Stand: 19.07.2016 05:00 Uhr

Lensahn kämpft für Flüchtling: Bujar soll bleiben

von Thorsten Philipps

Bujar Krasniqi sitzt mit angestrengtem Blick im blauen Trainingsanzug am Holzschreibtisch vor seinem Deutschbuch. Das Plusquamperfekt ist eigentlich dran. Aber der 27-jährige Asylbewerber aus dem Kosovo kann seit einer Woche kaum noch an etwas anderes denken als seinen Anhörungstermin in Schleswig vor dem Verwaltungsgericht. "Es geht für mich um Leben oder Tod. Wenn ich zurück in mein Dorf im Kosovo muss, bringen mich die Albaner um", sagt der Mann, der nur Bujar genannt werden möchte und in Lensahn (Kreis Ostholstein) lebt.

Angst vor Blutrache

Vor zwei Jahren erschoss sein Bruder einen Albaner in dem kleinen Dorf Terpeze - stellte sich danach sofort der Polizei, sagt Bujar. Aus Angst vor einer möglichen Blutrache der albanischen Familie gingen Bujar und sein anderer Bruder nicht mehr zur Arbeit oder auf die Straße. Sie versteckten sich im Keller. "Wir wollten uns erst mit denen treffen und reden, um uns für unseren Bruder zu entschuldigen. Aber die haben gesagt, dass wir für den Tod büßen müssen", erzählt Bujar mit unsicherer Stimme. Danach wollte er mit seinem Bruder nur noch weg, "so weit wie möglich".

Todesangst auf der Flucht

Für die Flucht zahlte er deshalb einem Schlepper 4.000 Euro. "Den habe ich nach seinem Namen gefragt, aber er wollte ihn mir nicht sagen", beteuert Bujar und erzählt, dass er mit einem Auto über Serbien, Ungarn und Österreich geflohen sei. Dabei saß er mit seinem Bruder auf der Rücksitzbank. Auf dem Beifahrersitz saß noch ein anderer Flüchtling. "Am Anfang hatte ich Angst, dass der Typ vielleicht einfach mein Geld nimmt und mich umbringt."

Jeweils drei Kilometer vor den Grenzen ließ ihn der Schlepper zu Fuß gehen. Bujar floh dann im Laufschritt, überquerte die Grünen Grenzen und stieg danach wieder ins Auto. Im April 2014 kam er in Deutschland an, wurde zuerst einen Monat lang in Dortmund, dann 20 Tage lang in Neumünster und danach in einer Lensahner Wohnung zusammen mit einem anderen Flüchtling untergebracht.

Polizeieinsatz um 2.30 Uhr

Derzeit teilt er sich die Drei-Zimmer-Wohnung mit dem Afghanen Omar Madjedi. Beide schauen viel deutschsprachiges Fernsehen zusammen, kochen gemeinsam und kommen gut miteinander aus. Da hatte Bujar vor einem Jahr schon ganz andere Erfahrungen mit einem Mitbewohner gemacht. Mitten in der Nacht brachen Polizisten die Tür auf und drückten ihn mit der Waffe auf den Boden, sagt er. Sein ehemaliger Mitbewohner aus dem Libanon soll kurz zuvor eine Frau vergewaltigt haben.

Bujar ist integrationswillig

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Die Mannschaft des TSV Lensahn setzt sich dafür ein, dass ihnen Bujar als Mitspieler erhalten bleibt.

Auch jetzt hat Bujar Angst. Die Anhörung in Schleswig vor dem Verwaltungsgericht ist seine letzte Chance auf Asyl. Für viele Mitspieler seines Fußballvereins TSV Lensahn ist die drohende Ausweisung völlig unverständlich. Sie sprechen von einem feinen Kerl, "total hilfsbereit und integrationswillig". Unter dem Stichwort "#bujarmussbleiben" fordern sie bei Facebook, dass er hier bleiben darf.

Kurz nachdem Bujar in Lensahn vor etwa zwei Jahren angekommen war, ging er zufällig am Gelände des TSV Lensahn vorbei. "Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich da mitspielen darf. Ich hatte einfach gefragt und der Trainer sagte, ich solle zum nächsten Training kommen. Das war mein Glück", erinnert sich der Flüchtling mit einem Lächeln.

Integration durch TSV Lensahn

Als er beim TSV Lensahn anfing, Fußball zu spielen, nimmt Bujars Integrationsgeschichte ihren Lauf. Sein neuer Mannschaftkamerad Fin-Ole Ratje lädt ihn zum Essen nach Hause ein. "Er hatte ja keine Freunde hier und tat mir Leid, außerdem war er super nett", sagt Ratje. Dessen Mutter Doris hilft Bujar beim Deutschlernen - ein halbes Jahr lang hat er einen Deutschkurs in Oldenburg gemacht. "Da habe ich ihm mal bei den Hausaufgaben oder beim Papierkram mit den Behörden geholfen", berichtet die Mutter, die ihm dann auch noch hilft, eine Lehrstelle als Maler zu finden. "Das war für mich das Wichtigste, dass ich endlich arbeiten kann. Das war ein Segen", sagt Bujar.

Detaillierte Angaben sind wichtig

Als der Ablehnungsbescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vor gut einem Jahr eingeht, besorgt Doris Ratje einen Anwalt - einen Spezialisten für Flüchtlingsangelegenheiten. Matthias Schiffer aus Eutin nimmt sich Bujars Sache an und klagt gegen die Ablehnung beim Verwaltungsgericht. Das hat aufgrund der schriftlichen Darlegung über die Verfolgungsgründe die Klage abgelehnt. Nun soll Bujar mündlich erzählen, warum er im Kosovo um sein Leben fürchtet. "Die Entscheidung hängt von der Menschlichkeit des Richters ab, und auch davon, wie detailliert Bujar seine Angaben zur drohenden Blutrache machen kann", erklärt der Rechtsanwalt.

Bujar hofft, dass er die Richter von der Gefahr für sein Leben im Kosovo überzeugen kann: "Ich weiß auch nicht, was wird", sagt Bujar mit resigniertem Unterton.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 19.07.2016 | 05:00 Uhr

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