Stand: 16.07.2018 17:14 Uhr

Kommunalpolitiker trotzen Anfeindungen

von Lucie Kluth

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Die 20 Jahre alte Aylin Cerrah ist Juso-Kreisvorsitzende in Plön.

Vorne am Schaltknüppel liegt eine Dose Pfefferspray. Zwischen Fahrer- und Beifahrersitz ragt ein langer Holzstock hervor. Diese Sachen geben Aylin Cerrah das Gefühl von Sicherheit, wie sie sagt. Die 20-Jährige ist Juso-Kreisvorsitzende in Plön und eigentlich eine fröhliche junge Frau, die gerne lacht und redet. Ihre Familie kommt aus der Türkei, sie selbst ist in Schleswig-Holstein geboren, hat hier vor zwei Jahren ihr Abitur gemacht. Gegen Rassismus, für Toleranz und Vielfalt - dafür steht sie. Für einige ist sie eine meinungsstarke Muslima mit deutschem Pass, eine Nachwuchshoffnung für die SPD. Für andere ist sie ein Feindbild.

E-Mails und Anrufe mit Drohungen

Vor einem Jahr erreichen sie E-Mails, ihre Parteimitglieder seien Linksfaschisten. "Patriotische Bürger" melden sich zu Wort, "sorgen" sich um "die Reinheit des Volkes". Als Aylin Cerrah sich eines Abends von ihrem Freund verabschiedet und mit ihrem Auto nach Hause fährt, klingelt ihr Handy. Jemand droht ihr, dass man sie und ihre Kolleginnen "abschlachten" werde. "Ich saß einfach nur da und war schockiert. Ich habe das in dem Moment nicht verstanden, warum mich jemand so sehr hasst, dass er mir den Tod wünscht, obwohl man die Person nicht kennt", erzählt die Politikerin zurückblickend.

Zwei Frauen stehen sich in einer Interviewsituation in einem Studio gegenüber. © NDR

Hass im Netz: "Anzeigen bringen etwas"

Schleswig-Holstein Magazin -

Tanja Greve ist bei der Polizei Kiel für Staatsschutz und fremdenfeindliche Angriffe zuständig. Viele ihrer Ermittlungen führen ins Internet. Im Interview verrät sie Tipps zum Umgang mit Hass im Netz.

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Als sie an jenem Abend zu Hause ankommt, leuchtet ihr Handy-Display noch einmal, noch ein Anruf. Sie geht ran und stellt auf laut. Ihre Mutter und deren Freundinnen hören mit. Das ist wichtig, denn so hat sie jetzt Zeuginnen. Aylin Cerrah wird wüst beschimpft. Sie erstattet Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei.

"Wir werden ihr Haus verwüsten"

Baris Karabacaks politische Heimat ist die CDU, seine Heimatstadt ist Pinneberg, wie er sagt. Denn seine aus der Türkei stammende Familie lebt hier mittlerweile in der dritten Generation. Karabacak, der in Hamburg Betriebswirtschaftslehre studiert hat, fühlt sich hier wohl und will auch nicht woanders hin.

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CDU-Politiker Baris Karabacak wurde nach den Drohungen nachdenklich. Er hat überlegt, seine Kandidatur zur Kommunalwahl zurückzuziehen.

Seit 2013 sitzt er im Pinneberger Kreistag. Baris Karabacak ist das erste Mitglied im CDU-Landesvorstand mit Migrationshintergrund. Probleme aufgrund seiner türkischen Wurzeln kannte er bisher nicht, bis zum diesjährigen Kommunalwahlkampf. Mit Hasskommentaren auf seiner Facebook-Seite fing es an: Er wolle die türkische Sprache in Pinneberg einführen, alle müssten muslimisch werden und Karabacaks Eltern seien Erdogan-Anhänger, zählt er einige von den Kommentaren auf. Mehrere seiner Plakate werden beschmiert, einige liegen zerstört auf der Straße - in seinem Wahlkreis Pinneberg-Nord. Dort, wo er sich zu Hause fühlt, wo er mit Eltern, Bruder und Freunden dicht beieinander lebt. Auch Karabacak erhält anonyme Anrufe, darunter sind auch Drohungen: "Sie dürfen hier keine Politik machen. Sie sind Moslem, sie sind Ausländer, Türke, wir werden ihr Haus verwüsten, wenn sie Pinneberg nicht verlassen."

Cerrah: War in der Zeit fast paranoid

Für den 30-Jährigen ein Schock. Er unterbricht seinen Wahlkampf und denkt darüber nach, nicht mehr zu kandidieren. "Wenn ich mein Haus verlassen habe, habe ich erst mal rechts und links geguckt, ob da jemand steht, die Polizei ist in meiner Straße Streife gefahren", erzählt der CDU-Politiker.

Das macht die Polizei auch am Haus von Aylin Cerrahs Eltern. Sie sagt, sie sei in dieser Zeit sehr angespannt gewesen, fast paranoid, ob gleich wieder etwas passiere. "Ich habe noch eine kleine siebenjährige Schwester, und man macht sich halt Sorgen, was ist, wenn sie nach der Schule nicht nach Hause kommt."

Lübecker Staatsanwaltschaft ermittelt

Physisch bleibt die Familie unversehrt, aber der Psychoterror geht weiter. Ihre Parteimitglieder erhalten eine anonyme E-Mail mit dem Satz: "Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Frau Aylin Cerrah (...) auf der Strecke von Kiel nach Selent einen schweren Autounfall gehabt hat und (...) den Verletzungen erlegen ist."

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Eine E-Mail mit diesem Inhalt ging an SPD-Politiker aus dem Kreis Plön.

Fassungslos melden sich ihre Parteikollegen bei ihr, die gleich ahnen, dass da etwas nicht stimmen kann. Aylin Cerrah kann mittlerweile gut über die Ereignisse sprechen. Geholfen hat ihr auch das Team von zebra e.V. - eine Anlaufstelle in Kiel für Opfer von rechtsmotivierten Angriffen. Hier konnte sie ihre aufgestauten Emotionen besprechen und sich Rat holen. Der Fall liegt mittlerweile bei der Lübecker Staatsanwaltschaft.

Das Duo macht weiter: Jetzt erst recht

Fast einen Monat lang wurde Aylin Cerrah beleidigt und bedroht, bis es ohne ersichtlichen Anlass aufhörte. Kurz danach hat sie sich für den Vorstand bei den Jusos beworben. Jetzt erst recht, lautet ihre Devise. Sie setzt sich weiterhin für ihre Themen Feminismus und Anti-Rassismus ein. Seit Mai gehört sie sogar zur SPD-Kreistagsfraktion in Plön. Von dem Unbekannten, der sie damals bedrohte, hört sie nichts mehr - "und darüber bin ich auch sehr froh".

Eine Woche - und das jeden Tag - bekam Baris Karabacak Hass zu spüren. Er hat den Wahlkampf letztendlich durchgezogen. Er stehe für Integration, sagt der 30-Jährige und fügt an, dass er seinen Weg fortsetzen möchte. Baris Karabacak wurde wiedergewählt und sitzt als CDU-Abgeordneter im Pinneberger Kreistag. Er hat noch höhere Ziele - zum Beispiel ein Landtagsmandat 2021.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 16.07.2018 | 19:30 Uhr

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