Stand: 24.09.2018 05:00 Uhr

Mit Geduld und Geschick zum Holzblasinstrument

Fünf Autoren begleiten fünf Auszubildende in fünf Branchen - über Wochen, Monate und Jahre: In einer langfristig angelegten Serie berichtet NDR Schleswig-Holstein über junge Menschen im nördlichsten Bundesland, die ins Berufsleben starten. Wie läuft der Übergang von der Schule in den Berufsalltag? Welche Schwierigkeiten gibt es - und wer bleibt trotzdem und warum bei der Stange? Wessen Träume erfüllen sich voll und ganz? Greift jemand bei der Berufswahl völlig ins Klo? Zum Auftakt der Serie stellen wir Tag für Tag die Protagonisten vor. Alle stehen ganz am Anfang ihrer Ausbildung.

von Robert Tschuschke

Sarah Kragge sitzt hochkonzentriert an ihrem Arbeitsplatz im Holzblasinstrumenten-Studio - der Meisterwerkstatt von Torsten Köhler. Auf dem hölzernen Werktisch hat die 18-Jährige mit blondem Zopf und grauer Schürze in den vergangenen Wochen ihre eigene Ordnung geschaffen: Die Schraubenzieher, Zangen, Scheren und jede Menge Spezialwerkzeug liegen so, wie Sarah sie braucht. Gerade macht sie eine Klarinette wieder fit. Dafür erwärmt Sarah ein wenig Klebstoff mit einem Bunsenbrenner. Sie erklärt, was zu einer Generalüberholung alles dazu gehört: "Die Mechanik muss eingezogen und gereinigt werden. Die Klarinette wird auch geölt, und die 24 Klappen werden neu bepolstert. Und dann werden auch die Korken an den Klappen und an den Zapfen erneuert. Also dort, wo man die Klarinette zusammenstecken kann."

Von der Schulbank an die Werkbank

Aus der Schule in die Ausbildung

Im Sommer hat Sarah ihr Abitur im niedersächsischen Stade auf einem Wirtschaftsgymnasium gemacht. "Ich wollte aber etwas Handwerkliches machen. Das stand schon lange fest. Da brauchte ich kein Findungsjahr oder so etwas. Ich habe dann zufällig mitbekommen, dass Toko, also mein Chef Torsten Köhler, wieder ausbildet." Sarah zog für den Job extra nach Pinneberg in eine kleine Wohnung. "Das gefällt mir sehr gut. Es ist alles neu, aber entspannt. Ich muss mich jetzt nicht mehr mit meinen zwei älteren Brüdern in Sachen Haushalt absprechen und die Arbeit teilen. Das ist also einfacher. Und ich wohne jetzt direkt in der Innenstadt und laufe fünf Minuten bis zur Arbeit. Meine Familie sehe ich meistens an den Wochenenden."

"Sarah hat viel Potenzial"

Anfang des Jahres hatte Sarah bereits ein Praktikum bei Torsten Köhler gemacht. Die beiden kennen sich seit ungefähr fünf Jahren. "Toko habe ich mit 13 Jahren kennengelernt. Er kam immer einmal im Monat nach Stade, um Querflöten, Klarinetten und Saxophone zu reparieren. Er hat sich dann auch um meine Klarinette gekümmert." Die Ausbildung hat sich also quasi schon länger angebahnt, erzählt Torsten Köhler und lacht: "Das Potenzial war früh zu erkennen. Da habe ich dann sofort zugeschlagen, als sie sich beworben hat. Das war ja klar." Durch das Spielen der Instrumente, vor allem des Saxophons, lernte auch der gebürtige Trierer einst Werkstätten kennen. Er fand das Reparieren sehr interessant. Für eine Generalüberholung einer Klarinette benötigen Holzblasinstrumenten-Macher in etwa acht bis zehn Stunden reine Arbeitszeit. Die Kunden müssen für den Komplett-Service mit Kosten ab 550 Euro rechnen.

