Stand: 16.10.2018 07:00 Uhr

Klaus Pannen: Notarzt für insolvente Unternehmen

von Stefanie Döscher

Die ersten 14 Tage eines neuen Insolvenzverfahrens sind für Klaus Pannen immer die aufregendsten. "Wenn der Richter mich anruft und fragt: 'Herr Pannen, können Sie das neue Insolvenzeröffnungsverfahren übernehmen? Dann fahre ich sofort zur Schuldnerin - in der Regel noch am selben Tag“, erklärt der Jurist. Dann spricht Pannen mit der Geschäftsführung, wie es weitergeht, und er untersucht die Gründe der Insolvenz.

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Klaus Pannen ist seit 33 Jahren Insolvenzverwalter.

Pannen trägt heute einen dunklen Anzug, dazu eine rote Krawatte, ist eher stämmig. Die zwölf Stunden Arbeit an sechs Tagen in der Woche sind nicht zu erkennen. Das Gesicht von Klaus Pannen ist ein fröhliches, um die Augen Lachfalten. Überraschend, denn er hat einen Job, der nicht sonderlich erfreulich klingt: Er ist Insolvenzverwalter. Ein Branchenmagazin stufte Pannen in einer Liste der Insolvenzverwalter, die am häufigsten angefragt werden, im ersten Halbjahr 2018 auf Platz 37 ein. Viele der prominentesten Fälle des Elmshorners spielen in Schleswig-Holstein.

Die entscheidenden Wochen

In den ersten zwei Wochen eines Insolvenzverfahrens entscheidet sich, ob ein Unternehmen zu retten ist - und wenn ja, wie. "Ich bin bei den Gerichten bekannt dafür, dass ich Betriebe gerne fortführe, saniere und damit auch die Arbeitsplätze erhalte. Das zeichnet mich aus in der Branche, und das wissen die Gerichte auch", sagt Pannen. Andere Verwalter würden Betriebe häufig abwickeln und zerschlagen, sagt Pannen, der seit mittlerweile 33 Jahren im Geschäft ist.

Schockstarre bei Mitarbeitern

Wenn der Jurist in ein Unternehmen kommt und erstmals eine Betriebsversammlung abhält, muss er vor allem erst einmal eines: Aufklären und Zukunftsängste nehmen. Denn oft befänden sich die Mitarbeiter in einer Art Schockstarre. Pannen erklärt ihnen, dass Löhne und Gehalt für drei Monate gesichert sind - über das Insolvenzgeld. Parallel laufen Gespräche mit der Geschäftsführung. Pannen untersucht die Gründe der Insolvenz und richtet die betriebliche Fortführung des insolventen Unternehmens ein. "Und dann beginnt der Investorenprozess", erklärt er.

Pannen sucht Investoren oder Unternehmen, die in das Unternehmen investieren wollen. Einige Interessierte melden sich direkt bei Pannen. Andere erfahren oft über die Bekanntmachung der Insolvenz und die dazugehörige Pressemitteilung von der Möglichkeit, zu investieren. Sie melden sich dann direkt bei Pannen. Oder der Anwalt spricht potentielle Investoren selbst an. "Welche Unternehmen es in der Branche gibt, national oder international, erfahre ich oft von der Geschäftsführung der insolventen Firma."

Pannen kann sich seine Fälle nicht aussuchen

Ein Insolvenzverwalter kann sich seine Fälle nicht selbst aussuchen. Er wird durch das Insolvenzgericht bestellt. Ablehnen darf er nur bei Interessenkonflikten. Wenn keiner besteht, legt er los. "Dann erstelle ich ein Gutachten zu den Fragen, ob die Kosten des Insolvenzverfahrens aus der Insolvenzmasse gedeckt sind und ein Insolvenzgrund - drohende Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung - vorliegt“, erklärt Pannen. Lautet das Ergebnis, dass keine kostendeckende Masse vorhanden ist, „empfehle ich dem Gericht, den Insolvenzantrag mangels Masse abzuweisen“. Handelt es sich um eine im Handelsregister eingetragene Gesellschaft, wird diese im Fall der Abweisung gelöscht.

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Klaus Pannen kommt aus Elmshorn.

Pannen wird aus der Insolvenzmasse bezahlt. „Prozentual zur verwalteten Insolvenzmasse wird ein Regelsatz berechnet. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit von Erhöhungsfaktoren - etwa wenn es außerordentlich viele Gläubiger gibt oder ein starker Auslandsbezug besteht - aber auch von Abschlägen“, sagt der Elmshorner. Die Vergütung setzt das Amtsgericht fest. Genaue Zahlen will Pannen nicht nennen. Der Insolvenzverwalter hat mittlerweile 50 Mitarbeiter an zwölf Standorten in ganz Deutschland. Seine eigene Kanzlei am Neuen Wall in Hamburg hat er seit 2008. Pannen ist bei mehr als 20 Amtsgerichten in ganz Deutschland als Insolvenzverwalter gelistet.

