Stand: 08.10.2019 20:47 Uhr

Heroin, Kokain, Opiate: Die Drogensucht eines Arztes

Hohe Arbeitsbelastung, enormer Leistungsdruck und Daueranspannung - all das sind Risikofaktoren für Suchterkrankungen. Und davon sind auch jene Menschen betroffen, die eigentlich helfen sollen. Nach Angaben der Bundesärztekammer ist davon auszugehen, dass sieben bis acht Prozent der deutschen Ärzte mindestens einmal im Leben an einer Suchterkrankung leiden. Mit Blick auf die Belastung sagt ein Chirurg, der selbst jahrelang drogensüchtig war, NDR Schleswig-Holstein: "Das ist schwer durchzuhalten - ohne Hilfsmittel erst recht." Er möchte unerkannt bleiben.

Mit einer Nadel im Arm flog er auf - in seinem Büro

Der Mann hatte Heroin, Kokain und Opiate zu sich genommen - nach eigenen Angaben vor allem auf Toiletten. "Das waren Pausen von allen unerfreulichen Dingen", sagt er. An Wochenenden habe er noch mehr Drogen "und noch mehr Bier" konsumiert. Während der Arbeit bediente er sich an Medikamenten.

Im Nachhinein sei er sich "sicher, dass ich nicht immer die bestmöglichen Entscheidungen (als Arzt, Anm. d. Red.) getroffen habe". Er flog auf, als ein Kollege in sein Büro kam, "während ich mir gerade eine Nadel in den Arm gesteckt habe". Das sei dann "nicht mehr so richtig gut wegzuerklären" gewesen, so der Mann.

Alkohol und Medikamente am häufigsten missbraucht

Zu den häufigsten missbrauchten Substanzen bei Ärzten zählen Studien zufolge Alkohol und - aufgrund ihrer "Griffnähe" - Medikamente. Aber auch der Missbrauch von harten Drogen wie Kokain oder Amphetaminen kommt vor. Ein Chirurg, der etwas angeschwipst das Skalpell zückt, oder ein Anästhesist, der ordentlich berauscht das Schlafmittel verabreicht - ein Albtraum für jeden Patienten.

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Sucht ist ein Tabuthema - erst recht unter Ärzten. Betroffenen droht ein Berufsverbot.

Das Thema ist hochsensibel und stark tabuisiert. Welcher Arzt würde sich vor Familie oder Arbeitskollegen outen, um sich helfen zu lassen? Es ist ein Balanceakt zwischen Selbstkontrolle und Eingeständnis. Es geht um Ängste, um Ansehen und um Vertrauensverlust. Es droht ein Berufsverbot. Im beschriebenen Fall habe ihm der Arbeitgeber gedroht, ihn für immer aus dem Verkehr zu ziehen, wenn er sich nicht helfen lasse, so der Arzt. Seine Frau wollte mit den Kindern ausziehen.

Interventionsprogramm der Ärztekammer kann Ausweg sein

Die Ärztekammer Schleswig-Holstein bietet seit 2011 ein Hilfsangebot für Betroffene an. Ärzte mit Abhängigkeitserkrankungen können streng vertraulich die Beratende Kommission Sucht und Drogen kontaktieren. "Entweder melden sich die Betroffenen selbst oder Personen aus dem Umfeld", sagt Florian Horstmann von der Pressestelle der schleswig-holsteinischen Ärztekammer. Seinen Angaben zufolge haben bisher 40 Teilnehmer das Interventionsprogramm durchlaufen. Der Mann, der sich NDR Schleswig-Holstein anvertraute, gehört dazu.

Chirurg arbeitet wieder - nur zwei Personen kennen seine Vergangenheit

Je nach Einzelfall umfasst das Programm eine Psychotherapie, den Besuch von Selbsthilfegruppen und im Verlauf Laborkontrollen. Im beschriebenen Fall ist das sieben Jahre her. Inzwischen geht der Chirurg wieder seiner Tätigkeit nach. Nur sein Chef und ein befreundeter Kollege wissen von seiner Vergangenheit.

Wenn suchtkranke Menschen über Jahre bewiesen hätten, dass sie komplett rehabilitiert sind, müssten Patienten von der Erkrankung des Arztes nichts wissen, sagt Dr. Carsten Leffmann, Ärztlicher Geschäftsführer der Ärztekammer.

Noch immer besucht der Chirurg mindestens einmal pro Woche eine Selbsthilfegruppe, was wohl für immer so bleiben wird - damit er clean bleibt. "Ich habe einen ganz guten Weg, wie das klappen könnte", sagt der Mann.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.10.2019 | 19:30 Uhr

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