Stand: 03.05.2019 08:40 Uhr

Journalismus: Wenn die Angst im Nacken sitzt

Zum internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai haben wir mit zwei Journalistinnen gesprochen, die ihre Länder verlassen haben, weil sie dort nicht frei berichten konnten. Tarfa Al Fadhli und Parwin Alimoradi sind in ihrem alltäglichen Leben und Arbeiten immer wieder an Grenzen gestoßen - und wollten das nicht mehr hinnehmen. Nun leben sie in Schleswig-Holstein und erzählen uns ihre Erlebnisse.

Tarfa Al Fadhli: "Es gab einen Punkt, da wurde es zu gefährlich"

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Tarfa Al Fadhli lebt mit ihrem zehnjährigen Sohn in Bordesholm.

Tarfa Al Fadhli ist in Bordesholm (Kreis Rendsburg-Eckernförde) angekommen. Die 33-Jährige lebt hier mit ihrem zehn Jahre alten Sohn und hat Anschluss an eine deutsche Familie gefunden. Sie flüchtete aus dem Jemen, wo sie lange als Journalistin arbeitete - und irgendwann um ihr Leben fürchtete. Tarfa Al Fadhli wuchs im Südjemen auf. Sie studierte Journalismus und internationale Beziehungen. Als sie 17 Jahre alt war, wurde sie mit ihren Cousin verheiratet, zog mit ihm nach Saudi-Arabien. Sie wollte dieses Leben jedoch nicht ewig so weiterführen. 2010, mit 23 Jahren, fasste sie Mut, trennte sich - und zog mit ihrem gerade geborenen Sohn zurück in den Jemen in ihre Heimatstadt Aden.

Als geschiedene und alleinerziehende Frau in einem arabischen Land war es für sie nicht leicht, Arbeit zu bekommen. Schließlich fand sie aber verschiedene Recherchejobs, trug Informationen für verschiedene internationale Organisationen zusammen. Außerdem arbeitete sie für zwei Zeitungen. Sie recherchierte unter anderem zu einem Al-Kaida-Ableger. Ende 2014 flüchtete sie gemeinsam mit ihrem Sohn nach Österreich, kurz darauf kam sie nach Deutschland, wo sie politisches Asyl bekam. 

Frau Al Fadhli, warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Tarfa Al Fadhli: Es gab eine ganz konkrete Situation, in der ich gemerkt habe: Du musst Angst um dein Leben haben. Ich war in der Hauptstadt Sanaa, um meinen Pass zu erneuern. Der Taxifahrer fuhr aber nicht den richtigen Weg. Man muss wissen, im Jemen verschwinden immer wieder Journalisten. Ich dachte nur: Wo bringt der mich jetzt hin? Ich habe mir aber nichts anmerken lassen und gefragt, ob er am nächsten Kiosk anhalten kann, damit ich mir ein Wasser kaufen kann. Dort habe ich dem Kioskbesitzer die Situation erklärt. Er und andere Leute im Kiosk haben mir geholfen und dem Taxifahrer gedroht bis er weggefahren ist. Das war der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass es zu gefährlich wird.

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Wie sah Ihre journalistische Arbeit im Jemen konkret aus?

Al Fadhli: Ich habe für verschiedene internationale Organisationen gearbeitet und für zwei jemenitische Zeitungen geschrieben, auch Artikel über Al Kaida. Auf Facebook habe ich Informationen veröffentlicht, zum Beispiel über einen Studenten, der offiziell verschwunden war, aber offenbar in einer Nervenheilanstalt eingesperrt worden war. Mit solchen Berichten macht man sich nur Feinde.

Was haben Sie da erlebt?

Al Fadhli: Freie Berichterstattung ist im Jemen nicht möglich. Irgendwann kommen die Drohungen - und vielleicht auch mehr. Jemand mit Verbindungen zu Al Kaida hat mir zum Beispiel übers Internet gedroht und gesagt, ich solle aufhören zu arbeiten. Ich hatte Angst um mein Leben. Ende 2014 habe ich ein Touristenvisum nach Österreich bekommen. Ich hatte Glück.

Es war mitten im Bürgerkrieg, in Sanaa kämpften die Regierungstruppen gegen die Huthi-Rebellen. Zwei Tage nachdem ich mein Visum bekommen hatte und mit meinem Sohn ausgereist war, machte die österreichische Botschaft zu. Ich wäre also fast nicht mehr rausgekommen. 

Welche Rolle spielen Fake News im Jemen?

Al Fadhli: Vor allem in Medien, die von der Regierung kontrolliert sind, werden falsche Nachrichten verbreitet. Die Bevölkerung im Jemen weiß das aber und misstraut den Informationen, die von den Regierungsmedien kommen. Die Menschen können dagegen auf die Straße gehen. Viel erreichen können sie damit aber nicht, denn die Regierung beeinflusst auch andere Bereiche, wie zum Beispiel die Justiz.

Wie erleben Sie die Situation in Deutschland? Gibt es hier, ihrer Meinung nach, freie Berichterstattung?

Al Fadhli: Ja, die gibt es. Journalisten können hier recherchieren und berichten, ohne Angst um ihr Leben haben zu müssen. Das habe ich erlebt, als ich ein Praktikum bei der Deutschen Welle gemacht habe. Aber hundertprozentig frei ist die Berichterstattung hier auch nicht. Ich merke, dass auch hier Macht, Geld und Ruhm die Berichterstattung beeinflussen. Ich glaube, Journalisten lassen sich manchmal von Ruhm blenden. Und wenn jemand Macht und Geld hat, kann er Journalisten auch einschüchtern, ihnen zum Beispiel mit Klagen drohen.

Wie geht es in Deutschland nun für Sie weiter?

Al Fadhli: Im Moment leite ich hin und wieder Workshops an der Universität Kiel zum Thema Gewalt gegen Frauen im Nahen Osten. Und ich suche Arbeit, am liebsten als Journalistin oder im Bereich Frauenrecht. Aber dafür muss mein Deutsch noch viel besser werden. Mein Vorbild ist mein Sohn. Der ist jetzt zehn Jahre alt und hat ganz schnell gelernt. Er hat viele deutsche Freunde, spielt Fußball im Verein und spricht super Deutsch.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 03.05.2019 | 19:30 Uhr

NDR 1 Welle Nord

Anne Passow

NDR 1 Welle Nord

Nach verschiedenen Zeitungs- und Zeitschriftenjobs kam ich Anfang 2014 zur NDR Online-Redaktion nach Schleswig-Holstein. Hier arbeite ich in der Aktuell-Redaktion. Im Studio Norderstedt mache ich Hörfunk. mehr

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