Geomar-Chef Peter Herzig geht in den Ruhestand

Stand: 30.09.2020 17:59 Uhr

Als Meeresforscher Peter Herzig als Direktor in Kiel anfing, blickte die Wissenschaftswelt nicht zwingend Richtung Landeshauptstadt. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert - auch dank Herzig.

von Malin Girolami

Routiniert und zugewandt gibt Peter Herzig NDR Schleswig-Holstein ein Fernseh-Interview - nach 17 Jahren als Chef am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel geht er an diesem Mittwoch in den Ruhestand. Er spricht über die Entwicklung der Meeresforschung, das stetig gewachsene Geomar in Kiel und die Herausforderungen an der Spitze eines Spitzenforschungszentrums. Doch nachdem das Mikrofon aus ist, bekommt der studierte Geologe auf einmal ein Funkeln in die Augen. "Soll ich ihnen mal etwas Spannendes zeigen? Wir haben hier ein neues Lager, in dem Bohrungsproben aus allen Weltmeeren lagern. 30 Kilometer lang wäre die Strecke, wenn man die aneinanderlegen würde. Das müssen Sie sehen." Und so wird aus dem Interviewtermin eine Exkursion ins Sedimentprobenlager.

VIDEO: Führungswechsel beim Geomar Helmholtz-Zentrum in Kiel (5 Min)

Leidenschaft für Gestein und Tiefseeroboter

Der Direktor des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel Peter Herzig guckt in die Kamera © GEOMAR
Seine letzte Expedition führte Peter Herzig nach Neuseeland.

Bei konstant vier Grad lagern die Bohrungsproben von Sedimentgestein des Meeresbodens unterschiedlichster Expeditionen in meterhohen Regalen. An Ihnen lässt sich das Klima der Vergangenheit rekonstruieren. Es ist ein einzigartiger Ort, ein Speicher der Meeresgeschichte und Teil des Erweiterungsneubaus am Geomar, der Peter Herzig auch nach einer langen Karriere begeistern kann. Die "Live-Forschung" habe er schon vermisst, sagt er, seine letzte Expedition ging vor zehn Jahren nach Neuseeland. Dort hatten sie den neuen Tiefseeroboter getestet. Denn wer die beste Technik hat, der bekommt auch die besten Proben, so Herzigs Philosophie. Und so ein Roboter ersetze eben Augen und Ohren in 6.000 Meter unter dem Meeresspiegel, sagt er.

Unterstützung von Peter Harry Carstensen

Auch das Forschungstauchboot JAGO holte Herzig aus Bayern an die Förde. Das Geld dafür entlockte er der Landesregierung unter Peter Harry Carstensen (CDU). "Peter Herzig hat dafür gesorgt, dass wir wissen, wie wichtig exzellente Forschung für Schleswig-Holstein ist. Er konnte begreifbar machen, was Meeresforschung bedeutet", so Schleswig-Holsteins früherer Ministerpräsident. Die beiden 1,90 Meter großen Bart-Träger verbindet tiefer gegenseitiger Respekt. 2010 erhielt Peter Herzig den Verdienstorden des Landes Schleswig-Holstein. 2015 das Bundesverdienstkreuz.

Die Fusion von IFM und Geomar sorgt für Spitzenforschung aus Kiel

Zu Beginn seiner Amtszeit 2004 musste sich Peter Herzig direkt einer Mammutaufgabe stellen. Das Institut für Meereskunde (IFM) und das Geomar Forschungszentrum für Marine Geowissenschaften sollten fusionieren, so der politische Beschluss. "Das IFM und Geomar waren total unterschiedlich. Das IFM am Westufer eher organisiert wie eine Behörde und erfolgreich, das Geomar am Ostufer dynamisch, hemdsärmelig und noch erfolgreicher." Seine Aufgabe sei gewesen, diese Welten zusammenzubringen. Und deshalb habe er das neue "IFM-Geomar" direkt zu einer wissenschaftlichen Begutachtung angemeldet, um die Truppen zusammenzuschweißen.

Budget hat sich von 30 auf 100 Millionen Euro erhöht

Die Beurteilung durch die Leibniz-Gesellschaft lautete dann "hervorragend" und legte den Grundstein für die Erfolgsgeschichte des Geomar. Gestartet mit 400 Mitarbeitern und einem Budget von 30 Millionen Euro, sind es heute 1.000 Mitarbeiter mit einem Budget von 100 Millionen Euro. Seit 2012 ist das Geomar Teil der Helmholtz-Gesellschaft und bekommt zur Finanzierung einen deutlich höheren Anteil von Bundesmitteln als zuvor.

Europas größter Standort für Meeresforschung

Im März 2017 erfolgte der Spatenstich für den Erweiterungsneubau, um alle Forscher an den Standort an das Kieler Ostufer zu holen. Schnell war klar, dass die Kosten mit mehr als 100 Millionen Euro höher sind als erwartet. Dazu kamen eine rechtliche Auseinandersetzung mit einem Bauunternehmen und Planungsfehler. Heute ist das Geomar eine Großbaustelle. Bis 2022 soll Europas größter Standort für Meeresforschung dann bezugsfertig sein - fünf Jahre später als ursprünglich geplant. Herzig hätte das Großprojekt gerne selbst beendet, jetzt hofft er auf eine Einladung zur Eröffnungsfeier.

