Stand: 21.04.2019 10:38 Uhr

Leichen sezieren lernen - ohne Blut und Gerüche

von Cassandra Arden

An der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel können Medizinstudenten den menschlichen Körper in Scheiben schneiden - ohne eine Leiche anzurühren. Den Körper eines Menschen Schritt für Schritt zu zerlegen, so ganz ohne Blut und ohne Gerüche, geht nur mit einem digitalen Seziertisch. So einen hat die Uni seit drei Jahren. Er steht in dem Gebäude für Anatomie. Er ist zwei Meter lang und seine Oberfläche funktioniert wie der Touchscreen eines Smartphones.

Hinter dem Tisch stehen Regale an den Wänden - darin Gehirne, Hüften, Nieren und viele andere Organe. Sie stammen von Körperspendern. Der digitale Tisch ist eine Ergänzung, kein Ersatz. Greta Ahrens studiert im sechsten Semester Medizin. Für sie ist dieses High-Tech-Gerät ein Lehrmittel: "Jetzt sehen wir eine Abbildung von einem Menschen mit Haut. Nun kann man einstellen, was man sehen will. Den ganzen Körper, nur Organe oder nur Knochen", erklärt sie.

Digitaler Seziertisch in der CAU

Körperspender werden weiter benötigt

Der Mann, der dort auf dem Bildschirm liegend zu sehen ist, ist im Grunde echt. Professor Bodo Kurz unterrichtet Anatomie und erklärt: "Das hier sind die Daten von einem echten Körperspender. Man hat seinen Körper in einen Kunststoffblock eingebettet und dann konnte man ihn in dünne Scheiben schneiden. Alle Scheiben wurden fotografiert." Mit Hilfe einer Software wurden all diese Daten so verarbeitet, dass es nun auf dem digitalen Seziertisch möglich ist, den Körper in alle Richtungen zu drehen und zu zerlegen. Professor Kurz ist sichtlich beeindruckt von den Möglichkeiten, die diese Technik bietet. Es ist möglich, den Querschnitt der Hüfte anzusehen, auf allen verschiedenen Höhen. Das hilft den Studenten enorm zu erkennen, welche Muskeln, wo welche Sehnen und Knochen verlaufen.

Mit einem Fingertippen ist die Leber verschwunden

Enorme Datenmassen mussten mit einem speziellen Software-Programm verarbeitet werden. Ein riesiger Aufwand, stimmt Professor Kurz zu: "Darum ist das Gerät ja auch so teuer. Zwischen 80.000 und 90.000 Euro kostet solch ein Tisch." Das sei viel Geld betont er noch mal, aber angehende und schon ausgebildete Ärzte können ihn Nutzen - zum Üben, denn wirklich jedes Detail eines menschlichen Körpers kann hier in aller Ruhe und ohne austretende Flüssigkeiten betrachtet werden. Mit einem einzigen Klick ist ein Muskel oder ein Organ weggenommen und alles, was drum herum liegt, wird für den Betrachter deutlich sichtbar. Florian Gellhaus studiert genau wie Greta im sechsten Semester Medizin. Er gibt zu bedenken: "Wenn man an einem echten Körper einen Muskel entfernt, dann bleiben immer Reste übrig. Je tiefer man also sozusagen vordringt in den Körper, desto kleiner wird das Sichtfenster. Das ist hier anders und sehr hilfreich für uns."

Per Touchscreen durch den Körper scrollen

Gellhaus nimmt das virtuelle Skalpell und zieht mit seinem Finger eine Linie auf Bauchnabelhöhe des Mannes. "Nun ist die Haut oberhalb des Bauchnabels weg und wir können auf die darunter liegenden Schichten schauen." Mit einer Funktion am Rande des Touchscreens kann man sich buchstäblich durch den Körper scrollen. Schicht für Schicht. "Das ist deswegen gut, weil das so ähnlich auch bei einem CT von einem Patienten im Krankenhaus ist", erklärt der Student. Diese Bilder einer Computertomographie sind in Graustufen abgebildet. "Und mit diesem Tisch kann man also sehr gut lernen, wie diese Graustufen zu interpretieren sind."

Der digitale Seziertisch ersetzt keine Körperspenden

Die angehenden Ärzte und der Professor sind sich einig: Dieser Tisch ist eine lohnende Investition. Aber das Sezieren echter Körper ersetzt er nicht. Professor Kurz ist sich sicher, dass die Technik auch weiter mit großen Schritten voran schreitet und es vielleicht schon bald eine 3D-Variante von dem 2D-Seziertisch gibt. Aber er meint auch: "Für uns werden echte Körper noch sehr lange das Maß aller Dinge im Studium sein. Etwas zu berühren, mit echten Körperteilen zu arbeiten, ist einfach etwas anderes." Aktuell habe die CAU genügend Körperspenden, sagt Kurz. Es sollten aber nicht weniger werden. Und so sind die angehenden Mediziner in Kiel in der glücklichen Lage, digital und analog zu sezieren und daran zu arbeiten, gute Ärzte zu werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 18.04.2019 | 20:05 Uhr

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