Stand: 14.03.2019 08:15 Uhr

Konjunkturprognose: Die Story hinter den Zahlen

von Fin Walden

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Stefan Kooths ist Prognose-Chef am Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Trainingsanzug und Sportschuhe - so sitzt der Leiter des Prognosezentrums am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hinter seinem Schreibtisch. "Als Konjunkturforscher muss man fit sein", sagt Stefan Kooths, grinst und zieht sich schnell noch ein Hemd über. Was er mit fit sein meint, das wird auch einem Wirtschaftslaien schnell deutlich. Denn eine einfache Rechenformel, die nur noch mit Daten gefüttert werden muss und mit der das Institut vier Mal im Jahr die Wirtschaftsprognosen erstellen kann, die gibt es nicht. Stattdessen - so erzählt es Kooths - müssen er und seine Kollegen Allrounder sein und überall hin ihre Fühler ausstrecken, damit die Frühjahrsprognose präsentiert werden kann. So wie an diesem Mittwoch. "Das ist so kurz vor der Prognose sogar ein richtig stressiger Job", bekräftigt der durchtrainiert wirkende 50-Jährige am Tag zuvor. Gleichzeitig leuchten jedoch seine Augen, wenn er erzählt, dass es "eben nicht dieses eine große Rechenmodell" gibt. "Da sind Hunderte von Komponenten, die wir berücksichtigen müssen", berichtet Kooths über die Arbeit seines zwölfköpfigen Foscherteams, "und dann versuchen wir, die Story hinter diesen Zahlen zu erklären. Und das ist das eigentlich Interessante."

Weltpolitik macht den Forschern die Arbeit schwer

Mit zum Team gehört auch Dominik Groll. Der Volkswirt hat für die Konjunkturprognosen die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im Blick. "Da ändert sich im Laufe des Jahres so viel", sagt er und fügt an: "Die ganzen Indikatoren zu erfassen und auszuwerten, das macht eine richtig gute Diagnose aus. Und das wird nie langweilig." Doch wie sich gerade bestimmte Dinge weltpolitisch entwickeln, da kommt auch Groll ins Grübeln. Zurzeit sei vieles schwer vorauszusagen. "US-Präsident Trump beispielsweise ist unberechenbar und niemand weiß, was mit Großbritannien passiert", fasst der 36-Jährige die Weltlage zusammen.

Auf der Suche nach den richtigen Puzzle-Teilen

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Dominik Groll vom Prognose-Team befasst sich mit den Arbeitsmarktdaten.

Also doch vieles nur Kaffeesatzleserei? "Wir sind keine Hellseher", macht Kooths deutlich. "Die Grundlage der wissenschaftlichen Konjunkturanalyse sind erkennbare Regelmäßigkeiten in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung." Als Quellen für ihre Analyse dienen den IfW-Forschern beispielsweise das Statistische Bundesamt, die Zentralbanken, die Arbeitsagenturen, internationale Organisationen, Datenanbieter und Wirtschaftsberichte. Und Groll erklärt: "Wir fragen uns dann bei dem ganzen Datenmaterial: Passt das alles zusammen? Oder wo klemmt es? Schließlich geht dann jeder in seinen Bereich zurück und wertet noch einmal alles neu aus, bevor wir uns im Team das nächste Mal treffen, um das Mosaik erneut zusammenzubauen."

Bundesregierung bekommt die IfW-Prognose zuerst

Kurz vor der Veröffentlichung der Konjunkturprognose werden die Treffen der Wissenschaftler häufiger. "Erst 24 Stunden vor dem Termin wird das reine Zahlenwerk festgezurrt", erzählt Prognose-Chef Kooths. "Bis dahin fließen noch alle neuen Daten, die auf dem Markt sind, rein. Und dann wird erst mal die Bundesregierung vorab über die Prognose informiert." Das gesammelte Material soll der Politik bei wichtigen Entscheidungen helfen. Bund und Land bezahlen die Arbeit der Kieler Forscher je zur Hälfte. "Man kann die Prognose ja nach Veröffentlichung nicht mehr verkaufen, sie kann von jedem, der sich dafür interessiert, aus dem Internet heruntergeladen werden", erklärt der Professor.

Seit mehr als 100 Jahren globale Forschung

Richtige Gründe für richtige Prognose?

Und wie läuft es für die Kieler Forscher weiter? "Nach der Veröffentlichung gehen wir erst mal alle gemeinsam essen", freut sich der Chef des Prognose-Zentrums schon darauf. Aber viel Luft zum Durchatmen bleibt nicht. Mit den Kollegen aus den anderen deutschen Wirtschaftsinstituten ist ein Treffen geplant, um sich auszutauschen. Gleichzeitig geht der Blick auch immer wieder zurück auf die eigene Arbeit. "Natürlich gucken wir, ob wir mit unserer Konjunkturprognose richtig gelegen haben", erzählt Kooths. "Und was noch viel wichtiger ist: Haben wir für die vorhergesagte wirtschaftliche Entwicklung auch die richtigen Gründe genannt?" Die Schlüsse daraus sind wichtig, denn - so sagt Kooths: "Nach der Prognose ist vor der Prognose."

Forscher: Wirtschaft wird langsamer wachsen als zuvor

Die Experten des Kieler Instituts sind nach ihren ausführlichen Erhebungen zu dem Schluss gekommen, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr voraussichtlich nicht mehr so stark wachsen wird. Dementsprechend senkten sie die Wachstumsprognose von 1,8 Prozent auf 1,0 Prozent. Gründe für den ökonomischen Dämpfer sind laut IfW der schwache Jahresauftakt der Industrie, aber auch die instabile politische Lage in der Welt wie Handelskonflikte oder die ungeklärte Wirtschaftssituation Chinas. Für das kommende Jahr allerdings sind die Ökonomen zuversichtlich: Da erwarten sie ein Wachstum von 1,8 Prozent.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.03.2019 | 11:00 Uhr

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