Sendedatum: 18.05.2020 16:30 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Gewichte heben mit Abstand & Desinfektionsmittel

Es riecht zur Mittagszeit im Fitness-Studio FiZ in Kiel nur ganz leicht nach Schweiß und Desinfektionsmittel. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die rund 4.000 Quadratmeter große Trainingsfläche am ersten Tag nur überschaubar gefüllt ist. Rund 100 Mitglieder sind da, schätzt Pia Höllwig vom Verein für Freizeit- und Gesundheitssport (VFG) an der Christian-Albrechts-Universität, der das FiZ betreibt. "Es ist ruhiger als sonst, aber wir sind trotzdem zufrieden, dass sich schon wieder einige her getraut haben".

"Das Infektionsrisiko ist hier nicht höher als im Supermarkt"

Der weißhaarige Kurt aus Kiel hat sich direkt am ersten Tag her getraut, auch wenn er auf Grund seines höheren Alters schon zur Risikogruppe gehört: "Ich mache mir da gar keine Sorgen. Ich hatte schon mit einer Schlange gerechnet, aber das ist ja alles sehr human hier". Über 90 Minuten hat Kurt unter anderem an den Cardio-Geräten im FiZ trainiert - "ein Hochgenuss", erzählt der Rentner, "aber ich merke auch - gerade in meinem Alter - dass ich jetzt erstmal einiges wieder an Muskulatur aufbauen muss." Auch Kerstin aus Osdorf sorgt sich nicht übermäßig, dass sie sich im Fitnessstudio mit dem neuartigen Coronavirus infizieren könnte. "Wenn man sich an die Regeln hält, den Abstand einhält und die Geräte regelmäßig desinfiziert, denke ich, dass das Infektionsrisiko nicht höher ist als bei Ikea oder in Supermärkten", schmunzelt sie.

Mit Zollstock, Flatterband und jeder Menge Papiertücher gegen Corona

Was sind denn genau die Regeln im Fitnessstudio? Abstand ist das oberste Gebot steht in der aktualisierten Landesverordnung - und das wird auch von den Betreibern des FiZ zentimetergenau umgesetzt. Pia Höllwig erzählt, dass einige Mitarbeiter in der vergangenen Woche die Geräte "Probe gesessen" und andere dann mit einem Zollstock den genauen Abstand ausgemessen haben. Damit es immer mindestens 1,5 Meter sind, wurden einige Kraftmaschinen und Cardio-Geräte mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. An allen anderen Geräten prankt der Hinweis: "Bitte Niesetikette einhalten, immer das eigene Handtuch nutzen und das Gerät reinigen." Dafür wurde der Vorrat an Desinfektionsmittel erheblich aufgestockt, ebenso stapeln sich die Papiertücher vor dem Reinigungsraum des FiZ. Trainerin Kristin Zimmer rechnet kurz durch: "Wir haben bis 13 Uhr schon rund 15.000 Tücher ausgelegt, bzw. verteilt. Die reichen sonst für 3 Tage." Den ganzen Tag über seien sie und ihre Kollegen - neben dem Training mit den Mitgliedern - damit beschäftigt, die Tücher und Desinfektionsmittel-Flaschen nachzufüllen.

Duschen muss jeder zu Hause

Auf den ersten Blick macht das rot-weiße Flatterband an den Geräten den größten Unterschied im FiZ im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie. Auf den zweiten Blick ist die wohl größte Einschränkung aber eher das Flatterband vor den Duschen. Auf Grund der Hygieneregelungen in der Landesverordnung ist es allen Fitnessstudios verboten, die Duschen zugänglich zu machen. "Ach, wenn man mit dem Auto da ist und schnell nach Hause kann, geht das schon", findet der Kieler Student Leo. Anders sein Mitbewohner Christian: "Es ist ziemlich ungewohnt und auch ein bisschen nervig. Aber immer noch besser, als gar nicht trainieren zu können." Das sieht auch Rentner Kurt so, auch wenn seiner Meinung nach das Duschen "das Schönste am FiZ ist. Hier brauche ich auch nicht alles sauber machen", lacht Kurt und geht in die Garderobe. Eigentlich sind das die Umkleideräume, aber weil man sich in Fitness-Studios auch nicht mehr umziehen darf, hat das FiZ die Umkleide in Garderobe umbenannt.

Nicht alle Mitglieder kommen nach der Corona-Pause wieder

Das FiZ in Kiel hat unter den Fitnessstudios eine Art Sonderstellung, da es von einem Verein betrieben wird. Und genau das hat während der corona-bedingten Schließung zu Ärger bei einigen Mitgliedern geführt. Der VFG hatte auf einer Mitgliederversammlung Anfang April eine einmalige Sonderumlage von 36 Euro beschlossen, die von allen Mitgliedern im FiZ eingezogen wurde. Diese Entscheidung habe zu einigen Kündigungen geführt - und vielen bösen Mails, erzählt Pia Höllwig vom VFG.

Verein gerettet, kein Mitarbeiter muss gehen

Ohne die Sonderumlage wären die Lichter aber möglicherweise ausgeblieben, macht Höllwig klar: "Wir müssen es ehrlich sagen, wir wären sonst zahlungsunfähig gewesen. Als Verein dürfen wir ja keine Rücklagen bilden und so war nicht sicher, ob wir die Krise überstehen." Die Kritik der Mitglieder, die 36 Euro seien zu viel, kann sie trotzdem nachvollziehen, da viele hart von der Corona-Pandemie getroffen worden seien. Trotzdem sei der Verein froh, dass viele Mitglieder geblieben sind. "So mussten wir keinen Mitarbeiter entlassen und können jetzt so weitermachen wie vorher", freut sich Höllwig. Fast wie vorher, muss man wohl sagen: Jetzt gibt es eben Abstand, Flatterband und literweise Desinfektionsmittel im FiZ.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.05.2020 | 16:30 Uhr

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