Stand: 28.02.2018 15:09 Uhr

HSH-Nordbank-Krise: "Das war Staatsversagen"

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Begleitet die Entwicklung bei Banken kritisch: Prof. Martin Hellwig.

Die HSH Nordbank wird an ein Konsortium um die US-Finanzinvestoren Cerberus und J.C. Flowers verkauft. Das haben Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) am Mittwoch in Kiel bekannt gegeben. Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Monopolkommission, Professor Martin Hellwig, ist Wirtschafts- und Bankenexperte. Im Interview zeichnet er die Entwicklungen nach, die aus seiner Sicht zur Krise der HSH Nordbank führten.

Die HSH Nordbank wird jetzt verkauft. Fällt Ihnen ein Stein vom Herzen?

Martin Hellwig: Nicht wirklich. Zum Einen würde mich interessieren: Wie weit hängen die beiden Länder und möglicherweise sogar der Bund immer noch mit drin? Zum anderen würde mich interessieren: Was wollen die Finanzinvestoren mit der Bank eigentlich machen?

Bis 2003 hatten Hamburg und Schleswig-Holstein jeweils eigene Landesbanken. Von der Politik wurden diese zu der Zeit sehr geschätzt. Warum?

Hellwig: Es ist für einen Ministerpräsidenten wunderbar, wenn er ein paar Millionen bewegen kann durch ein Telefonat, ohne das Parlament fragen zu müssen. Und diesen strategischen Nutzen von Landesbanken haben alle Ministerpräsidenten, ganz gleich welcher Partei, geschätzt.

Die Landesbanken konnten sich damals noch auf die Gewährträgerhaftung verlassen. Das heißt: Darauf, dass die Eignerländer in vollem Umfang für ihre Risiken einstehen würden. Wie wurde das genutzt?

Hellwig: Die Institute haben das durchweg genutzt, um sich billig zu refinanzieren. Mich fragte irgendwann mal eine Freundin in Amerika: "Was weißt du über die Bayerische Landesbank?" Ich fragte: "Warum willst Du das wissen?" Sie sagte: "Ja, die Bayerische Landesbank hat uns gerade einen Deal weggenommen, Anlage von Mitteln amerikanischer Kommunen." Man holt also die Mittel der amerikanischen Kommunen, macht eine Projektfinanzierung in Singapur und das ist dann Daseinsvorsorge für Bayern.

Haben die Landesbanken sich erst mal vollgepumpt, um dann in windige Geschäfte zu investieren?

Hellwig: Man hat das genutzt. Im Jahr 2001 war vereinbart worden, dass die Gewährträgerhaftung im Jahr 2005 auslaufen würde. Und dann hat man die Vier-Jahres-Frist genutzt. Und weil man nicht richtig wusste, was man mit dem Geld machen sollte, ist ein erheblicher Teil davon in toxische Papiere in den USA gegangen.

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Also hat die Bank in Börsenwetten investiert?

Hellwig: Sie hat in Verbriefungen von amerikanischen Immobilienkrediten investiert. Es wurde gesagt, das Zeug ist sicher, aber das war es nicht.

Und die HSH Nordbank hatte noch ein zweites lukratives Geschäftsfeld: Den Schiffsmarkt. Ihr Kollege Prof. Vöpel spricht von einem "Klumpenrisiko", das sich die HSH ans Bein gebunden hat.

Hellwig: Ja. Ein Sechstel der Gesamtfinanzierung der Welthandelsflotte ging über die HSH Nordbank. Wahrscheinlich hatte man nicht genügend Analysekapazität - und auch nicht genügend Leute, die die Frage stellten: Geht das eigentlich?

Beides - die Immobilienderivate und auch der Schiffsmarkt - gelten heute als hochriskante Geschäftsfelder. Warum hat die Bank damals so wenig über Risiken gesprochen? Und was hat das eventuell auch mit Boni für einzelne Banker zu tun? Welche Anreize wurden geschaffen?

Hellwig: Wenn ich als Händler ein Derivat verkaufe mit einer Laufzeit von drei Jahren, dann will ich dafür sorgen, dass der über drei Jahre erwartete Gewinn sofort aktiviert wird, auch wenn der noch gar nicht angefallen ist. Denn dann kriege ich sofort meinen Bonus. Wenn man als Händler in dieser Situation die Schätzung für einen möglichen Gewinn zu hoch ansetzt, wird der Wert der Option höher angesetzt. Und wenn ich die Option dann als höherwertig verkauft habe, ist das für meinen Bonus eben eine gute Sache. Daher kommt es, dass diese fiktiven Schätzungen und Gewinnzuschreibungen künftigen Risiken selten genügend Rechnung tragen. Denn für jeden Einzelnen ist das erstmal von Vorteil. Da ist vieles geschehen, was nicht hätte geschehen sollen.

