Stand: 04.07.2019 05:00 Uhr

Lebensmittel per App retten: Auch SH macht mit

Es ist 17.45 Uhr, kurz vor Feierabend bei Bäcker Wäger in Mönkeberg (Kreis Plön). Andrea Weßling hat bereits morgens mit der App "Too Good To Go" ein Überraschungspaket bestellt. Bezahlt hat sie mit PayPal, einem Internet-Bezahlsystem. Chef Gunnar Wäger überreicht die Überraschungstüte, gefüllt mit verschiedenen Broten, Brötchen, Erdbeer- und Streuselkuchen. Das Paket hat einen Wert von neun bis zehn Euro - bezahlen musste die Mönkebergerin nur drei Euro.

Mit der "To Good to Go" App auf dem Smartphone einkaufen.

App bewahrt Lebensmittel vor der Mülltonne

Schleswig-Holstein Magazin -

Viele Lebensmittel, die in Einzelhandel oder Gastronomie weggeworfen werden, wären noch essbar. Dank der kostenlosen App "Too Good To Go" geht nun manches doch noch über den Tresen.

4,07 bei 15 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Andrea Weßling genießt den Obstkuchen gleich draußen vor der Bäckerei. Und auch Bäckerei-Chef Gunnar Wäger freut sich, dass heute Abend wieder viele per App fleißig bestellt haben. "Eine schöne Möglichkeit auch für uns, nicht so viel wegschmeißen zu müssen. Wir haben uns sowieso Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben, da passt die App 'Too Good To Go' super dazu." In seinen verschiedenen Filialen in Kiel und im Kreis Plön verkauft er monatlich Hunderte Überraschungspakete.

Eine Riesenbox Sushi für wenig Geld

Andrea Weßling ist auf die App durch ihre Tochter Emily gekommen. Die 21-Jährige studiert im dänischen Sonderburg Betriebswirtschaft. Da Dänemark das Gründungsland von "Too Good to Go" ist, machen hier richtig viele mit. "In der kleinen Stadt Sonderburg gibt es ungefähr zwölf Restaurants, Bäckereien und Supermärkte, die 'Too Good To Go' anbieten. Meine Freunde und ich ernähren uns ständig davon, kaufen über die App zum Beispiel Sushi und bekommen für wenig Geld eine Riesenbox", erzählt Emily. Statt 25 Euro zahle sie dann nur etwa sechs Euro. "Und was ich nicht aufbekomme, friere ich ein. Für mich ist das super: Ich spare Geld, und ich muss nicht so viel kochen." Sogar ein Discounter in Sonderburg mache mit, sagt die gebürtige Mönkebergerin. "Hier hole ich mir dann ganze Tüten mit Obst und Gemüse."

Ländlicher Raum noch schwach vertreten

Per App bestellen, abholen und Geld sparen

Emilys Mutter Andrea Weßling fand die Idee super und machte sich schlau, wer sich bei ihr in der Gegend an diesem System beteiligt. Auch in Deutschland kommt die Idee so langsam in Schwung. Nach Angaben des Unternehmens gibt es 3.000 Partnerläden in 400 Städten. In Schleswig-Holstein beteiligen sich 118 Betriebe, allein in Kiel sind es demnach 55. Restaurants wie das "Fuego del Sur", die Kette "Nordsee" oder das "East" machen mit, und auch viele Bäckereien sind am Start.

Im Kreis Plön sind es nur sieben Betriebe - der ländliche Raum muss oft noch erobert werden. Einige Betriebe hören auch wieder auf, weil die Nachfrage zu gering, der Aufwand dann aber doch zu hoch ist. "Schade, dass das Angebot nicht noch größer ist. Ich finde die Idee toll", sagt Andrea Weßling. "An erster Stelle steht für mich, dass nicht so viel weggeschmissen wird."

Auch der App-Betreiber verdient mit

Kritiker könnten bemängeln, dass bei "Too Good To Go" auch wirtschaftliche Interessen dahinter stecken. Jeder teilnehmende Betrieb muss gut einen Euro abgeben. Bäcker Gunnar Wäger zum Beispiel behält von den drei Euro lediglich 1,70 Euro selbst, der Rest gehe an die Plattform, sagt er. Dennoch: "Too Good To Go" hat ein großes Ziel, und das ist die Bekämpfung von Lebensmittelverschwendung. Durch das System wurden zum Beispiel in Schleswig-Holstein seit Einführung der App 2016 den Angaben zufolge 51.000 Mahlzeiten gerettet. Der App-Betreiber wurde bereits mit einem Bundespreis ausgezeichnet.

Anti-Wegwerfgesetz gefordert

Das Unternehmen mit Sitz in Berlin will nun auch politisch Druck aufbauen und hat erst vor einigen Wochen gemeinsam mit anderen Initiativen das "Nationale Bündnis zur Lebensmittelrettung" gegründet. "Grundsätzlich finden wir gut, dass die Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung nun von mehreren Seiten Fahrt aufnimmt", bewertet die Sprecherin von "Too Good To Go", Franziska Lienert, die derzeitige Lage.

Aber ihre Forderungen gehen weiter: Das Bündnis fordert unter anderem ein Anti-Wegwerfgesetz. "Wir brauchen rechtlich bindende Maßnahmen von der Regierung, die den Handel dazu verpflichten, sich Alternativen zum Entsorgen zu suchen." Tatsächlich können die Massen, die in Deutschland weggeschmissen werden, schon nachdenklich machen. Laut einer WWF-Studie sind es jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel, die im Mülleimer landen. 

Weitere Informationen
Panorama 3

Lebensmittelverschwendung: Essen im Müll

Panorama 3

85 Kilogramm Lebensmittel schmeißt jeder Privathaushalt in Deutschland jährlich in den Müll. Wir machen den Test: Welche abgelaufenen Lebensmittel findet unsere Reporter im Schrank? mehr

Justizminister: Containern bleibt verboten

In Deutschland bleibt es untersagt, Lebensmittel aus Müllcontainern herauszuholen. Die Justizminister der Länder konnten sich nicht auf eine Gesetzesänderung verständigen. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.07.2019 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

01:45
Schleswig-Holstein Magazin
02:29
Schleswig-Holstein Magazin