Stand: 04.04.2017 05:00 Uhr

Hof sucht Bauer: Landwirten fehlen Nachfolger

von Oliver Kring

Ein Gemüsehof an der Westküste Schleswig-Holsteins. Sortiermaschinen rattern. Fünf Menschen putzen und schneiden Petersilienwurzeln "auf Länge". Die legen sie dann in eine Kiste. Ist sie voll, kommt sie auf andere Kisten, die auf einer Palette stehen. Es sieht alles ganz ordentlich aus. Der Zinken eines Gabelstaplers fährt in den Hohlraum der Palette, hebt sie an und bringt sie in den Lagerraum in einem Nebengebäude des Gemüsehofes. Der Bio-Hof gehört Jan Groth aus Schülp bei Wesselburen (Kreis Dithmarschen) - und er läuft. 26 Sorten Bio-Gemüse baut Groth seit einigen Jahrzehnten an. Erfolgreich - noch jedenfalls.

Wenn Landwirten die Nachfolger fehlen

70 Prozent aller Bauern mit Nachfolgeproblem

"Für die anderen war ich immer der Spinner, aber der Laden brummt", sagt Groth. Er hat vor Jahren den Trend erkannt und von konventioneller Landwirtschaft auf Bio umgestellt. Er ist gut im Geschäft, hat ein laufendes Direkt-Vertrieb-Netzwerk und sieht sich bestätigt in seiner Strategie. Eines hat Groth aber mit vielen anderen Kollegen auch aus der konventionellen Landwirtschaft gemeinsam: Ihm fehlt ein Hofnachfolger. Fast drei Viertel aller landwirtschaftlichen Betriebe in Schleswig-Holstein haben laut Landwirtschaftskammer Probleme ein Nachfolger zu finden - aktuell oder auch zukünftig.

Berufswunsch Landwirt? Nicht in Groths Familie

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"Viele junge Menschen scheuen die Arbeit als Landwirt", sagt Bauer Groth.

Früher wurden die Höfe noch innerhalb der Familien übergeben. Die erste Option hatten die erstgeborenen Söhne und später auch die ältesten Töchter - wenn sie denn wollten. Die gesellschaftlichen Veränderungen hätten inzwischen allerdings auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten: Begriffe wie "Work-Life-Balance" und "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" fänden in den jüngeren Generationen durchaus Anklang, so Groth. Sich "dumm und dämlich zu schuften", um später nur knapp das ruhestandsfähige Alter zu erreichen, sei ein Motiv von gestern. Es gibt aber noch weitere Ursachen für das Nachfolgeproblem. Nicht selten fehle es an Familie. Der Bauer oder die Bäuerin hat keinen Partner gefunden oder sich irgendwann scheiden lassen. So wie Groth. Nach der Scheidung blieben die Kinder bei der Mutter.

Kinder wollen sich beruflich ausprobieren

Manche potenzielle Nachfolger möchten sich schlichtweg "den Stress in der Landwirtschaft nicht antun" und scheuen das Risiko, mit hohem Kapitalaufwand mal mittlere, mal durchschnittliche Bezüge zu erwirtschaften, so der Landwirt. Malte Bombien ist Vorstandsvorsitzender der Regionalwert AG Hamburg, einer Aktiengesellschaft, die sich für nachhaltige Landwirtschaft einsetzt. Dazu gehört das Thema Unternehmensnachfolge. "Kinder meinen, dass sie woanders einfacher Geld verdienen können. Einige wollen beruflich auch einfach mal etwas anderes ausprobieren als die Generationen vor ihnen", sagt Bombien.

Politische Auflagen, dünne Margen

Aus Sicht des Bauernverbandes Schleswig-Holstein sorgen vor allem zwei Gründe für die Zurückhaltung von Hofnachfolgern. So macht sich wegen der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend Frustration breit. Landwirtschaftliche Themen würden im einen oder anderen Fall verzerrt dargestellt - die Branche an den Pranger gestellt. Und politische Weichenstellungen würden strenger, die Margen dünner, meint Michael Müller-Ruchholtz, Justiziar des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes.

Gute Erträge möglich

Dabei können die Perspektiven, je nach Ausrichtung, richtig gut sein: "Ich bin ertragsmäßig jedenfalls zufrieden", sagt Jan Groth aus Schülp. Und irgendwie hat man den Eindruck, als habe er das Wort "sehr" unterdrückt. "Mit Bio geht eine ganze Menge", meint der Landwirt. "Der Markt ist in den vergangenen Jahren tatsächlich um durchschnittlich rund neun Prozent pro Jahr gewachsen", bestätigt Malte Bombien von der Regionalwert AG. Der Trend hält an. Es stehen laut Bombien gar nicht genug Flächen in Deutschland zur Verfügung, um den Bedarf an Bio-Produkten zu decken.

Eine Lösung: Nachfolger ohne Hof "im Rücken"

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Helge Lomberg aus Nordrhein-Westfalen (r.) schaut sich gerade den Hof von Jan Groth an (l.).

Ein "gewisses Potential" sind Absolventen. Zum Beispiel gut die Hälfte der Jahrgänge von Agrar-Ökonomen betrifft das. Sie würden gern in der Landwirtschaft arbeiten, haben aber keinen Hof in der Familie. Eine solche Lösung hatte auch Groth im Visier: Die Regionalwert AG gab ihm den Kontakt zu einer jungen Landwirtin aus Baden-Württemberg. "Die Chemie stimmte, das Fachwissen war gut, das Mädel toll", sagt Groth. Aber dann kam das Heimweh und die Landwirtin war weg.

Der Tausch Nordsee gegen die Berge kam nicht zustande. Dennoch gibt er nicht auf und ist inzwischen ganz zuversichtlich. Anfang des Jahres kam Landwirtschaftsmeister Helge Lomberg aus Nordrhein-Westfalen zu ihm an den Hof. Erst einmal zum Schnuppern. Der 42-Jährige holte aber schon jetzt seine Familie in den Norden: "Wir lieben das Landleben hier. Es gefällt uns am Meer." Und wer weiß: Vielleicht wird am Ende noch mehr daraus.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.04.2017 | 07:00 Uhr

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