Eine Labormitarbeiterin schaut sich mit der Pinzette einen Cannabis-Setzling an. © NDR Foto: Lisa Synowski

Legales Cannabis aus Bad Bramstedt

Stand: 05.11.2020 15:27 Uhr

Bisher mussten deutsche Apotheken medizinisches Cannabis aus anderen Ländern importieren. Ein Unternehmen aus Bad Bramstedt will das ändern. Es hat mit der ersten legalen Cannabis-Zucht Deutschlands begonnen.  

von Lisa Synowski

Ein unscheinbarer Mini-Van fährt auf ein ebenso unscheinbares Firmengelände in Bad Bramstedt (Kreis Segeberg). Unter Blitzlichtgewitter mehrerer Journalisten. Denn an Bord hat dieser Van eine besondere Lieferung: 450 Cannabis-Setzlinge aus Kanada, verpackt in mehreren Pappkartons. Geschäftsführer Hendrik Knopp nimmt die jungen Pflanzen in Empfang. "Das ist ein historischer Moment", sagt er und strahlt wie ein stolzer Papa. Denn mit diesen Setzlingen soll die erste legale Cannabis-Zucht Deutschlands starten. Ihre Reise hat Knopp monatelang organisiert: "Es handelt sich hier um Betäubungsmittel. Das heißt: Wir mussten mit dem Zoll klären, wo die Ware freigegeben wird, der Pflanzenschutz musste sicherstellen, dass keine Verunreinigungen drin sind und wir die Route geheim halten, damit uns niemand folgt."

Erster Pflanzen-Check nach der langen Anreise

Eine Labormitarbeiterin schaut sich mit der Pinzette einen Cannabis-Setzling an. © NDR Foto: Lisa Synowski
Mit Pinzetten und Reagenzgläsern werden in Bad Bramstedt Cannabis-Klone hergestellt.

48 Stunden Reise haben die Pflanzen hinter sich. Ein enormer Aufwand. Aber einer, den Hendrik Knopp betreiben musste. Denn in Deutschland gibt es noch keine legalen Cannabis-Sorten. Die kanadischen Pflanzen haben hingegen schon eine Zulassung für den deutschen Arzneimittelmarkt. Der Mutterkonzern baut sie in Kanada seit mehr als vier Jahren an. Ihr Wirkstoffgehalt hat sich als konstant erwiesen. Das ist wichtig für eine gleichbleibende Qualität des Medikaments. Hendrik Knopp prüft im Labor, ob die Pflanzen die Reise gut überstanden haben. Dafür tastet er an Blättern und Wurzeln: "Die Wurzel ist stark ausgeprägt, das ist super! Das heißt, der Pflanze geht es gut. Es ist extrem wichtig, dass das Ausgangsmaterial gesund ist. Wenn da irgendeine Belastung wäre, würden wir das die nächsten Generationen mit übernehmen."

Aus 450 Setzlingen werden 15.000

Hendrik Knopp ist zufrieden mit den kanadischen Setzlingen. Seine Mitarbeiter sollen sie jetzt im Labor in Bad Bramstedt vervielfältigen. In einem sogenannten In-Vitro-Prozess, also im Reagenzglas. Henning Wolf ist offizieller Betäubungsmittelverantwortlicher und überwacht den Prozess. Er und sein Team haben dafür wochenlang geübt. Mit deutschen Cannabis-Pflanzen, die zu Forschungszwecken zugelassen sind. "Wir entfernen Teile der Pflanze, die besonders reproduzierbar sind. Und wenn wir diese einzelnen Zellen isolieren können und in ein spezielles Nährmedium geben, dann wächst daraus eine neue Pflanze. So kann man aus einer Pflanze im Grunde genommen unendlich viele Klone bekommen", beschreibt Henning Wolf das Verfahren. Das Ziel des Teams: Aus den 450 kanadischen Setzlingen 15.000 Jungpflanzen machen. In sechs Wochen.

Konstanter Wirkstoffgehalt bei den Cannabis-Klonen

Medizinisches Cannabis kann bei chronischen Schmerzen helfen, bei Epilepsie sowie bei den Nebenwirkungen einer Chemotherapie. Eine Tonne Cannabisblüten pro Jahr hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bad Bramstedt bestellt. Aufgeteilt in drei verschiedene Sorten, mit jeweils unterschiedlich hohem Gehalt an THC (Tetrahydrocannabinol ) und CBD (Cannabidiol). Das sind die Wirkstoffe, die für die berauschende beziehungsweise beruhigende und entkrampfende Wirkung von Cannabis verantwortlich sind. Je nach Krankheitsbild brauchen die Patienten mehr von dem einen oder dem anderen Wirkstoff - aber das bei immer exakt gleichbleibender Qualität. "Wenn man sich selbst von der Straße versorgen würde, illegal, dann wüsste man nie, wie es wirkt, weil die Wirkstoffe immer ein bisschen anders sind. Unsere Klone haben aber immer den gleichen Wirkstoff und Patienten können so eine stabile Therapie bekommen", erklärt Hendrik Knopp.

Erste Ernte Anfang 2021

Im Dezember sollen die geklonten Pflanzen von Bad Bramstedt nach Neumünster umziehen. Dort hat Hendrik Knopps Unternehmen in den vergangenen Monaten eine große Indoor-Plantage gebaut. Unter exakt kontrollierten Bedingungen will er die jungen Pflanzen dort innerhalb von rund zwei Monaten zur Ernte bringen. Hendrik Knopp hofft, dass er im kommenden Frühjahr das erste medizinische Cannabis aus Deutschland an Apotheken ausliefern kann - gezogen aus den kanadischen Setzlingen, die er diese Woche in Bad Bramstedt in Empfang genommen hat.

 

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