Nachbarn weiter." Aber nicht, bevor sie die Sudoku-Seite herausgenommen hat. Mit dem täglichen Logikrätsel hält die 103-Jährige ihren Geist fit.

103 Jahre - und zufrieden

Fast alle Freunde von früher überlebt

Spiele gehörten schon immer zu ihren liebsten Hobbys. Wenn sie von ihren Doppelkopf-Runden erzählt, gerät sie ins Schwärmen. "Oh, mit welcher Begeisterung ich gespielt habe und wie gut. Nur meine Schwester konnte mich schlagen." Doch mittlerweile kennt Emmi Peters niemanden mehr, der das Kartenspiel noch beherrscht. Mit ihren 103 Jahren hat sie fast alle Freunde von früher überlebt, und sogar den Tod ihrer ältesten Tochter musste sie vor einem Jahr verkraften. Das sei der schwerste Schicksalsschlag ihres Lebens gewesen. Aber sich zurückziehen, das kommt für Emmi Peters nicht infrage.

Gesellschaft bedeutet ihr immer noch genauso viel wie früher. Dreimal in der Woche trifft sie sich mit ihren Nachbarn zum Rummikub. Trotz ihres Alters ist sie neugierig auf Neues geblieben, selbst der modernen Technik verschließt sie sich nicht - im Gegenteil. Mit 93 Jahren hat Emmi Peters sich noch Smartphone und Laptop angeschafft und das Internet entdeckt, bis vor Kurzem noch E-Mails und SMS verschickt, solange es ihre Augen zuließen.

Familienmensch

"Die schönsten Erlebnisse waren die Geburten meiner vier Kinder", erinnert sich Emmi Peters. Obwohl ihre erste Tochter Helge 1940 zur Welt kam, als ihr Mann gerade in den Krieg gezogen war. Emmi Peters musste sich ganz allein um das Baby kümmern - und Geld verdienen. Während ihre Tochter in der Krippe war, hat sie als Revisorin die Kassen von Büros in ganz Schleswig-Holstein überprüft. Ihren Sohn Dirk bekam sie während eines Bombenalarms, ganz allein in der Wohnung, während alle anderen sich im Luftschutzkeller in Sicherheit gebracht hatten.

Die Suche nach Hundertjährigen geht weiter

Die AWO wird im kommenden Jahr hundert Jahre alt und will dazu eine Ausstellung den Menschen in Schleswig-Holstein widmen, die hundert Jahre oder älter sind. Viele Männer und Frauen hat Fotograf Bernd Bünsche schon getroffen und porträtiert - einige fehlen aber noch, um die Zahl von hundert Porträts voll zu machen. Kennen Sie jemanden, der sich fotografieren lassen und seine Lebensgeschichte weitergeben möchte? Dann wenden Sie sich direkt an die AWO. Ansprechpartnerin ist Anja Abel, Telefon (0431) 511 45 51 oder per Mail an anja-abel@awo-sh.de

In den Kriegsjahren hatte Emmi Peters oft Angst um ihre Kinder. "Wenn sie bei Bombenalarm auf der Straße gespielt haben, bin ich sofort rausgerannt, um sie zu suchen." Richtig schön war die Zeit nach dem Krieg, als die Kinder noch klein waren. Damals hat sie mit ihrer Familie im Bootshaus eines Rudervereins in Rendsburg direkt an der Eider gelebt und gearbeitet, Gäste bedient und Ordnung gehalten. In ihrer Freizeit hat sie begeistert Sport getrieben: Tischtennis, Kegeln, Fahrradfahren und Wandern. "Vielleicht bin ich deshalb bis heute so fit." Besonders gern denkt Emmi Peters an die Wochenenden in ihrem Ferienhaus in Bünsdorf am Wittensee zurück, wo sie mit der ganzen Familie entspannen konnte.

Manchmal allein, aber nie einsam

Dank ihrer Familie sei sie bis heute ein zufriedener Mensch. "Denn auch wenn ich mal alleine bin - einsam fühle ich mich nie", sagt die Schleswig-Holsteinerin, die heute acht Enkel und sechs Urenkel hat. Taiwan, Dänemark, England - die meisten von ihnen wohnen zwar weit weg, aber per Post kann Emmi Peters Anteil an ihrem Leben nehmen. "So bekomme ich doch noch etwas von der weiten Welt mit, auch wenn ich selber nicht reisen konnte", freut sie sich. Auf dem Beistelltisch neben ihr liegt eine Geburtstagskarte. Gerade ist ihre jüngste Urenkelin Elina auf die Welt gekommen. "Das noch mitzuerleben, hatte ich mir fest vorgenommen." Ansonsten denke sie aber nicht viel über den Tod nach. "Es kommt wie es kommt", sagt sie. "Ich habe ein erfülltes Leben gehabt." Für die Zukunft wünscht sie sich, in ihrer Wohnung bleiben zu können, denn Emmi Peters fühlt sich dort wohl und zu Hause.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 01.01.2019 | 19:30 Uhr

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