Bei der HSH kam es auch zu Risikotauschgeschäften: Man hat Risiken aus der Bilanz herausgenommen und abgeschattet, dass sie nach dem Bilanzstichtag wieder zurückkehren mussten. Wie zum Beispiel im Falle des "Omega"-Deals, der immer noch vor Gericht verhandelt wird.

Hellwig: Das passt ins Bild eines Systems, in dem die Verantwortlichen die Vorstellung haben, dass Probleme sich irgendwann von selber lösen, wenn man sie unter den Teppich kehrt und vertuscht - und es wird niemand merken, wie teuer das alles war.

Hätte das Management nicht sehen müssen, dass solche Geschäfte keinen wirtschaftlichen Sinn machen - außer Bilanzkosmetik?

Hellwig: Natürlich hätten sie das. Man kann so etwas bei vielen solcher Geschäfte fragen. Aber wenn sie in einer Situation sind, wo sie ohne das nur ganz unschöne Zahlen schreiben können, dann ist die Versuchung groß. Ich sehe das Problem darin, dass der Staat in seiner Eigenschaft als Eigentümer sich an diesem Spiel beteiligt hat und damit seine Pflichten als Kontrollinstanz, als Regulierungsinstanz, verletzt hat.

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Hätte der heutige SPD-Landeschef Ralf Stegner besser aufpassen müssen, als er als Vertreter der Landesregierung im Aufsichtsrat saß?

Hellwig: Vielleicht hat er ja aufgepasst? Der Aufseher in einem solchen Gremium unterliegt derselben Versuchung wie der Manager: Wenn ich etwas aufdecke, sehen wir alle schlecht aus. Dann kommt in dem Gremium der Druck hinzu, sich nicht unbeliebt zu machen. Man musste durchaus ein ziemlich dickes Fell haben, um gegen diesen Druck in der Herde mitzulaufen, sich zur Wehr zu setzen.

Die ehemalige Ministerpräsidentin Heide Simonis sagte mal: "Wir waren alle besoffen von dem Erfolg!" Hat sich da Größenwahn breit gemacht?

Hellwig: Wenn mir ein Banker erzählt, ich verdiene jetzt sehr viel Geld, wäre meine Frage immer: Und was gehst Du dabei für Risiken ein? Frau Simonis hat als Nicht-Bankspezialistin vielleicht zu wenig Fragen gestellt, aber das gilt mit Sicherheit auch für die Bankvorstände. Die verstanden nicht genügend von dem, was in den Investitionsabteilungen, den Anlageabteilungen, den Handelsabteilungen passierte.

War da nicht der Kater programmiert?

Hellwig: Wer denkt auf dem Höhepunkt der Fete schon an den Kater?

Aber der Kater kam.

Hellwig: Der kam bei den toxischen Papieren im Zuge der Lehman-Pleite. Bei den Schiffen wäre er auch ohne die Lehman-Pleite gekommen. So eine Schiffsblase ist genauso problematisch wie eine Immobilienblase. Das Problem ist letztlich dasselbe: Eine Über-Investition in reale Vermögenswerte, also Häuser und Schiffe, kann die Märkte auf lange Fristen kaputt machen.

2009 beschlossen die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein ein Rettungspaket.

Hellwig: Damals hieß es so schön: Kosten für den Haushalt sind daraus nicht zu erwarten.

Es kam, wie wir wissen, anders. Inzwischen gab es einige milliardenschwere Stützungsmaßnahmen. Bis die EU-Kommission am Ende gesagt hat: Bis hierhin und nicht weiter. Entweder Verkauf oder Abwicklung.

Hellwig: Aus Sicht der Kommission war die HSH Nordbank nach der WestLB ein weiterer Fall, an dem man ein Exempel statuieren konnte. Man wollte der Tendenz, auf jeden Fall die Bank weiter zu erhalten, mit was auch immer für Staatsmitteln, Einhalt gebieten und hat daher diese Alternative gewählt. Wobei ich sagen muss: Die Kommission war schon sehr großzügig.

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Großzügig - weil die Länder ihre Bank vor Verkauf oder Abwicklung noch einmal durch den Herauskauf fauler Schiffskredite entlasten durften?

Hellwig: Also warum die Länder das gemacht haben, sehenden Auges nochmal einfach Verluste auf Staatskasse zu übernehmen, das ist mir nicht so richtig verständlich geworden. Da habe ich auch keine vernünftige Erklärung für bekommen

Der Sanierungsfall HSH - war das nun ein Management- oder ein Staatsversagen?

Hellwig: Sowohl als auch. Aber da es eine Staatsbank ist, würde ich jetzt primär sagen: Das war ein Staatsversagen. Denn wenn der Staat eine Bank einrichtet, gehört es auch zu den Aufgaben der verantwortlichen Politiker, dafür zu sorgen, dass sie Manager haben und diese Manager Gechäftsstrategien betreiben lassen, die dem Staat nicht schaden.

Das Interview führte Patrick Baab, Recherchepool NDR Schleswig-Holstein

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 28.02.2018 | 18:05 Uhr

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