Stand: 26.03.2019 15:16 Uhr

Hebammenverband beschreibt "dramatische" Situation

von Hauke von Hallern

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Beleghebamme Maike Pagel-Feldmann berichtet von teilweise schockierenden Zuständen in den Kreißsälen.

Die Geburt des eigenen Kindes: Für viele Menschen gehört dieser Tag sicher zu den schönsten im Leben. Für Hebammen in den Kreißsälen sind Geburten dagegen oft Stress pur. Es gebe wenig Fachkräfte, viel zu tun und die Schichtarbeit sei schlecht bezahlt, beschreibt der Hebammenverband Schleswig-Holstein die Lage. Sie habe sich sogar weiter verschärft, die Situation in der Geburtshilfe sei dramatisch, so der Verband. Maike Pagel-Feldmann zum Beispiel arbeitet als Beleghebamme in Eckernförde. Ihrer Meinung nach sind die Belastungen in den Kliniken enorm. "Die Situation in den Kreißsälen ist manchmal derart schockierend, dass viele junge Kolleginnen da gar nicht mehr reinwollen", berichtet sie.

Bundesgesundheitsminister Spahn will duales Studium

Ein Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), über den das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vor wenigen Tagen berichtete, sieht für angehende Hebammen ein duales Studium statt einer Ausbildung vor. Dadurch erhöhe sich auch die Attraktivität des Berufes insgesamt, sagte Spahn dem RND.

Ein Großteil der Krankenhäuser in Schleswig-Holstein sucht nach Angaben des Hebammenverbandes händeringend nach Personal, viele Stellen können nicht besetzt werden. "Die Versorgung bricht zusammen, weil viele Hebammen ihren Beruf nicht mehr attraktiv finden", meint die Vorsitzende des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein, Anke Bertram.

Teure Haftpflichtversicherungen für freie Hebammen

Offizielle Zahlen wurden bisher nur für den Kreis Ostholstein erhoben: Von etwa 50 selbstständigen Hebammen arbeitet dort nur die Hälfte in der Geburtshilfe. Selbstständige Hebammen müssen teure Haftpflichtversicherungen abschließen, um in der Geburtshilfe arbeiten zu können. "Dabei können Kosten von bis zu 10.000 Euro pro Jahr entstehen", erklärt Maike Pagel-Feldmann. Für viele freie Hebammen sei das finanziell nicht machbar. Sie würden deshalb auf die Arbeit in der Geburtshilfe verzichten und sich nur um Vor- und Nachsorge kümmern, so Pagel-Feldmann. Schwangere könnten deshalb oft nicht mehr individuell betreut werden.

Gesundheitsministerium erhöht Zahl der Ausbildungsplätze

Einen Mangel an Hebammen will das Gesundheitsministerium in Kiel nicht bestätigen. Die Zahl der festangestellten und Beleghebammen in den Krankenhäusern hätte sich zwischen 2015 und 2016 um etwa zehn Prozent erhöht. 340 freie und festangestellte Hebammen waren laut Ministerium 2016 in den Kliniken in Schleswig Holstein im Einsatz. Das Land hat die Zahl der Ausbildungsplätze erhöht und einen entsprechenden Modellstudiengang an der Universität Lübeck eingerichtet. Seit eineinhalb Jahren können 20 Studierende einen Abschluss in Hebammenwissenschaften absolvieren. Im Herbst sollen 15 weitere Studienplätze eingerichtet werden. Nach Ansicht des Ministeriums ist bei der Personalsuche auch eine attraktive Vergütung entscheidend. Dafür seien die Arbeitgeber verantwortlich.

Angestellte Hebamme bekommt etwa 3.000 Euro brutto

Anke Bertram kritisiert, dass die Arbeit in der Geburtshilfe immer mehr zur Massenabfertigung und Fließbandarbeit verkomme. "Hebammen müssen sich in den Kliniken manchmal um fünf Schwangere gleichzeitig kümmern", sagt die Verbandsvorsitzende. Ihrer Meinung nach sollte eine Hebamme im Krankenhaus höchstens zwei Frauen bei der Geburt unterstützen.

Bertram fordert außerdem eine bessere Bezahlung. Eine angestellte Hebamme verdient durchschnittlich knapp 3.000 Euro brutto im Monat. Zuletzt hatte der private Klinikbetreiber Helios, der zum Beispiel einen Standort in Schleswig betreibt, einer Zulage für Hebammen zugestimmt. Danach erhalten Hebammen ab 2020 - je nach Qualifikation - bis zu 300 Euro je Monat mehr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 26.03.2019 | 05:05 Uhr

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