Stand: 31.03.2016 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Gefängnisseelsorger: "Das sind heilige Momente"

Bild vergrößern
Im Gefängnis sind die Reihen während des Gottesdienstes voller als in der Gemeinde: Michael Carstens, evangelischer Pastor mit speziellem Arbeitsplatz.

Michael Carstens ist am Donnerstag offiziell in sein Amt als evangelischer Gefängnisseelsorger der Anstalten in Kiel, Flensburg und Schleswig eingeführt worden. Der Gottesdienst ging hinter dicken Mauern über die Bühne. In einer zum Andachtsraum umfunktionierten Turnhalle der Kieler JVA - kleiner Altar, bewegliche Kanzel und Kreuz inklusive. Ein Wachmann beobachtete die Häftlinge. "Falls zwei Männer sich prügeln", sagt Carstens. Carstens, 2,02 Meter groß, hat schon Gefängnisse in Teilzeit betreut. Im Interview mit NDR.de spricht der Geistliche unter anderem über Insassen, die ihn für einen Kasper halten, die Bitte um kleine Gefälligkeiten - und "super-heilige Momente".

Herr Carstens, kommen Häftlinge freiwillig zu Ihnen?

Michael Carstens: Ja, das ist keine Auflage. Sie müssen freiwillig zu mir kommen. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Wir haben Religionsfreiheit, auch im Gefängnis. Und religiöse Bedürfnisse dürfen niemandem vorenthalten werden. Deswegen sind wir Seelsorger im Gefängnis da.

Werden Sie von den Insassen für voll genommen?

Carstens: (schmunzelt) Zum Teil. Es ist ja nicht eine einzige Art von Mensch, die einsitzt. Es gibt Menschen, die sind hoch religiös. Für die bin ich eine absolute Autoritätsperson. Und es gibt andere, die überhaupt nicht religiös sind und Religion resigniert und zynisch betrachten. Für die bin ich nur ein Kasper.

Gibt es Insassen, die durch die Haft zum Glauben kommen?

Carstens: Ja, Haft ist immer Krise. Und in der Krise hinterfragt man: Wer bin ich eigentlich? Was stützt mich, wenn alles andere weggebrochen ist? Und bei diesen Fragen kommt man in den religiösen Bereich und die Frage nach Gott.

Gibt es tendenziell einen bestimmten Typ Häftling, der das Gespräch mit Ihnen sucht?

Carstens: Nein, es gibt kein Klischee. Ich habe ganz weiche Menschen, die drohen unterzugehen in dem Knastklima. Und es geht hin bis zu den ganz harten, dick tätowierten Personen, die im Gewaltmilieu zu Hause sind. Es geht auch manchmal nur um Fragen zum Beispiel nach der Freundin, die sich seit zwei Wochen nicht mehr gemeldet hat und den Häftling möglicherweise verlassen will.

In der JVA Kiel mit ihren knapp 200 Insassen sitzen viele Mehrfachstraftäter. Sie werden kriminell, landen vor Gericht, kommen ins Gefängnis, sitzen ihre Strafe ab - und müssen wieder Fuß fassen. Teils immer wieder von vorne. Ein scheinbar unendlicher Kreislauf.

Carstens: Aber fast jeder der Insassen will ihn durchbrechen. Das sind insofern keine harten Jungs, denen alles egal ist. Sie fragen sich immer mehr, wie sie es schaffen sollen, aus diesem Kreislauf rauszukommen, indem sie ihre Lebensgewohnheiten verändern. Stellen Sie sich mal vor, wie es wäre, wenn Sie alle ihre Freunde aufgeben müssten. Wie schwer das ist. Solchen Leuten Mut zuzusprechen, genau das zu versuchen - das ist eine meiner Aufgaben. Ich muss den Menschen vermitteln, dass es auch etwas Höheres gibt, das sagt: Du kannst das. Du musst nicht mehr in Alkohlexzesse und Gewalttätigkeiten geraten.

Mal angenommen, ein Insasse will mit Ihnen sprechen. Wie kommen Sie zueinander?

Bild vergrößern
Knapp 200 Männer sitzen derzeit in der JVA Kiel in Haft - diese Tür öffnet sich für sie nicht.