Sarah Kragge arbeitet an der Reparatur einer Klarinette. © NDR Fotograf: Robert Tschuschke

Umgeben von Werkzeugen und Musikinstrumenten

NDR 1 Welle Nord - Schleswig-Holstein von 10 bis 2 -

Wir gucken in Betrieben vorbei, in denen Azubis gerade angefangen haben. Heute sind wir in Pinneberg im Holzblasinstrumenten-Studio von Torsten Köhler. Azubi ist die 18-jährige Sarah Kragge.

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Ein fast ruhiger Arbeitsplatz

Das Team im Holzblasinstrumenten-Studio ist klein. Torsten Köhlers Ehefrau Carmen kümmert sich hinter dem Empfangstresen um sämtliche Büroangelegenheiten und um die Dekoration. Die zwei Werkstatt-Hunde Benno und Eddie begrüßen schwanzwedelnd die Kunden und singen manchmal mit, wenn Chef Torsten Köhler sein Saxophon im kleinen Ausstellungsraum nebenan spielt. Manchmal durchschneidet auch das Dröhnen der Drechsel- und Bohrmaschinen die ansonsten ruhige Atmosphäre. "Wir hören auch häufig Hörbücher oder Musik. Ruhe und Entspannung sind für diesen Beruf sehr wichtig", erklärt Sarah.

Grundvoraussetzungen: Geduld, Geschick, Humor und gute Laune

Gleich links neben der Eingangstür ist die offene Werkstatt in Wohnzimmergröße, wo Sarah gerade mit den Klappen der Klarinette fast fertig ist. "Toko, kannst du da mal drüber schauen?" Torsten Köhler nimmt die Klarinette an den Mund und versucht, einen Unterdruck zu erzeugen. Nach kurzem Saugen ploppt es. "Sarah macht das nach kurzer Zeit schon sehr ordentlich. Die Klappen schließen schon fast vollständig. Auf drei Uhr ist es immer noch ein bisschen leichter und auf neun Uhr ist es stärker. Da musst Du die Klarinette noch einmal erwärmen." Manchmal hat Sarah noch ein wenig Bammel, dass das Holzblasinstrument beim Erwärmen über dem Bunsenbrenner Feuer fängt. "Da muss man ganz genau die Flamme unter die Klappe halten." Torsten Köhler wirft lachend ein: "Obwohl wir nie die Klappe halten können. Herrlich." Sarah muss mitlachen: "Hier ist immer gute Laune."

Die Ausbildung ist anstrengender als Schule

In den ersten Tagen ihrer Lehre hatte Sarah erst einmal Mechaniken gereinigt und Klarinetten-Klappen eingezogen. Jetzt hat sie einen Stundenplan: "Montag bis Mittwoch baue ich Werkzeuge selbst, zum Beispiel spezielle Bohrer und Fräser, die ansonsten sehr teuer wären. Dann habe ich den Rest der Woche noch Büro-Einführungen und ich pflege die Maschinen. Es ist auf jeden Fall eine Umstellung von der Schule ins Berufsleben. So ein Arbeitstag ist schon recht lang." Saxophone und Querflöten wird Sarah erst später reparieren. Auch die Berufsschulbank muss noch ein wenig warten. In Deutschland gibt es nur drei Berufsschulen für diese Art von Ausbildung. Sarahs Schule ist in Ludwigsburg in Baden-Württemberg - das bedeutet Blockunterricht. "Das wird noch alles sehr spannend. Ich lasse es auf mich zukommen. Drei Jahre Ausbildung ist ein langer Zeitraum. Vielleicht mache ich irgendwann meine eigene Werkstatt auf. Eventuell mache ich aber auch nochmal etwas anderes. Ich muss auf jeden Fall Spaß haben."

Weitere Informationen

"Meine Ausbildung in SH": Die Protagonisten

Sie heißen Sarah, Niklas, Evje, Mohammad und Kevin - und haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft. In einer Serie begleiten wir Auszubildende in Schleswig-Holstein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein bis 2 | 24.09.2018 | 10:40 Uhr

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