Soldaten in Afghanistan.

Gefährliche Flucht aus Afghanistan: Eine Ortskraft berichtet

Stand: 18.10.2021 19:03 Uhr

Etwa zwei Monate nach dem Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan, berichtet ein Afghane, der als Ortskraft am Hindukusch eingesetzt war, von seiner Flucht.

von Christian Schepsmeier

Wir begegnen uns in einem schmucklosen Raum einer ehemaligen Kaserne: Der Mann, der vor zwei Monaten unter lebensgefährlichen Umständen aus Kabul geflohen ist, und ich, der nie an Leib und Leben bedroht war. Das Landesamt für Zuwanderung hat die Verabredung ermöglicht. Aber wie funktioniert ein Gespräch, wenn es fast keine gemeinsame Grundlage an ähnlichen Erfahrungen und Erlebnissen gibt? Die erste Antwort ist: auf Deutsch.

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Mein Gegenüber spricht fehlerfrei und schnell, fast ungeduldig: "Ich habe Deutschland schon mehrfach besucht", erzählt er. "Bonn, Freiburg, Schwäbisch-Hall. Ich habe an Sprachkursen teilgenommen, an Fortbildungen." Seine ersten deutschen Worte hat er schon in der Schule gelernt. In Kabul hat er später Deutschkurse gegeben und für die Deutsche Botschaft als Dolmetscher gearbeitet. Bis vor zwei Monaten. Er ist Ende fünfzig, trägt das Haar soldatisch kurz geschnitten, ist glatt rasiert und sieht so aus, als ob er Kraft hat.

Deutsche Kollegen: "Wir können auch nichts machen"

Ohne eine Regung im Gesicht erzählt er von dem Tag Mitte August, an dem sein Umfeld zusammenbrach: "Wir haben ganz normal im Büro gearbeitet. Da habe ich gehört, dass die Taliban in die Stadt einmarschiert sind." Er habe einen Anruf bekommen, dass sie schon in dem Bezirk, in dem er lebte, auf der Straße stünden: "Dann habe ich meine deutschen Kollegen gefragt: 'Was soll ich jetzt machen? Wie soll ich jetzt nach Hause gehen?' Und die Kollegen haben gesagt: 'Wir können auch nichts machen'." Dann habe er einfach versucht, durch die Menschenmassen nach Hause zu laufen, und zum Glück habe er das auch geschafft.

"Auf der Straße habe ich viele Leute gesehen, die Straßen waren blockiert, keine Autos, keine Busse, alle Leute sind zu Fuß hin- und hergelaufen."

Sein Bericht überschneidet sich mit den Schlagzeilen und Fernsehbildern aus der Zeit ("Kabul vor dem Fall", 15.08.2021; "Taliban verkünden Sieg", 16.08.2021). Aber die vielen Bilder und Berichte ermöglichen noch nicht automatisch ein echtes Verständnis dafür, wie es sein muss, selbst in dieser Situation zu sein. Das merke ich jetzt, in diesem Gespräch. Und der Ort, eine Kaserne im norddeutschen Herbstwetter, ist dafür ein fast unwirklicher Ort.

Der gefährliche Weg zum Flughafen

"Zwei Nächte später habe ich einen Anruf von der Deutschen Botschaft bekommen: Ich solle mit meiner Familie zum Flughafen kommen", erzählt er weiter, mit wachen Augen, ohne zu zögern. "Aber die Deutschen haben auch gesagt: 'Wenn unterwegs etwas passiert, dafür sind wir nicht verantwortlich.' Das war so ein bisschen gefährlich." Vor dem Flughafen sei er dann selbst ein Teil der Menschenmasse gewesen, die vielfach aufgenommen und als Bild um die Welt geschickt wurde.

"Meine Kinder haben geweint. Sie haben keine Luft bekommen. Und immer wieder haben Soldaten in die Luft geschossen."

Drei Mal habe er versucht, zum Tor vorzudringen. Beim dritten Versuch habe ein amerikanischer Soldat seine Ausweiskarte erkannt und ihm die Hand gereicht. "Sie haben mich an der Hand gezogen und dann gefragt: 'Haben Sie auch eine Familie?' Und ich habe gesagt: 'Ich habe auch eine Familie', und dann habe ich einzeln meine Frau und meine Kinder nach vorne gezogen. Wir haben uns alle an der Hand gehalten."

Sorge um die Familie in Afghanistan

Er nennt die Gefahr beim Namen, aber verliert nicht die Kontrolle über sein Sprechen. Selbst wenn es um Schüsse und Anschläge geht, spricht er in der gleichen ruhigen und dringlichen Tonlage weiter. Seine Stimme zeigt keine Schwäche. Oder ist es nur schwieriger, Zwischentöne auszudrücken und wahrzunehmen, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Erlebnishintergründen versuchen, die gleiche Sprache zu sprechen? Vielleicht ist es auch die Disziplin, die er auf der Militärschule gelernt hat, vor Jahrzehnten, als er ein junger Offizier war, bevor die Mudschahidin die Herrschaft in Afghanistan übernahmen.

Klar ist: Heute ist es in seinem Heimatland zu gefährlich für ihn. "In Kabul wurde gesagt, dass die Taliban die Leute suchen, die mit den Ausländern gearbeitet haben", sagt er. "Und ich war als Deutschlehrer bekannt in der Gegend." Die Bundesrepublik Deutschland hat ihn aufgenommen, nach §22 Aufenthaltsgesetz: "Einem Ausländer kann für die Aufnahme aus dem Ausland aus völkerrechtlichen oder dringenden humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden."

"Ich dachte, dass ich in Kabul bleibe, dass es keinen Krieg mehr gibt, und dass ich weiter in der Botschaft bleibe. Aber auf einmal sind die Taliban in die Stadt gekommen. Das war sehr schnell."

Heute, hier in Schleswig-Holstein, können wir nur unter der Bedingung sprechen, dass seine Identität unerkannt bleibt: "Wenn ich etwas sage, was den Taliban nicht gefällt, ist das für meine Familie gefährlich." Nicht so sehr für seine Frau und Kinder, die mit ihm nach Deutschland gekommen sind, sondern für die Verwandten, die noch in Kabul leben.

Wer ist schuld?

Vor ein paar Monaten ist er noch davon ausgegangen, dass er mit seiner Familie in Afghanistan weiterleben könnte: "Ich dachte, dass ich in Kabul bleibe. Ich wollte, dass meine Kinder dort weiter zur Schule gehen können, damit sie auch studieren können." Er habe nicht damit gerechnet, was dann passiert ist, und schon gar nicht damit, dass alles so schnell gehen würde.

"Wer ist schuld?", frage ich. Mein Gegenüber antwortet rasch: "Ich sage meine Meinung. Ich glaube, die afghanische Regierung wurde in Doha verkauft, als die Amerikaner direkt mit den Taliban gesprochen haben. Die Amerikaner haben auf die afghanische Regierung einfach verzichtet." Wenn er sich so bitter fühlt, wie diese Worte klingen, dann zeigt er es nicht.

Angekommen im Kreis Stormarn: "Es geht uns gut"

Ein paar Tage nach dem Gespräch schreibt er eine E-Mail. Er sei mit seiner Familie in den Kreis Stormarn gebracht worden. Dort warten sie jetzt darauf, wo eine Unterkunft für sie frei werden könnte. Er möchte, dass seine Kinder in Deutschland zur Schule gehen können und dann zur Uni. Er sei jetzt über 50, die Kinder seien jetzt wichtig. Und vier Worte zum Schluss: "Es geht uns gut."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 18.10.2021 | 19:30 Uhr

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