Stand: 29.12.2018 10:00 Uhr

Herta Diederichs: 102 Jahre bewegtes Leben

von Katrin Bohlmann

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Eng und liebevoll ist Herta Diederichs' Verhältnis zu Tochter Ingeborg Zwickert.

Laufen, laufen, laufen. Das hat Herta Diederichs ihr ganzes Leben lang getan. Und deshalb ist sie auch heute noch gut zu Fuß unterwegs - wenn auch mit Hilfe eines Rollators. Etwas weniger ist es schon geworden. Aber schnell ist die alte Dame mit ihren 102 Jahren immer noch. Herta Diederichs lebt in ihrem gemütlich eingerichteten Zimmer im AWO Servicehaus Sandberg in Flensburg. An der Wand hängen Teller und Bilder aus der Kaiserzeit. "In Geschichte kennt sie sich bestens aus", sagt ihre Tochter Ingeborg Zwickert (72). Ihre Mutter ist eine zierliche feine Dame. Die grau-weißen Haare sind hochgesteckt, eine schwarze Spange und ein weißes Häkeltuch halten den Dutt zusammen. Ingeborg Zwickert hat ihre Mutter vor vier Jahren nach Flensburg geholt. Vorher lebte Herta Diederichs in Bielefeld.

Von Breslau über Bielefeld nach Flensburg

Am 13. November 1916 in der Nähe von Breslau in Schlesien geboren, musste Herta Diederichs als junge Frau kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie flüchten. Sie landete zunächst in Würzburg, dann in Dortmund. Bielefeld wurde schließlich ihr neues Zuhause. "Sie erzählt nicht viel über die Flucht. Sie mag nicht darüber sprechen. Es muss eine schlimme Zeit gewesen sein", sagt Tochter Ingeborg nachdenklich. Ihr Vater - Herta Diederichs Mann - ist früh gestorben, schon 1954. Herta Diederichs - eine gelernte Sekretärin - zog ihre Tochter in Bielefeld alleine groß. Sie arbeitete halbtags in der Verwaltung in der Inneren Mission (eine Initiative innerhalb der evangelischen Kirche zur christlichen Mission). In Schlesien hatte Herta Diederichs bei Siemens gearbeitet. Eigentlich sollte sie für den Konzern nach Paris gehen, aber der Krieg kam dazwischen. In Bielefeld hat sie dann noch einmal geheiratet. Aber auch ihr zweiter Mann ist schon lange tot, er starb 1980.

Stolz und glücklich: Mit Disziplin und Training ins hohe Alter

Das Geheimnis ihres hohen Alters? Die Tochter meint: "Ihre Disziplin und ein gut strukturierter Tagesablauf." Herta Diederichs selbst sagt: "Viel Training und eben laufen, laufen, laufen. Jeden Tag mindestens eineinhalb Stunden laufen." Als sie noch in Bielefeld lebte, war sie regelmäßig im Teutoburger Wald wandern. Noch früher in Schlesien hatte sie Tennis gespielt. Sie ist nie zum (Haus-)Arzt gegangen, hat nie Tabletten genommen. Vor knapp vier Jahren dann der gesundheitliche Einbruch: ein Oberschenkelhalsbruch. "Aber nach drei Tagen stand sie wieder und flitzte durch das Krankenhaus", erinnert sich die Tochter. "Ein Wunder für die Ärzte." Heute braucht ihre Mutter nur eine Tablette pro Tag. Mehr nicht. Auch keine Brille. "Vor 30 Jahren hatte ich mal eine Brille", erinnert sich die lustige alte Dame.

Herta Diederichs liest immer noch täglich die Zeitung

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Fotograf Bernd Bünsche hat Herta Diederichs für eine große Ausstellung fotografiert.

