Stand: 19.12.2017 21:24 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Landesarchiv findet NS-Aufnahmen der Neulandhalle

von Peer-Axel Kroeske

In der ersten Etage des Schleswiger Prinzenpalais sitzt Ralf Heidemann an einem großen Gerät mit Schwarz-Weiß-Bildschirm. Von den tellergroßen Spulen läuft ein 16-mm-Film über viele Rollen wie bei einem Tonband. Schneide-Tische für analoge Filmaufnahmen sind rar geworden. Die Modelle im Landesarchiv sind auch schon fast 30 Jahre alt - gerade aber von größter Bedeutung.

Filmfragmente zwischen Kinowerbung

Als Heidemann, technischer Mitarbeiter beim Landesarchiv, vor einigen Monaten einige Rollen aus den Beständen der ehemaligen Firma Nordmark-Film sichtete, erwartete er nichts Besonderes. Das Material sollte aussortiert werden. Über den Schirm flackerte alte Kinowerbung für eine Möbelfirma aus Kiel, für Margarine und für eine Brauerei. Doch dann tauchten plötzlich Bilder auf, in denen Männer an einem Seil ziehen, mit dem sie eine große Glocke ein Holzgestell hinauf befördern. Menschengruppen marschieren vor einem Gebäude auf, sie halten Hakenkreuzbanner mit dem Schriftzug "Dithmarschen" in die Höhe.

Der Plan: Eine NS-Mustergemeinschaft

Das Gebäude war schnell identifiziert: Im "Adolf-Hitler-Koog", heute heißt er Dieksanderkoog, sollte 1935 eine nationalsozialistische Mustergemeinschaft entstehen. Linientreue Parteimitglieder siedelten sich auf den neuen Höfen an. Sie bekamen ein Gemeinschaftshaus mit monumentaler Architektur: die Neulandhalle. Zwei Filme dazu aus der frühen Zeit waren bereits bekannt. Die Archivare vermuteten zunächst, sie seien nur auf verworfenes Rohmaterial gestoßen. "Eine Aufnahme wird ja oft dreimal gemacht, um dann die beste zu verwerten," erklärt Heidemann. Doch schon bald stellte sich heraus: Es handelt sich um ein bisher komplett unbekanntes Zeitdokument.

Neulandhalle in der NS-Zeit: Film aus Schnipseln

"Ein Puzzlespiel der Filmarchäologie"

Die Aufnahmen waren allerdings bunt verstreut. "Ein paar Zentimeter am Anfang der Rolle, ein paar Zentimeter hinten, mittendrin mal ein Stück," erzählt Heidemann. Der Leiter des Landesfilmarchivs, Dirk Jachomowski, ergänzt: "Es waren Szenen, die irgendwie dazugehörten." Ganz sicher sei man sich aber zunächst nicht gewesen. "Und da ging die spannende Filmarchäologie los: Was ist das?" An dieser Stelle begann das Puzzlespiel. Das Ergebnis nun: ein Film von knapp fünf Minuten ohne Ton, dem man nicht anmerkt, dass es sich eigentlich um Patchwork handelt.

Amateurfilme aus den 1930er Jahren

Gut 20 Mal im Jahr erhält das Landesarchiv bisher noch unbekanntes Filmmaterial aus der Vorkriegszeit in Schleswig-Holstein, meist aus privaten Beständen. "In den frühen 1930er Jahren hatte, wer sich das leisten konnte, schon eine Kamera. Wir haben durch diese Amateurfilme den privaten Blick auf die NS-Zeit gewonnen", stellt Jachomowski fest. Von anderen alten Aufnahmen hat das Landesarchiv in Schleswig bereits drei DVDs veröffentlicht: über die Landwirtschaft in alter Zeit, die Oldenburger St.Johannisgilde und das Leben auf der Hallig Langeness. Die Neulandhalle beherbergte nach dem Krieg unter anderem ein Jugendfreizeitheim und Gastronomie. Inzwischen bauen Land und Kirche sie zu einem historischen Lernort aus.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 19.12.2017 | 19:30 Uhr

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