Stand: 10.01.2020 17:21 Uhr

Kommentar: Marine muss Naturschutz berücksichtigen

In der deutschen Nord- und Ostsee liegen 1,6 Millionen Tonnen Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Metall ist im Laufe der Zeit korrodiert und gefährliche Giftstoffe bilden sich, die in die Nahrungskette gelangen. Im vergangenen Sommer hat die Bundeswehr 42 alte Kriegsminen in der Ostsee gesprengt. Kurz darauf wurden rund 30 tote Schweinswale geborgen. Ob es einen Zusammenhang gibt, prüft derzeit die Tierärztliche Hochschule Hannover. Unabhängig von dem Ergebnis sagen die Grünen: Die Bundeswehr hätte sich mit den Naturschutzbehörden zwingend über die Minensprengungen abstimmen müssen.

von Christoph Prössl, NDR Info

NDR Info Redakteur Christoph Prössl. © NDR Foto: Reiner Freese
Die Marine hätte vor den Sprengungen mehr Informationen einholen müssen, meint Christoph Prössl.

Wahrscheinlich war es gut gemeint, gut gemacht war es nicht. Die Sprengungen der Marine im Fehmarnbelt waren vermutlich unumgänglich. Gut, dass es die Bundeswehr gibt, die so eine Aufgabe erledigen kann. Aber ganz offensichtlich hat sich die Marine nicht mit der Frage beschäftigt, was diese Sprengungen im Naturschutzgebiet anrichten können. Und ob es sinnvoll gewesen wäre, zu einem anderen Zeitpunkt, mit Schutzmaßnahmen zu sprengen.

Rund 30 Schweinswale kamen ums Leben

42 Grundminen aus dem Ersten Weltkrieg hat die Marine Ende August 2019 gesprengt - 39 davon im Naturschutzgebiet. Rund 30 Schweinswale, die tot an Land angespült wurden, werden nun untersucht. Der Nachweis, dass die Tiere aufgrund der Sprengungen zu Tode kamen, ist nach all den Wochen nur noch schwer zu führen. Aber sicher ist: Das Gehör der Tiere ist sehr sensibel, Schäden können über Kilometer hinweg verursacht werden. Außerdem wurden auch Riffe in der Region geschädigt.

Tiere hätten vorher vergrämt werden können

Die Marine hat es bereits eingeräumt: Es wäre geboten gewesen, sich schon vor der Sprengung mit den Naturschutzbehörden zu beraten. Es gibt Blasenschleier, die Druckwellen der Detonation abmildern. Tiere können vergrämt werden durch Geräusche. Und wahrscheinlich wäre es hilfreich gewesen, die Sprengungen nicht Ende August durchzuführen, wenn die Schweinswale gerade gekalbt haben. Die Marine beruft sich darauf, dass Eile geboten war. Das ist wenig schlüssig, weil der Standort der Minen seit 2016 bekannt war.

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Womöglich wäre Genehmigung nötig gewesen

Wenn Verteidigungsministerium und Bundesumweltschutzministerium nun darüber beraten, wie die Naturschutzbehörden künftig informiert werden sollen, dann hoffe ich sehr, dass es mehr als die schriftliche Unterrichtung "zur Kenntnisnahme" wird. Aus dem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes wird deutlich, dass möglicherweise sogar eine Genehmigung nötig gewesen wäre, weil es ein Tötungsverbot für geschützte Tiere gibt und "zumutbare Alternativen" bedacht werden müssen. Mir geht es gar nicht um ein kompliziertes Genehmigungsverfahren, sondern darum, eine Lösung zu finden, die den Naturschutz berücksichtigt - so weit es eben geht.

1,6 Millionen Tonnen Munition lagern noch in Nord- und Ostsee

Das ist auch deswegen so wichtig, weil die großen Herausforderungen erst noch kommen. Nord- und Ostsee sind voll mit Munition aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. 1,6 Millionen Tonnen lagern unter Wasser. Die Altlasten gefährden Menschenleben und die Natur. Längst können Wissenschaftler Schadstoffe messen, die aus der Munition freigesetzt werden. Die Beseitigung kostet Geld. Die Länder alleine können das nicht finanzieren. Vor allem aber muss die Politik sich im Klaren darüber sein, wie dieses riesige Problem gelöst werden soll - möglichst umweltschonend.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 10.01.2020 | 17:08 Uhr

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