Stand: 28.12.2019 06:00 Uhr

Geflüchtete Mädchen lernen schwimmen

von Anne Passow

Ein kurzes Zögern, dann springt Rosen Shabi ins Wasser. Hinter der Schwimmnudel, die Schwimmlehrer Yüksel Eldem Cruz ins Wasser hält, zieht sie sicher ihre Bahn. Vor drei Wochen konnte die 14-Jährige noch gar nicht schwimmen. Nun lernt sie es - gemeinsam mit acht anderen Mädchen. Sie kommen aus Ländern wie Afghanistan, Syrien oder dem Irak.

In der Holsten-Therme in Kaltenkirchen (Kreis Segeberg) besuchen sie einen Schwimmkurs für Flüchtlingsmädchen. Auf die Beine gestellt hat den die Gemeinde Henstedt-Ulzburg mit dem örtlichen Jugendzentrum. "Es macht mir so viel Spaß", sagt Rosen begeistert. "Ich dachte immer, Schwimmen wäre so schwierig. Aber das ist es gar nicht. Ich finde es toll, wie ich meinen Körper im Wasser im Gleichgewicht halten kann."

"Sehr geringe Schwimmkompetenz"

Etwa 60 Prozent der Schüler in Schleswig-Holstein können nach der vierten Klasse nicht sicher schwimmen - sagt Thies Wolfhagen vom DLRG. Gerade bei Kindern aus Flüchtlingsfamilien sei eine sehr geringe Schwimmkompetenz vorhanden. "Viele Kinder aus Flüchtlingsfamilien kommen hier erst in Kontakt mit der Möglichkeit des Schwimmens", sagt er. Vor allem bei Mädchen mit Migrationshintergrund sei das ein Problem, so Wolfhagen. Ein zentraler Grund: Die schlechte gesellschaftliche Stellung der Frau in vielen Herkunftsländern. Im Irak beispielsweise gehöre es sich einfach nicht, dass Frauen und Mädchen schwimmen gehen, berichtet Shinan Shabi, die Mutter von Rosen.

"Wir wussten nicht, ob wir überleben"

Vor vier Jahren flüchtete sie mit ihrem Mann und drei Kindern aus dem Nordirak nach Henstedt-Ulzburg. "Als wir nach Deutschland gekommen sind, sind wir von der Türkei nach Griechenland mit einem kleinen Boot gekommen. Wir wussten nicht, ob wir überleben. Ich kann nicht schwimmen. Und ich habe mir überlegt, ob ich meine Kinder retten kann, ob ich meinen Mann retten kann, wenn etwas passiert", erzählt Shinan Shabi. Sie musste niemandem aus dem Wasser retten. Aber sie will jetzt, dass ihre Kinder alle schwimmen lernen. "Und ich würde es auch gerne noch lernen", sagt sie.

"Viel Euphorie und Spaß"

Der Schwimmlehrer Yüksel Eldem Cruz steht vor einem Schwimmbecken in der Holsten-Therme in Henstedt-Ulzburg. © NDR Foto: Anne Passow
"Sie sind alle mit viel Euphorie und Spaß dabei", sagt Schwimmlehrer Yüksel Eldem Cruz.

Der Kurs in der Holsten-Therme ist für die Mädchen kostenlos. Er wird von der Bürgerstiftung Henstedt-Ulzburg finanziert. Der Kurs findet im öffentlichen Bäderbetrieb statt. Das heißt: Unter den Badegästen sind auch Männer. Auch geleitet wird der aktuelle Kurs durch einen Mann. Ein ungewohnte Situation für viele der Mädchen, die aus Kulturkreisen kommen, wo sich so etwas nicht gehört.

"Am Anfang hat man gemerkt, dass die Mädchen ein bisschen beschämt in der Situation waren und nicht damit umzugehen wussten", berichtet Schwimmlehrer Cruz. Inzwischen sei davon nichts mehr zu spüren. "Sie sind alle mit viel Euphorie und Spaß dabei", sagt er, während er drei Ringe ins Wasser wirft und den Mädchen noch mal die Technik erklärt, wie sie die am Besten hoch holen können.

"Lernen unter deutschen Bedingungen"

Wenzel Waschischek von der Gemeinde Henstedt-Ulzburg betont: "Uns war es als Gemeinde sehr wichtig, dass die Mädchen unter deutschen Bedingungen schwimmen lernen, also in einem Schwimmbad, wo sich auch Männer aufhalten. Das haben wir den Eltern auch von Anfang an so gesagt." Er und seine Mitstreiter hatten damit gerechnet, dass nur wenige ihre Töchter in so einen Kurs schicken würden, als sie ihn im Jugendzentrum Henstedt-Ulzburg vorstellten.

Doch tatsächlich waren die Plätze für den ersten Kurs blitzschnell weg. Der inzwischen zweite Kurs hat ebenfalls nicht alle Mädchen aufnehmen können, die Interesse gehabt hätten. Ein weiterer Kurs ist in Planung. Waschischek sucht dafür gerade noch Sponsoren. Außerdem überlegt er, den Kurs auch für Jungen zu öffnen. "Es sind so viele an uns herangetreten, die mitmachen wollen", sagt er.

"Vielleicht wird Schwimmen mein neues Hobby"

Rosen Shabi ist froh, dass sie einen Platz im aktuellen Kurs ergattert hat. Mindestens eine Bahn schwimmt sie inzwischen sicher. Das Tauchen klappt auch schon ganz gut. Ihre Ziele: erst Seepferdchen, dann das Bronze-Abzeichen. "Vielleicht wird Schwimmen ja mein neues Hobby - und ich gehe dann immer mit meiner Familie und Freunden ins Schwimmbad."

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.12.2019 | 16:30 Uhr

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