Kampf im Boxring, Kampf für Chancengleichheit

Stand: 30.07.2021 18:57 Uhr

NDR Schleswig-Holstein hat für eine mehrteilige Serie Trainer und Mitglieder des Boxsportclubs Kiel begleitet. Klar ist: Bei dem Verein in Gaarden geht es um mehr als nur den Sport.

von Christian Schepsmeier

Es geht um Menschen, die den Verein prägen. Und dabei geht es auch um Ehrgeiz und Disziplin, um den Umgang mit Gefühlen wie Wut und Angst. Und es geht um die Frage, was der Verein tut, um den in der Satzung genannten Zweck zu erfüllen: die Unterstützung von Menschen in benachteiligten Lebenssituationen und die Jugendsozialarbeit. 

Jawid Oruzgani, Mitglied im Boxsportclub Kiel.
Jawid Oruzgani trainiert kleine und große Nachwuchsboxer.
Der Sport als Struktur

Wenn er den anderen zeigt, wie man einen sogenannten Uppercut schlägt, oder wie man die Deckung optimiert, oder wie gute Beinarbeit aussieht, dann kann man die jahrelange Erfahrung vielleicht gerade daran sehen, wie mühelos alles aussieht. Als ob sie sich in seinen Körper eingeschrieben hätte: Trainer Jawid Oruzgani, 24 Jahre alt. "Manchmal sehe ich mein jüngeres Ich in den Schützlingen, die ich trainiere", sagt er: "Zum Beispiel gibt es einen jungen Mann, der will jeden Tag besser werden, und er wird auch jeden Tag besser. Und selbstbewusster. Er will unbedingt seinen ersten Kampf machen." Als er selbst so alt war wie der junge Mann heute, war Jawid gerade aus dem Iran nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort deutsch zu sprechen. Mit 15.

Im Boxsportclub Kiel hat Jawid damals einen Ort gefunden, in dem er Freunde kennenlernte, und Förderer. In einer Zeit, als er mit allem haderte, sich nicht wahrgenommen fühlte, halfen ihm die neuen Begegnungen. "Beim Training habe ich mir vorgestellt, dass ich vor einem großen Publikum in einen Ring steige und gewinne. Ich wollte Profi werden". Jawid trainierte hart, wurde Norddeutscher Meister im Mittelgewicht, gewann zahlreiche Kämpfe. Aber Profi ist er nicht geworden. "Ich musste ja überleben und in Deutschland Geld verdienen", sagt er, und dass er deswegen eine Ausbildung bei den Kieler Stadtwerken gemacht habe und dort als Industriemechaniker arbeite: "Ich habe mein Ziel geändert. Ich helfe jetzt anderen Boxern, ihre Ziele zu erreichen."

Ehrgeiz und Chancengleichheit

Er hilft Boxern - und Boxerinnen, wie Greta Tamm, 29 Jahre alt. "Ich wäre jetzt nicht hier, wenn Jawid mich nicht so unterstützt hätte", sagt sie. "Ich habe zum Beispiel bei mir bemerkt, dass ich zwar super ehrgeizig bin, aber noch viele Unsicherheiten überwinden muss und er schafft es, darauf einzugehen und mich zu supporten." Beim Training wirkt Greta so, als würde sie alles andere ausblenden, und wirklich nur noch den Tennisball beachten, den ihr Partner verdeckt fallen lässt, und den sie fangen soll, um ihre Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen.

Greta Tamm, Mitglied im Boxsportclub Kiel.
Greta Tamm ist Studentin und leidenschaftliche Boxerin.

Als Frau im männerdominierten Boxsport Fuß fassen - das könnte schon Herausforderung genug sein. Aber Greta Tamm hat noch ganz andere Hindernisse vor sich. "Mein größter Kampf ist es, mein Studium zu schaffen und das Geld dafür zu verdienen", sagt sie. Sie ist die erste in ihrer Familie, die studiert, und dann auch noch das lernintensive Jura: "Das Boxen hilft mir dabei. Wenn ich da merke, okay, ich kann was schaffen, dann stärkt das auch mein Selbstbewusstsein fürs Studium." Anfang September will sie ihren ersten richtigen Boxkampf vor Publikum machen. Aber der größte Kampf ihres Lebens, sagt sie, laufe an der Uni.