Aktuell geht es Herta Diederichs nicht so gut. "Ein bisschen malade", nennt sie ihren Zustand. Der Kopf und die Ohren machen nicht mehr so mit. Sie ist oft müde und kaputt. "Die kommt schon wieder zu Potte", sagt sie über sich selbst. "Nicht aufgeben", fügt sie hinzu und lacht. Herta Diederichs redet gerne in der dritten Person von sich. Seit Jahrzehnten hat sie die Frankfurter Allgemeine Zeitung abonniert. Heute liest die 102-Jährige aber meist nur noch die Überschriften. Aber immerhin ohne Brille.

Im nächsten Jahr ist sie Teil einer Ausstellung

Wenn ihre Tochter sie besucht, strahlt sie. "Mein Goldstück", wie sie sagt. "Mausi" ruft sie immer wieder ihre Tochter und guckt sie fast verliebt an. Mausi ist mittlerweile auch schon 72 Jahre alt. Aber Mausi lacht nur und setzt sich. "Sie ist immer eine Einzelgängerin gewesen", beschreibt Ingeborg Zwickert ihre Mutter. "Stur kann sie sein. Aber auch fröhlich." In der Tat lacht und strahlt Herta Diederichs viel. Auch auf den Bildern, die Fotograf Bernd Bünsche von ihr gemacht hat. Herta Diederichs ist nämlich Teil eines Fotoprojekts für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Schleswig-Holstein - die wird im neuen Jahr 100 Jahre alt und widmet den Hundertjährigen im Land eine ganze Ausstellung.

Ihr größter Wunsch: noch einmal nach Helgoland

Die Suche nach Hundertjährigen geht weiter

Die AWO wird im kommenden Jahr hundert Jahre alt und will dazu eine Ausstellung den Menschen in Schleswig-Holstein widmen, die hundert Jahre oder älter sind. Viele Männer und Frauen hat Fotograf Bernd Bünsche schon getroffen und porträtiert - einige fehlen aber noch, um die Zahl von hundert Porträts voll zu machen. Kennen Sie jemanden, der sich fotografieren lassen und seine Lebensgeschichte weitergeben möchte? Dann wenden Sie sich direkt an die AWO. Ansprechpartnerin ist Anja Abel, Telefon (0431) 511 45 51 oder per Mail an anja-abel@awo-sh.de

Die Wahl-Flensburgerin Herta Diederichs isst gerne Krabben, hasst Knoblauch und liebt es, essen zu gehen. Ihre Tochter führt sie regelmäßig aus. Glücksburg mit seinem Schloss findet sie besonders schön. Und gerne trinkt sie dann einen "klitzekleinen" Schluck Wodka. "Das hilft", sagt sie. Herta Diederichs ist schon stolz und glücklich, die 100 Jahre geknackt zu haben. Auch wenn es nicht einfacher wird im Alter. Aber: "Sie ist dankbar und ruht in sich", sagt Tochter Ingeborg. Ihre Mutter fühlt sich wohl in Flensburg bei der AWO. "Ich lebe gerne hier. Die sind alle nett. Ich bin hier wirklich gut aufgehoben", stellt die 102-Jährige lächelnd fest.

"Manche Menschen sind so unzufrieden. Das verstehe ich gar nicht." Sie schüttelt dabei den Kopf. Herta Diederichs ist zufrieden. Einen Herzenswunsch hat sie aber: Sie möchte zu gerne noch einmal nach Helgoland. Sie liebt die Hochseeinsel. "Ihre Trauminsel. 18 Jahre lang ist sie jeden Sommer dorthin gefahren", erzählt die Tochter. Im Krankenhaus nach dem Oberschenkelhalsbruch hat eine Ärztin zu ihr gesagt: 'Sie werden 110, so fit wie sie sind.' Als die Tochter das erzählt, erwidert Herta Diederichs: "Ach Mausi, ich weiß nicht. Wenn ich gesund bleibe, dann ja. Sonst mache ich lieber die Augen zu."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 18.11.2018 | 10:05 Uhr

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