Das Meer - zu sauer, zu warm, zu wenig Sauerstoff

Das Geomar sei kein Meeresschutz-Institut, sagt Herzig. Es ginge vielmehr darum, eine Balance zwischen wirtschaftlicher Nutzung und dem Schutz mariner Ökosysteme zu finden. Dabei haben sich die Wissenschaftler auf vier Themen fokussiert: den Klimawandel, den Einfluss des Menschen auf das Ökosystem Meer, mineralische Rohstoffe, sowie Plattentektonik und Naturgefahren wie Tsunamis.

Weitere Informationen
Der Tauch-Roboter des Geomar in Kiel - Kiel 6000 - ist unter Wasser in der Tiefsee unterwegs. © NDR

Studie: Kein Abbau von Plastik in der Tiefsee

Als Meeresforscher 2015 einen besonderen Fund auf dem Boden der Tiefsee machten, war das der Anlass für eine Studie. Das Ergebnis: Plastik überdauert offenbar länger als erhofft. mehr

Zu häufig würde man sich derzeit auf die Schadensbilanz beschränken, also die Gefahren für das Meer beschreiben, räumt Herzig ein. Hier müsse ein Wandel stattfinden, um auch eine Veränderung der Situation herbeizuführen. Die Übertragung von Erkenntnissen und Ideen von Forschung auf Gesellschaft und Wirtschaft hat in den letzten Jahren am Geomar Fahrt aufgenommen. Das liege vor allem am tollen Team, sagt der Chef. Erst 2018 wurde das Institut unter die Top 5 der Meeresforschungseinrichtungen weltweit eingestuft. Auch das sorgt dafür, dass mehr international angesehene Wissenschaftler an die Förde kommen.

Keine schlaflosen Nächte mehr

Wenn Peter Herzig während des Interviews - vor dem Ausflug in das Sedimentprobenlager - von seinen vergangenen Geomar-Jahren spricht, dann wird klar: Der Job ist nicht immer leicht. Wenn eine Expedition nicht stattfinden konnte, Finanzierungen geplatzt sind oder der Erweiterungsneubau stockte, waren manche Nächte schlaflos für den Chef. Da rotierten die Gedanken auch nach Feierabend. Auch wenn nicht alles lief wie geplant, schaut Peter Herzig doch mit "leichtem Herzen" zurück auf seine Zeit beim Geomar. Den Ruhestand will der gebürtige Rheinländer mit seiner Frau im Norden verbringen. Er erhofft sich mit dem Generationswechsel einen neuen, kreativen Blickwinkel für die Probleme des Meeres. Seiner Nachfolgerin Prof. Katja Matthes wünscht er "ein so tolles Team, wie ich es hatte."

Weitere Informationen
Ein Tiefseeroboter untersucht einen Unterwasservulkan.

Kieler Tiefseeroboter entdeckt "Klare Raucher"

Der Tiefseeroboter des Geomar Kiel ist zurzeit auf Forschungsexpedition in Island. Jetzt hat er spektakuläre Bilder von bisher unbekannten "Klaren Rauchern" geliefert, natürlichen Schloten. mehr

Stürmische Nordsee © dpa

Geomar-Projekt: Der Ozean als Klimaretter?

Kann der Ozean den Klimawandel eindämmen, indem er Kohlendioxid schluckt? Was muss dafür geschehen? Kieler Forscher koordinieren ein internationales Projekt, um das herauszufinden. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 30.09.2020 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Zahlreiche Traktoren stehen am späten Abend vor dem Logistikzentrum des Rewe-Unternehmens in Kiel. Einige Landwirte stehen neben ihrem Fahrzeug. © NDR Foto: Daniel Friederichs

Landwirte blockieren Rewe-Logistikzentrum in Kiel

Mehr als 50 Traktoren stehen in der Zufahrtsstraße. Die Bauern fordern mehr Geld für die von ihnen produzierten Lebensmittel. mehr

Hanf-Pflanze wächst in einem Garten © dpa/PA Foto: Oliver Berg

Lübeck: Polizei beschlagnahmt mehr als 180 Kilogramm Drogen

Der Schwarzmarktwert der Drogen liegt nach Polizeiangaben bei bis zu einer Million Euro. Fünf Tatverdächtige wurden festgenommen. mehr

Ein Briefkasten mit der Aufschrift "Landgericht" in Kiel. © dpa-Bildfunk Foto: Carsten Rehder/dpa

Zehn Jahre Haft wegen versuchten Totschlags in Eckernförde

Der Angeklagte hat mit einem Komplizen versucht, einen 36 Jahre alten Mann zu töten. Das Opfer trafen zwei Schüsse in den Hinterkopf. mehr

Besucher sind bei stürmischem Wetter am Strand von Travemünde unterwegs. © dpa-Bildfunk Foto: Bodo Marks

Herbst in SH wärmer und sonniger als normal

Der Deutsche Wetterdienst hat seine rund 2.000 Messstationen ausgewertet - auch in Schleswig-Holstein lagen die Werte über dem Durchschnitt. mehr

Videos