Ein Gebäude des ehemaligen Landeskrankenhauses Schleswig-Stadtfeld. © NDR Foto: Berit Ladewig

Heimkinder in SH: Abschlussbericht bestätigt Misshandlungen

Stand: 28.01.2022 14:43 Uhr

In der Untersuchung belegen Forscher, dass Kinder und Jugendliche in Heimen für Behinderte und in Psychiatrien in Schleswig-Holstein misshandelt und vernachlässigt wurden. Untersucht wurde der Zeitraum von 1949 bis 1990.

Durchgeführt hat die Studie ein Team um Professor Cornelius Borck von der Universität zu Lübeck. Sie wurden dafür vom Land beauftragt. Nun hat das Team seinen Abschlussbericht vorgelegt. In der Aufarbeitung berichten Betroffene von Schlägen, Zwang, Missbrauch, medikamentöser Ruhigstellung und Ausbeutung, unter deren Folgen sie bis heute zu leiden haben.

Darüber hinaus wurden sexuelle Übergriffe, demütigende Strafpraktiken und körperliche Misshandlungen geschildert, die ein gravierendes Ausmaß an Gewalttätigkeit und Willkür des Personals erkennen ließ. Ursächlich für die Gewalt und Willkür sind den Autoren zufolge strukturelle Mängel in den stationären Einrichtungen der Psychiatrie und Behindertenhilfe. Diese Mängel seien für die Nachkriegsjahrzehnte der Bundesrepublik insgesamt kennzeichnend gewesen.

"Alte Riege" griff auf Gewalt und Entwürdigung zurück

Als gewaltfördernd seien auch die im Nachkriegsdeutschland weit verbreiteten Stereotypen gegenüber Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen verantwortlich. Auch die Verstrickungen in die nationalsozialistische Politik der Einrichtungen sowie die Haltung von Klinikpersonal seien zu berücksichtigen. Demnach hätten viele der interviewten ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichtet, dass insbesondere die "alte Riege" der Pflegekräfte auf Gewalt und Entwürdigung im Arbeitsalltag zurückgegriffen habe.

Über ihre Erfahrungen mit Gewalt und Medikamentenversuchen in solche Einrichtungen hatten 2018 auch Betroffene im Landtag berichtet. Dort fand ein Symposium statt, in dem sie vor 160 Gästen aus Politik, Wissenschaft und Kirchen erzählen konnten, welches Leid ihnen widerfahren ist. Zuvor war ihr Leid durch erste wissenschaftliche Untersuchungen und NDR Recherchen zu Medikamentenversuchen öffentlich geworden.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.01.2022 | 17:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Eine Person arbeitet mit Schutzmaske in einem Labor. © Jens Zacharias/NDR Foto: Jens Zacharias

Forscher in SH kämpfen gegen antibiotikaresistente Keime

Statt neue Medikamente zu entwickeln, setzen sich Forscher in Kiel und Lübeck für eine neue Strategie ein. mehr

Videos