Stand: 19.02.2018 06:00 Uhr

Johann Flögel: Beamter, Naturforscher und Nerd

von Janine Artist

Er war detailversessener - fast schon besessener - Beobachter, akribischer Protokollant und methodischer Pionier: Johann Heinrich Ludwig Flögel, geboren 1834 in Glückstadt. Von seinem Berufsalltag als Verwaltungsbeamter war er offenbar schwer gelangweilt, und so steckte er seine ganze Energie lieber in die naturkundliche Forschung. Zum Glück für seine Nachwelt: Denn seine Schriften und Skizzen zu Astronomie, Mechanik, Insekten- und Wetterkunde sind auch heute noch für Wissenschaftler interessant.

Flögels Nachlass: Hagelschlag und Insektengehirn

Chronik eines Unwetters

1852 beschrieb Flögel das Wetterphänomen Hagelschlag - vom Hamburger Westen bis nach Trittau im Kreis Stormarn und zeichnete dazu eine Karte. "Wie sie sich nach den mir zu Ohren gekommenen Nachrichten herstellen ließ", wie er damals darunter notierte. Meteorologen nutzen solche historischen Berichte über Wetterphänomene für ihre Modelle und Prognosen, sagt Stefan Watzlawzik. Er ist Leiter der Stormarner Kreisarchivs. Dort hütet er einen Teil des Flögelschen Nachlasses. Im Original und seit Kurzem auch in digitalisierter Form. Im vergangenen Jahr hat zunächst eine Expertin aus Hamburg die alten Dokumente restauriert. Dann hat eine Spezialfirma in Dresden sie eingescannt.

Vordenker und Träumer

Flögel war seiner Zeit in manchen Dingen weit voraus. So entwickelte er zum Beispiel schon im 19. Jahrhundert Ideen für einen elektromagnetischen Motor. Außerdem steckte in ihm wohl auch ein kleiner Fantast. Er entwarf einen Flugapparat für Menschen. Neben diesen Dokumenten liegen im Stormarner Kreisarchiv unter anderem auch Flögels preisgekrönter Aufsatz "Monografie der Johannisbeer-Blattlaus", eine Zeichnung des Planetensystems, ein Plan der Oldesloer Saline und ein Bericht über die Explosion in der Quickborner Munitionsfabrik 1918.

Sonderbare Unterwäsche-Inventur

Schon als sehr junger Mann hielt Flögel alles Mögliche schriftlich fest. Auch ziemlich Privates. In einer Bestandsaufnahme seines Besitzes listete er nicht nur seine ganzen Bücher, sondern auch sämtliche Kleidungsstücke auf - bis zur letzten Unterhose. Zu einem weißen Exemplar vermerkte er, dass seine Mutter sie ihm gekauft und er sie an seinen Bruder Adolf weitergegeben hatte. "Man kann schon mit Sicherheit sagen, dass er wohl eine spleenige Ader hatte", sagt Stefan Watzlawzik schmunzelnd. Dazu passen Flögels Aufzeichnungen zu "Merkwürdige Arten einen Brief zuzumachen" - samt bebilderter Schritt-für-Schritt-Anleitungen, wie das Papier jeweils gefaltet wird.

Spektakuläre Mikroskop-Bilder

Eine wahre Sensation sind die Fotografien aus Flögels Nachlass, die im Ahrensburger Stadtarchiv aufbewahrt werden. Darunter ist die Aufnahme eines mikroskopierten Schneekristalls von 1879 - die erste überhaupt weltweit. Damit lief der Stormarner Naturforscher posthum dem Amerikaner Wilson Bentley den Rang ab. Lange Zeit galt der "Snowflake-Hero" - also "Schneeflocken-Held" - aus Vermont als derjenige, dem es als erster gelungen war, ein solches Bild zu machen, berichtet Archivleiterin Angela Behrens. Aber dann fand ein Ahrensburger in den 1970er Jahren in dem Haus, in dem Flögel bis zu seinem Tod gelebt hatte, einen Karton mit den wertvollen Fotos. Im Archiv liegen außerdem Mikroskop-Aufnahmen von Insektengehirn, das Flögel fein säuberlich in hauchdünne Scheiben geschnitten hatte. Auch damit war er ein Pionier.

"Flögel kennt keiner!"

Das ist noch längst nicht alles, womit sich der Stormarner beschäftigt hat, und trotzdem stellt sich schon die Frage: Wie passt das in nur ein Leben? Hat der Mann nie geschlafen? "Wie er das gemacht hat, bleibt ein Rätsel. Flögel war ja nicht nur berufstätig. Er hatte auch eine Frau und zwei Kinder", sagt Bernd Reher vom Historischen Arbeitskreis Ahrensburg. Trotz Flögels akkurat dokumentierter Umtriebigkeit und seiner beeindruckenden Leistungen: Der Naturkundler ist kaum einem Schleswig-Holsteiner ein Begriff. "Einen Theodor Storm kennt jeder. Einen Klaus Groth auch. Johann Flögel kennt keiner", bedauert Reher. Das will der Arbeitskreis zusammen mit dem Stadtarchiv ändern. Im Mai 2018 - 100 Jahre nach Flögels Tod - soll es eine Ausstellung über Leben und Werk des Hobby-Forschers geben. Die Stadt Ahrensburg plant außerdem, eine Straße nach ihm zu benennen.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 14.02.2018 | 20:05 Uhr

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