Zügellose Wut hat im Ring nichts zu suchen

Wenn Greta abseits vom Boxen, an der Uni oder privat, Frust oder Wut erlebt, hat das früher auch beim Training eine Rolle gespielt: "Der Ärger stand mir dann manchmal im Weg und hat mich auf der Stelle treten lassen", sagt sie, und dass sie lernen musste, ihn loszulassen: "Dann kann man über sich hinauswachsen." Und Greta ist nicht die einzige, die ihre Gefühle und Impulse mit zum Boxen nimmt. Hier kommen schließlich Menschen zusammen, und keine Maschinen. Auch für den dreizehnjährigen Mehmethan ist das Training nicht nur Sport: "Es ist, wie wenn man eine Flasche auskippt, zum Beispiel eine Flasche voller Wut, die kann ich beim Training auskippen."

Aber kann man seine Aggressionen beim Boxen an anderen auslassen? Darauf antwortet der Vorsitzende des Boxsportclub Kiel, Józef Orwat, mit "Nein". "Beim Boxen geht es darum, was wir aus den Gefühlen machen, die in uns sind," sagt er. Ausknipsen könne man sie nicht, aber zügellose Wut habe im Ring und beim Partnertraining auch nichts zu suchen. Im  Kampf würde sie zudem einen Nachteil bedeuten. Ähnlich sieht es Anouk Riou, ebenfalls aus dem Vorstand. Sie trainiert unter anderem die Kindergruppe: "Manchmal tickt erst der eine ein bisschen doller, dann der andere, und dann tut es irgendwann weh. Und dann können die hier in einem spielerischen Rahmen vielleicht lernen: Wo sehe ich, das bei dem anderen der Spaß vorbei ist?"

Yücel ist selbstbewusster geworden

Einer der Jungen aus der Trainingsgruppe für "Minis" ist der 10-jährige Yücel. Für ihn war der Boxsportclub vor allem der Ort, an dem er gelernt hat, mutiger zu werden. "Es gibt zwischen 100 und 0 Prozent Mutigkeit", sagt Yücel: "Ich war so bei 30 oder 40." Aber er sei jetzt mutiger geworden, habe sich letztens sogar zum ersten Mal in seinem Leben einen doppelten Rückwärtssalto auf dem Trampolin getraut.

Yücel Günana, Mitglied im Boxsportclub Kiel.
Yücel Günana fühlt sich durch den Boxsport mutiger.

"Ich finde es wichtig, dass er zum Boxen gehen kann, auch in den Ferien", sagt seine Mutter Nicole. Das letzte Mal seien sie vor drei oder vier Jahren im Sommer in den Urlaub gefahren. Umso wichtiger sei das regelmäßige Training - als Struktur während des langen Sommers in der Stadt. Und weil er da auch etwas fürs Leben lernt. Bis vor kurzem hat die Mutter sich noch nicht getraut, ihren Sohn allein durch Gaarden laufen zu lassen. Aber jetzt schickt sie ihn schon manchmal allein zum Training. Weil er selbstbewusster geworden ist, und auch sie sich häufiger traut, ihren Sohn loszulassen.

Boxsportclub als Begegnungsort

Draußen vor der Tür liegt Kiel-Gaarden. "Manche sagen Multikulti, aber meistens gehen die verschiedenen Gruppen sich aus dem Weg", sagt Anouk Riou aus dem Vorstand des Clubs. "Wer ins alternative Subrosa geht, hat mit den türkischen Herren auf dem Vinetaplatz meist wenig zu tun." Der Boxclub habe hingegen echte Begegnungen geschaffen, aus Konflikt, Reibung und Gespräch. Aus einem Integrationsprojekt entstanden, ist der Club jetzt ein Ort für Leistungssport und Sozialarbeit zugleich.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 29.07.2021 | 19:30 Uhr

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