Stand: 20.01.2020 18:08 Uhr

Kein Grund zum Jubeln: Zehn Jahre Praxis ohne Grenzen

Als er sie eröffnete, wollte er die spendenfinanzierte Praxis in Bad Segeberg eigentlich nur zwei bis drei Jahre betreiben und dadurch auf ein unzureichendes und lückenhaften Gesundheitssystem hinweisen. Denn die Patienten von Dr. Uwe Denker in der Praxis ohne Grenzen sind entweder nicht krankenversichert oder haben zu wenig Geld für die eigene medizinische Versorgung. Jetzt ist die Praxis zehn Jahre alt. Für den Mediziner kein Grund zum Feiern.

Denker will Lücken im Gesundheitssystem bekämpfen

"Vor zehn Jahren habe ich schon zehn Punkte aufgestellt, die es zu ändern gilt, damit das Gesundheitssystem bleibt, wie es ist oder sogar noch besser wird", sagt Denker. Schon damals hätte es Lücken gegeben und die seien inzwischen noch größer geworden. Darum habe Denker seine Punkte inzwischen auf drei reduziert: "Der ganz wesentliche Punkt ist auch für mich, dass alle Kinder in unserer Republik eine beitragsfreie, unabhängige Krankenversicherung bekommen, also im Alter von null bis 18 Jahren ohne Beiträge krankenversichert sind."

Wenig Unterstützung aus der Politik

Dr. Denker und eine Angesteller im Behandlungszimmer der Praxis ohne Grenzen. © NDR
Dr. Denker hat die Praxis ohne Grenzen vor zehn Jahren gegründet. Viele Bundesgesundheitsminister kamen schon vorbei - "zum Schulterklopfen".

Eigentlich war die Praxis als provisorische Zwischenlösung gedacht, bis die Lücken im Gesundheitssystem geschlossen sind. Inzwischen gibt es sechs weitere Praxen in Schleswig-Holstein und eine in Hamburg nach dem Segeberger Vorbild. Denker hat jede Woche im Schnitt zehn Patienten, die Hamburger Kollegen behandelten in der letzten Woche 180 Menschen. Die Unterstützung für das Projekt aus der Politik sei gering, sagt Denker. "Wenn wir schon mal einen Minister hier hatten und mit ihm besprochen haben, dies und dies müsste passieren, dann ist er in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr dabei. Und dann fang ich wieder von vorne an." Seit Ulla Schmidt (SPD) hätten ihn quasi alle Bundesgesundheitsminister besucht und die Schulter geklopft. "Das Schulterkopfen hat mir nichts genützt und hat den Patienten erst recht nichts genützt", fasst Denker zusammen. Neue Hoffnung gibt ihm aber eine Nachricht aus Hamburg, dort seien 4,5 Millionen Euro für den Ausbau einer Ärzte-ohne-Grenzen-Praxis bereitgestellt worden - Bundesmittel.

Hilfe-Anfragen sogar aus dem Ausland

Als es 2010 losging, hieß es noch "Praxis ohne Grenzen - Region Bad Segeberg". Das Sozialamt teilte Denker damals mit, es gebe rund 50 bedürftige Familien. Denen wollte er helfen, als er in den Ruhestand ging. Die Praxiseröffnung sei wie ein Steinwurf ins Wasser gewesen, der konzentrische Kreise gezogen habe. Die "haben sich ausgedehnt, über den Kreis, über das Land Schleswig-Holstein, über die Bundesrepublik, über die EU. Inzwischen sind wir weltweit bekannt, werden angerufen und um Hilfe gebeten", sagt der Mediziner. Ein Ende sei nicht abzusehen, er könne nicht einfach die Praxis schließen. "Ich würde Patienten wirklich verlassen, ich würde sie im Stich lassen", sagte der Praxisgründer.

 

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.01.2020 | 09:00 Uhr

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