Carstens: Der Gefangene schreibt einen Antrag. Da schreibt er seinen Namen drauf und in welchem Haftraum er sich befindet, auf welcher Station, und dass er gerne mit dem Pastor sprechen würde. Diese Anträge hole ich mir morgens ab, bringe sie in eine Reihenfolge und arbeite sie ab. Manchmal bölkt auch einer über den Flur und fragt, ob wir sofort sprechen können. Dann gehen wir auch mal schnell zum Stationsleiter, melden das an und gehen in den Seelsorgeraum. Dort können wir geschützt reden.

Spielen die Taten für die Häftlinge noch eine Rolle oder gucken sie eher nach vorne?

Carstens: So und so. Manche Taten liegen einem Menschen auf der Seele, die wird er auch nie wieder los. Das sind dann eben harte Gewalttaten. Da ist das Thema, wie die Gefangenen überhaupt noch damit leben können. Und es gibt Taten wie Einbrüche und Autodiebstähle, die kaum jemandem auf der Seele liegen. Diese Straftäter gucken eher nach vorne und fragen mich, wie sie Kontakt zur Familie halten oder später eine Wohnung mieten können. Die fragen sich, wie sie sich in unserem Dschungel Sozialsystem zurechtfinden sollen, um ein klassisches Leben zu führen.

Wie reagieren Ihre Mitmenschen darauf, dass Sie Straftätern helfen?

Carstens: Eher positiv. Sie nehmen mich nicht als skurrilen Typ wahr, der nichts anderes mit seinem Leben anfangen kann. Ich erlebe eher Interesse und Respekt.

Was reizt Sie an Ihrem Job?

Carstens: Mich reizt das System Gefängnis. Ich kann mich gut darin bewegen, fühle mich wohl und richtig darin. Mich reizt die Übersetzungsarbeit zwischen normal weltlichen Problemen und meinem theologischen Background. Wenn mich ein Gefangener fragt, ob er seiner Freundin noch einmal einen Brief schreiben soll, frage ich mich: Was würde jetzt Jesus dazu sagen? Was ist, wenn der Zellennachbar immer nur laute, blöde Musik hört? Das ist Übersetzungsarbeit zwischen dem schlichten Leben und dem, was ich Gott nenne. Mich reizt die nackte Wahrheit, die im Gefängnis mit Händen zu greifen ist. Und mich reizt, dass ich manchmal gar nicht mehr das Gespräch führe. Manchmal finden wir eine Erkenntnis, die ich nicht in den Raum streue. Die kommt von außen dazu. Und wir sitzen da und staunen. Das sind super-heilige Momente. Das ist das Schönste an dieser Arbeit.

Die Arbeit ist völlig anders als für die Beamten, die zum Beispiel für die Sicherheit sorgen müssen. Sie gehören als Pastor nicht zum System Gefängnis. Werden Sie um Gefälligkeiten gebeten?

Carstens: Es gibt Versuche. Aber gleich an meinem ersten Diensttag im Gefängnis hat mich der Sicherheitsleiter zur Seite genommen und gesagt: "Herr Carstens, Sie bringen nichts von Angehörigen rein, und Sie bringen nichts von Gefangenen raus, zum Beispiel Briefe." Und daran halte ich mich. Ich kann vielleicht ein Pfund Kaffee kaufen. Und dann trinken wir einen Kaffee. Aber ich kann nicht das Pfund Kaffee vom Vater oder der Freundin mitbringen. Ich versuche, auch gegenüber der Anstalt alles transparent zu machen. Da sind zwei Vertrauensverhältnisse. Es ist etwas ganz Wertvolles, dass die Anstalt als staatliche Organisation mir als Kirchenmensch so viele Freiheiten einräumt bei der Arbeit. Und da ist das Vertrauensverhältnis mit den Gefangenen.

Das Verhältnis muss gut sein. Die Gottesdienste in der JVA - wöchentlich abwechselnd katholisch und evangelisch - sollen gut besucht sein.

Carstens: 10 bis 20 Prozent der Insassen sind mindestens da, manchmal 30 Prozent, zu Weihnachten 50 Prozent. Bis vor einem Jahr war ich Gemeindepastor. Wenn dieser Prozentsatz der Gemeinde draußen in die Kirche kommen wollen würde, würde die Kirche gar nicht ausreichen. Dann bräuchte ich drei Kirchen.

Das Gespräch führte Arne Helms, NDR.de

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 31.03.2016 | 05:10 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

01:57
NDR Info
02:22
Schleswig-Holstein Magazin

Gläubigerversammlung der FSG

Schleswig-Holstein Magazin