Stand: 14.08.2019 20:00 Uhr

Helgoländer Forscher finden Mikroplastik in Schnee

Von Andrea Brack Peña und Eva Schulze-Gabrechten

Es sieht aus wie ganz normales Wasser in einem Reagenzglas. Für den Mikrobiologen Dr. Gunnar Gerdts und seine Kollegen ist diese Probe aber ein wichtiger Teil eines großen Puzzles. Seit Jahren forschen sie im Alfred-Wegener-Institut auf Helgoland zum Thema Mikroplastik und untersuchen dafür auch Schnee aus verschiedenen Orten. Am Mittwoch haben sie ihre Ergebnisse im Online-Portal "Science Advances" veröffentlicht: Demnach fanden die Wissenschaftler in allen Proben Tausende der kleinen Plastikteilchen - auch in Schnee abgelegener Regionen. "Die Arktis, die man eigentlich mit einer reinen Umgebung verbindet, ist auch schon vom Menschen beeinflusst - und das scheinbar in erheblichem Ausmaß", sagt Gerdts. "Das macht mich betroffen."

Blütenpollen bringen Wissenschaftler auf Fährte

Schon vor Jahren hatten die Forscher Mikroplastik im Eis der Arktis nachgewiesen. "Wir haben uns gefragt, woher die Teilchen kommen", sagt Gerdts. "Sie konnten nur über das Wasser oder mit der Luft dorthin gelangen." Dass Mikroplastik im Meer schwimmt und so bis in die entlegensten Regionen der Welt vordringt, war bereits bekannt. Aber konnte Mikroplastik auch Tausende Kilometer weit über die Atmosphäre transportiert werden? Der Flug von Blütenpollen brachte die Wissenschaftler auf die Fährte: Ältere Untersuchungen zeigten, dass auch diese Kleinstpartikel Tausende Kilometer reisen können - aus Europa bis in die Arktis. Auch Staub aus der Sahara gelangt nach Angaben der Wissenschaftler durch die Atmosphäre über rund 3.500 Kilometer bis in den Nordostatlantik.

Neue Forschungsmethode auf Helgoland entwickelt

Um das Mikroplastik besser nachweisen zu können, entwickelten sie im Helgoländer Labor eine feinere Methode. Gerdts und seine Mitarbeiter schmelzen die Schneeproben und gießen das Schmelzwasser durch einen speziellen Filter. Den Rückstand aus dem Filter bestrahlen sie im Infrarotmikroskop auf Helgoland mit Infrarotlicht. "Das Mikroplastik absorbiert und reflektiert die Strahlen, so dass ein optischer Fingerabdruck entsteht", sagt Gerdts.

"Mit der Infrarotspektroskopie können wir selbst kleinste Partikel finden, die zum Teil nur 11 Mikrometer groß sind", sagt Gerdts. Durch den Fingerabdruck der Plastikteilchen lässt sich zudem sehr genau sagen, um welche Plastikart es sich handelt. So können die Forscher unterscheiden, ob ein Partikel von einem Autoreifen, einem Lackrest oder einer Kunststoffflasche stammt.

Leise rieselt das Mikroplastik

154.000 Plastikteilchen in einem Liter Schnee

Der untersuchte Schnee stammt aus der Arktis, den Schweizer Alpen, aus Bayern, Bremen und von Helgoland. Dort fand das Team insgesamt 17.500 Partikel in einem Liter Schnee. 14.400 Teile waren es in dem Schnee aus der Arktis. Die höchsten Werte weist der Schnee von einer Landstraße in Bayern auf: 154.000 Plastikteilchen waren in einem Liter enthalten.

Je nach Region waren es unterschiedliche Arten von Kunststoff. An der Landstraße wiesen die Forscher, die ihre Studie in der Zeitschrift "Science Advances" präsentierten, vor allem Kautschuk nach. Aus diesen bestehen etwa Autoreifen. In der Arktis waren es insbesondere Nitrilkautschuk, Acrylate und Lackteilchen. Nitrilkautschuk wird unter anderem für Schläuche und Dichtungen verwendet, weil er von Kraftstoffen nicht angegriffen wird und größere Temperaturschwankungen aushält. Dort fanden sich die Mikroplastikteilchen etwa auf der Insel Spitzbergen, aber selbst im Schnee auf treibenden Eisschollen.

Auswirkungen noch nicht ausreichend untersucht

Die Forscher gehen davon aus, dass sie sich durch die Atmosphäre verbreiten und dann mit dem Schnee aus der Luft herausgewaschen werden. "Die Gefahr ist natürlich, dass ähnlich wie beim Feinstaub auch diese Partikel eingeatmet werden können und besonders kleinste Teilchen auch in der Lunge hängen bleiben", sagt die Meeresökologin Dr. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Sie ist eine der Hauptautorinnen der am Mittwoch veröffentlichten Studie. "Es gibt eine kleine Studie, die Mikroplastik in der Lunge nachgewiesen hat. Dort wurde es vor allem in krebsbefallenem Gewebe gefunden. Die Studie ist aber von 1989. Da brauchen wir definitiv noch mehr Forschung", fordert die Wissenschaftlerin.

"Polarstern" startet zur nächsten Expedition

Sie und ihre Kollegen auf Helgoland wollen das Thema noch genauer erforschen und erhoffen sich neue Erkenntnisse durch die nächste Expedition des Forschungsschiffes "Polarstern". Ein Jahr lang wird der Eisbrecher mit dem Packeis durch die Zentralarktis driften. Offizieller Start der 140 Millionen Euro teuren Reise ist am 20. September im norwegischen Tromsø.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 14.08.2019 | 20:00 Uhr

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