Blick auf die vergitterten Fenster der Haftzimmer in der Abschiebungshafteinrichtung Glücksstadt. © dpa-Bildfunk Foto: Marcus Brandt

Glückstadt: Ehrenamtliche Hilfe für Bewohner in Abschiebehaft

Stand: 15.09.2021 16:50 Uhr

Eine ehrenamtliche Gruppe in Glückstadt will den abgelehnten Asylbewerbern in der Abschiebehaftanstalt helfen - unter anderem mit Rechtsinformationen.

Seit einem Monat ist die neue Abschiebehaftanstalt des Landes in Glückstadt in Betrieb. Abgelehnte Asylbewerber, die sich ihrer Ausreise widersetzen, sollen dort vor ihrer Abschiebung in ihre Heimatländer untergebracht werden. In Glückstadt hat sich nun eine sogenannte Besuchsgruppe gebildet. Sechs Bürgerinnen und Bürger wollen sich ehrenamtlich um die Bewohner kümmern.

Ehrenamtlich Gruppe will helfen

Sie würden die Abschiebehaft grundsätzlich kritisch sehen, aber man wolle sich nun um die Menschen kümmern, sagt die Sprecherin der Besuchsgruppe Doris Berger. "Die Aktionen und Proteste konnten die Einrichtung ja nicht verhindern, und da es sie nun mal gibt, wollen wir uns solidarisch mit den Bewohnern zeigen und sie in der Haftanstalt unterstützen. Das sind Menschen, die haben keine Straftat begangen, und werden wie Schwerverbrecher behandelt, hinter Mauern und Stacheldraht eingesperrt. Denen wollen wir helfen", erklärt Berger.

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Blick auf einen Zellengang in der neuen Abschiebehaftanstalt in Glückstadt. © dpa Foto: Ulrich Perrey

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Kontakte zu Juristen herstellen

Berger und die anderen ehrenamtlichen Helfer wollen regelmäßig für die Bewohner da sein und über mehrere Aushänge in vier Sprachen ihre Hilfe anbieten. "Wir können miteinander reden und zuhören. Und wir können Kontakte zu Freunden und Verwandten der Bewohner herstellen. Und wir haben uns auch geschult, wir können erste Rechtsinformationen geben und dann bei Bedarf Kontakte zu Juristen herstellen", erklärt sie.

Oft rechtswidrige Inhaftierung

Kritik an der Abschiebehaftanstalt für 60 Insassen kommt unter anderem vom Anwalt für Migrationsrecht, Peter Fahlbusch. Er hat bundesweit inzwischen schon über 2.000 Menschen in Abschiebehaftverfahren vertreten. Bei der Hälfte seiner Mandanten stellte sich heraus, dass sie rechtswidrig inhaftiert waren, was rechtskräftige Entscheidungen belegen. Das sei eine viel zu hohe Fehlerquote für einen Rechtsstaat, findet Fahlbusch und befürchtet, dass in Glückstadt "mit diesem neuen Gefängnis weitere Gefangene inhaftiert werden, die zu Unrecht in Haft sitzen."

Unterstützung von der Stadt für ehrenamtliche Helfer

Doris Berger hofft, dass die ersten Besuche in der Abschiebehaft in den kommenden Wochen stattfinden können. Glückstadts Bürgermeisterin Manja Biel (parteilos) sagte NDR Schleswig-Holstein, die Stadt werde die ehrenamtlichen Helfer der Besuchsgruppe bei ihrer Arbeit unterstützen. Nicht nur in Hamburg oder Kiel, sondern auch in Glückstadt selbst sei sehr kontrovers - aber sachlich - über die Abschiebehaftanstalt diskutiert worden, so Biel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.09.2021 | 16:30 Uhr

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