Stand: 23.09.2019 05:00 Uhr

Lebensmittelkontrolle: "Etwas finde ich immer"

von Julian Marxen

Es riecht nach frisch gebackenem Brot, nach Apfelkuchen, Butter und Vanillepudding. In der kleinen Backstube der Konditorei Café Köster in Ratekau bei Lübeck räumt ein Bäcker gerade seinen mehlbestäubten Arbeitsplatz, in der Küche daneben stellen Mitarbeiterinnen Frühstücksteller zusammen, nehmen Käse, Wurst und Obstsalat aus der Kühlung.

Mitten im Gewusel: eine Frau im weißen Kittel. Sie öffnet den Kühlraum und sticht mit der Messnadel eines Thermometers in eine Obsttorte. Ein prüfender Blick auf die Digitalanzeige: "Alles ok, die Kühlung passt." Angela Sus darf nichts entgehen, denn sie ist im Auftrag der Gesundheit unterwegs. Als Lebensmittelkontrolleurin inspiziert sie im Auftrag des Kreises Ostholstein Gastronomie-Betriebe in der Region. Sus prüft dabei unter anderem, ob die Küchen sauber sind, die Kühlschränke funktionieren, wie Lebensmittel gelagert werden und ob sie möglicherweise verdorben sind.

Wie eine Lebensmittelkontrolle im Café abläuft

Jeder zehnte Betrieb mit schweren Mängeln

Vom Kühlraum geht es nun in die Backstube des Café Köster. Angela Sus holt eine Taschenlampe hervor und leuchtet in einen großen Kunststoff-Behälter mit Mehl. "Das ist natürlich ganz wichtig, weil sich hier leicht Mehlmotten einnisten könnten. Das ist hier aber nicht der Fall, sonst würde ich im Lampenschein jetzt schon Gespinste sehen." In mehr als jedem zehnten Gastronomiebetrieb in Schleswig-Holstein stellen die Kontrolleure schwerwiegende Mängel fest. Etwa jeder vierte Lokalinhaber muss nach Angaben der Prüfer wegen einzelner Verstöße zumindest verwarnt werden. Probleme machen dabei zunehmend Gastro-Quereinsteiger.

Angela Sus und ihre Kollegen wünschen sich eine Art "Hygieneführerschein" und appellieren deshalb auch an die Berliner Politik: "Wir brauchen deutschlandweit intensivere Hygiene-Schulungen samt Prüfung für Neugastronomen." Diese müssen aktuell nur einen dreistündigen Schnellkurs bei der IHK belegen. Die Teilnahmebescheinigung, im Volksmund "Bulettenschein", gilt dann unbefristet.

Konditor: "Kontrollen sind wichtig"

Kontrolleurin Sus blickt sich weiter hinter den Kulissen des Ratekauer Cafés um. Beim Blick hinter den Tisch, auf dem Brote geformt werden, findet Kontrolleurin Sus dann doch noch etwas. Ein paar Teigreste liegen da. "Irgendetwas finde ich immer", sagt Sus und wendet sich an Inhaber Martin Köster: "Hier müssen Sie noch mal hintergucken und ausfegen." Der Konditor nickt einsichtig: "Klar, machen wir gleich." Außerdem weist die Kontrolleurin auf ein größeres Loch im Fliegengitter hin.

Als lästig empfindet Köster die Kontrollen nicht, im Gegenteil: "Wenn ich eine Beule in mein Auto fahre, sehe ich die irgendwann auch nicht mehr. Und so ist es auch hier. Man wird ein wenig betriebsblind", gesteht Köster. "Da ist es ganz wichtig, dass jemand vorbeikommt, dir auf die Finger klopft und sagt: 'Du hast eine Beule, du musst was machen.'" Einsichtig seien die meisten Gastronomen, berichtet Angela Sus. Aber einige würden es einfach nicht schaffen, die Mängel dann tatsächlich auch zu beheben.

Was soll der Gast wissen?

Kösters Konditorei sei vorbildlich, lobt Sus. Aber es gehe auch ganz anders: Wurst und Frischfleisch bei Zimmertemperatur gelagert, rostige Backbleche, Schimmelbefall, Insekten, tote Mäuse. Die Lebensmittelkontrolleurin hat schon vieles gesehen auf ihren Prüfgängen. Die Folgen: Bußgelder, Verfügungen bis hin zu Schließungen. Und der Gast? Der weiß in der Regel nicht, was in den Restaurantküchen zwischen Nord- und Ostsee vor sich geht.

Und es gibt nicht wenige, die fordern, dass sich das ändert. Die Initiative Foodwatch etwa kritisiert, Schleswig-Holstein sei das einzige Land, das die Berichte auf Anfrage flächendeckend nicht herausgeben würde. Die Verbraucherschutzorganisation hat darum beim Verwaltungsgericht Schleswig beispielhaft Klage gegen den Kreis Ostholstein eingereicht.

Zwischen Pottkiekern und Smileys

Prüferin Angela Sus allerdings fände es nicht gut, wenn jeder ihre Berichte anfordern und sie ähnlich einem Pranger im Internet veröffentlichen könnte, so wie es Foodwatch macht. Sie schlägt stattdessen einen Aushang an der Restauranttür vor, der jedem verständlich anzeigt, was die jüngste Kontrolle ergeben hat. Kiels Verbraucherschutzministerin Sütterlin-Waack hingegen will mit ihrem geplanten Pottkiekergesetz erreichen, dass jeder Gast beim Inhaber die Berichte erfragen kann.

Der Ratekauer Konditor Martin Köster hält davon eher wenig. Er könne sich durchaus mit einem Smiley-System anfreunden, das anhand von Mundwinkel-Symbolen vor dem Betrieb verrät, wie es drinnen um die Hygiene steht. In anderen Ländern wie zum Beispiel in Dänemark gibt es das schon seit Jahren. "Warum nicht auch bei uns?", fragt Köster. Wer nichts zu verbergen habe, habe auch nichts zu befürchten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 23.09.2019 | 05:00 Uhr

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