Luftbildauswerter: Die Detektive vom Kampfmittel-Räumdienst

Stand: 18.10.2020 07:00 Uhr

Im Zweiten Weltkrieg sind über Schleswig-Holstein etwa 49.000 Tonnen Bomben abgeworfen worden. Eine kleine Gruppe von Spezialisten sucht landesweit nach den Blindgängern.

von Sven Brosda

"Das ist schon ein tolles Gefühl, wenn wir einen Blindgänger gefunden haben", erzählt Henning Dörner, der als Luftbildauswerter beim Kampfmittelräumdienst in Felde (Kreis Rendsburg-Eckernförde) arbeitet: "Das macht Schleswig-Holstein jedes Mal ein Stück sicherer." Der 32-Jährige ist seit fünf Jahren beim Kampfmittelräumdienst. Er ist weder Kriminalbeamter, noch hat er einen handwerklichen Beruf gelernt. Dörner hat Geografie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel studiert. Und damit passt er hervorragend in das kleine Team der Luftbildauswerter aus Felde.

Ohne Blindgängersuche keine Baumaßnahme

Luftbildauswerter Henning Dörner steht vor einem Fenster. © NDR Foto: Christoph Klipp
Als studierter Geograf passt Luftbildauswerter Henning Dörner perfekt ins Team.

Dörner bekommt immer dann den Auftrag nach Blindgängern zu suchen, wenn Tiefbauarbeiten in Schleswig-Holstein geplant sind. In 90 festgelegten Gemeinden muss der Kampfmittelräumdienst eingebunden werden, bevor Baumaßnahmen anstehen, so sieht es eine entsprechende Landesverordnung vor. Das gilt zum Beispiel für Kiel, Neumünster, Hemmingstedt (Kreis Dithmarschen), Bad Oldesloe (Kreis Stormarn) oder für die Insel Sylt (Kreis Nordfriesland). Dort sind im Zweiten Weltkrieg besonders viele Bomben abgeworfen worden, deshalb geht für Bauherren kein Weg an Luftbildauswerter Dörner oder seinen Kollegen vorbei.

Zugriff auf mehr als 77.000 historische Fotos

Um nach Bombenblindgängern zu suchen, braucht der Geograf nur ein paar Informationen. Ort, Straße und Hausnummer - dann kann er loslegen. Diese Daten trägt er in das sogenannte Geo-Informationssystem ein. Im besten Fall kann Dörner dann auf hunderte Fotos aus den Kriegsjahren zugreifen. Die Bilder wurden aus den Flugzeugen der Alliierten aufgenommen. Sie zeigen zerbombte Häuser, Schuttberge oder Bombenkrater. Um weitere Informationen zu gewinnen, suchen die Luftbildauswerter auch in alten Kriegsberichten, in Landes- oder Gemeindearchiven.

Wie groß sind die Bombenkrater?

Ein Indiz, ob ein Blindgänger zum Beispiel unter der Fläche für einen neuen Wintergarten liegt, ist die Kratergröße, erzählt Dörner: "Bomben, die damals abgeworfen wurden und explodiert sind, hinterlassen Löcher, die ungefähr zehn Meter groß sind." Sind auf den historischen Bildern nur kleine Löcher zu sehen, könnte dort laut Dörner ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg liegen. Wichtig bei der Suche nach Blindgängern ist die Qualität der alten Luftbilder. Manchmal gibt es Fotos, auf denen zwar genau das Gebiet zu sehen ist, das nach Bomben abgesucht werden muss - viel erkennen können die Experten dann aber trotzdem nicht, da es zum Beispiel bei bewölktem Himmel aufgenommen wurde. Dann suchen die Luftbildauswerter nach neuem Material. "Digital und analog", sagt der Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes. Die historischen Luftbilder zum Beispiel kauft das Land Schleswig-Holstein von einer Agentur, die auf alte Kriegsakten spezialisiert ist.

Blindgängersuche im Team

Luftbildauswerter Henning Dörner schaut auf ein Luftbild auf einem PC-Monitor. © NDR Foto: Christoph Klipp
Die Detektive des Kampfmittelräumdienstes nutzen alle ihnen zur Verfügung stehenden Karten und Fotos, um die Blindgänger zu finden.

"Ohne Teamarbeit geht es nicht", meint Dörner. Er freut sich, dass es beim Kampfmittelräumdienst in Felde so kollegial zugeht. Wenn der Geologe einen vermeintlichen Blindgänger gefunden hat oder sich noch unsicher ist, kommt das Team zusammen und schaut nochmal drüber. "Wir haben Kollegen, die schon viele Jahre hier sind, die noch mehr Erfahrung haben, schon Situationen gesehen haben, die die jüngeren Kollegen noch nicht kennen", meint der Luftbildauswerter. Sind er und seine Kollegen sich einig, dass ein Blindgänger unter der Erde liegen könnte, wird vor Ort auf dem jeweiligen Grundstück danach gesucht.

Immer mehr Anträge

Mit dem Bau-Boom nimmt auch die Arbeit der Luftbildauswerter zu. Waren es 2017 noch knapp 3.000 Anträge, die abgearbeitet werden mussten, lagen 2019 schon fast 5.600 Anträge auf den Schreibtischen. Bis zum Ende dieses Jahres rechnen die Experten sogar damit, dass sie mehr als 7.500 Anträge abarbeiten müssen. Wie lange es dauert, bis ein Grundstück ausgewertet ist, hängt laut Geologe Dörner mit der Größe der abzusuchenden Fläche zusammen. Bei Privatleuten können die Recherchen pro Auftrag bis zu vier Stunden dauern. Bei öffentlichen Aufträgen, zum Beispiel bei einem Schulneubau, nimmt die Suche nach Blindgängern schon mal einen Tag oder vielleicht sogar eine Woche in Anspruch. Die Blindgängersuche muss von den Bauherren bezahlt werden. Pro Stunde nimmt der Kampfmittelräumdienst 71 Euro.

Neue Kollegen gesucht

Zum Team der Luftbildauswerter des Kampfmittelräumdienstes in Felde gehören zurzeit acht Mitarbeiter. Doch das wird sich in den kommenden Monaten ändern. Das Innenministerium hat beschlossen, dass es vier weitere Stellen geben soll. Und das nicht ohne Grund: Die Zahl der Anträge steigt, entsprechend steigt auch die Wartezeit, bis die Anträge abgearbeitet werden. Im Durchschnitt müssen Bauherren 27 Wochen warten, bis sie wissen, ob ihr Grundstück blindgängerfrei ist oder, ob der Kampfmittelräumdienst zur Entschärfung anrücken muss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.10.2020 | 08:00 Uhr

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