Entlassungen berühren Pannen

Oft sind Managementfehler die Hauptursachen von Insolvenzen - oder zu hohe Personalkosten belasten die Unternehmen. Letzteres war bei einem seiner bekanntesten Fälle in Schleswig-Holstein der Fall - beim Flughafen Lübeck: "Als ich vorläufiger Insolvenzverwalter wurde, waren dort noch 80 Mitarbeiter beschäftigt." Weil der Flughafen nicht ausgelastet war, musste Pannen im Rahmen der Sanierung 40 Mitarbeiter entlassen. "Die Verluste waren so hoch, dass man um 40 Mitarbeiter kürzen musste", erklärt der Anwalt. "Generell gehen mir auszusprechende Kündigungen sehr nahe, da ich auch die Einzelschicksale der betroffenen Mitarbeiter sehe." Einen Job wie seinen gibt der Vater von drei Töchtern nicht an der Haustür ab.

Der Flughafen, den Pannen zweimal retten musste

Den Lübecker Flughafen hat Pannen in den vergangenen Jahren gleich zweimal begleitet. Ein Herzensprojekt. "Weil ich davon überzeugt bin, dass der seine Berechtigung hat. Ich bin der festen Meinung, dass nach einer Schließung des Flughafens künftig keine Start- und Landebahn an anderer Stelle in Schleswig-Holstein genehmigt werden würde", sagt der Schleswig-Holsteiner und haut dabei mit der Hand auf dem Tisch. Der erste Versuch mit einem Investor scheiterte: Der Chinese Chen Yongqiang verschwand etliche Monate nach dem Kauf des Flughafens einfach von der Bildfläche.

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Der chinesische Investor Chen Yongqiang (rechts) verschwand von der Bildfläche. Klaus Pannen (links) vermutet, dass den Geldgebern im Hintergrund die Verluste zu hoch waren.

"Wir hatten vor dem Verkauf Erkundigungen eingeholt, die eine gute Bonität des Investors bestätigten. Der Investor hat den Kaufpreis auch zu Hundert Prozent bezahlt, dann war er weg. Ich habe danach nicht mehr mit ihm sprechen können", sagt Pannen. Es kommt jedoch laut Pannen selten vor, dass sich ein Investor, nachdem er erheblich investiert hat, sich zurückzieht. Mittlerweile gibt es einen neuen Investor. Der Unternehmer Winfried Stöcker hat den Flughafen im Sommer 2016 gekauft. Pannen ist davon überzeugt, dass es dieses Mal klappt.

Uthoff ist heute dank Pannen schuldenfrei

Neben dem Flughafen kümmerte sich Pannen unter anderem um die Insolvenz des Hafenbetriebsvereins in Lübeck, der Kreishandwerkerschaft Dithmarschen und der Firma Grimm Ladenbau aus Barmstedt. Einer seiner größten Fälle der vergangenen Jahre war die Insolvenz des Kieler Augenarztes Detlef Uthoff, der in Hamburg Hochhäuser für 100 Millionen Euro kaufte. Mieten und Immobilienpreise gingen in den Keller, Zinsen stiegen. "Dann verkaufte er die Immobilien für 50 Millionen Euro, sodass sich seine Bankverbindlichkeiten danach auf mindestens 50 Millionen Euro beliefen", erklärt Pannen. "Mir ist es dann im Rahmen eines Insolvenzplans gelungen, eine letztlich für alle Beteiligten befriedigende Lösung zu erwirken.“

Heute hat Uthoff laut Pannen keinerlei Schulden aus dem damaligen Komplex mehr. Die mehr als 100 Gläubiger hatten ursprünglich Forderungen in Höhe von rund 120 Millionen Euro gestellt. Zur Höhe der Insolvenzmasse machte Pannen keine Angaben. Er sagte dazu lediglich: Die Masse belaufe sich deutlich unter 100 Millionen. Nach Informationen von NDR 1 Welle Nord waren das etwa 13 Millionen Euro. Die Stadt Kiel bekam am Ende etwa 2,4 Millionen Euro - und somit 30 Prozent ihrer ursprünglichen Gewerbesteuer.

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Wie ein Notarzt - nur für Unternehmen

In der Regel dauert ein Insolvenzverfahren ein Jahr. "Die wesentliche Aufgabe des Insolvenzverwalters ist es, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen", erklärt Pannen. Die Interessen der Gläubiger, des Unternehmens und natürlich der Mitarbeiter. "Ich habe die Rolle eines Notarztes bei einem in die Krise geratenen Unternehmen." Dass viele seiner großen Fälle in Schleswig-Holstein spielen, ist laut dem Anwalt keine Überraschung: "Das ist kein Zufall, sondern das ist Ergebnis langer, harter und erfolgreicher Arbeit", erklärt Pannen stolz. Ist ein Unternehmen gerettet, besucht er es oft noch ein letztes Mal. Beim Hafenbetriebsverein in Lübeck bekam er von den Mitarbeitern Standing Ovations. "Es freut mich immer, wenn am Ende etwas Gutes rauskommt", sagt Pannen.

Ans Aufhören denkt Pannen trotz seiner 65 Jahre noch lange nicht. "Ich bin Insolvenzverwalter aus Leidenschaft." Und so lange wird er es sich auch nicht nehmen lassen, wie ein Notarzt in betroffene Unternehmen zu fahren.

Das Flughafengebäude in Lübeck von außen fotografiert. © NDR Foto: Kersten Mügge

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.06.2018 | 12:00 Uhr

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