Stand: 08.12.2015 18:56 Uhr  | Archiv

Friesenhof kein Einzelfall?

von Mareike Burgschat & Marika Gantz

Mitte des Jahres erschütterten die Vorfälle in den Friesenhof-Mädchenheimen Norddeutschland. Panorama 3 hatte im Juni mit mehr als 20 Mädchen gesprochen, die zwischen 2008 und 2014 im Friesenhof untergebracht waren. Sie alle berichten von Unterdrückung, Schikanen und erniedrigenden Erziehungsmethoden, zu denen auch körperliche Gewalt der Erzieher gehört habe.

VIDEO: Neue Vorwürfe im "Friesenhof"-Skandal (12 Min)

Erziehung mit "harter Hand"?

Nur die Taten einzelner, sadistische Erzieher oder steckt mehr dahinter? Die fragwürdige Pädagogik der 50er- und 60er-Jahre, oft als "schwarze Pädagogik" bezeichnet, ist wieder salonfähig geworden, sagen Experten gegenüber Panorama 3. Professor Michael Lindenberg, Leiter der evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Hamburg, kritisiert, dass man in den Einrichtungen und Jugendämtern immer häufiger der Auffassung sei, schwer erziehbaren Jugendlichen nur noch mit der "harten Hand" begegnen zu können.

Professor Michael Lindenberg, Leiter der evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Hamburg
Professor Michael Lindenberg kritisiert, dass Einrichtungen und Jugendämter die sogenannte Erziehung mit harter Hand gutheißen.

"Diese Kinder und Jugendlichen kommen in die Einrichtung, die in aller Regel als letzte Chance gilt. Hier sind sie Kinder, die Schwierigkeiten machen und so sieht man sich legitimiert mit Härte und Strafe zu reagieren", so Lindenberg.

Machtmissbrauch seitens der Erzieher?

Eine Anfrage der Hamburger Linken-Abgeordneten Sabine Boeddinghaus an den Senat untermauert dies: Demnach sind derzeit 1.626 Hamburger Kinder in 500 auswärtigen Einrichtungen untergebracht. 78 Einrichtungen erlauben in den ersten zwei bis acht Wochen keine Besuche bei der "Herkunftsfamilie". In Einzelfällen würden auch Wochenendbesuche bei der Familie als Konsequenz für "unerlaubtes Verhalten" gestrichen. 42 Einrichtungen arbeiten nach einem Phasen- oder Stufenmodell, 115 Heime sehen ein System vor, das Verhalten mit Plus- und Minuspunkten belohnt oder bestraft und acht Heime haben gar einen "Timeout-Raum", in dem Kinder und Jugendliche für eine Zeit lang isoliert untergebracht werden.

Solche Konzepte begünstigten den Machtmissbrauch seitens der Erzieher, sagt der Kriminologe und Sozialarbeitswissenschaftler Timm Kunstreich. "Es gibt dort eine systematische Schaffung von Situationen, in denen es für richtig gehalten wird, den anderen körperlich oder seelisch zu malträtieren und zu quälen."

Entwürdigende Vorschriften

So ein Stufenmodell wurde im "Friesenhof" angewandt. Aber auch in anderen Einrichtungen, wie der "Haasenburg", die 2013 geschlossen wurde oder dem "Schönhof", der vergangenes Jahr in der Kritik stand, handelten Erzieher nach einem ähnlichen Prinzip: Anfangs wird den Kindern praktisch jedes Recht aberkannt. Sie werden abgeschottet, gehen nicht zur Schule, der Tagesablauf ist minutiös geplant, Freizeit ist nicht vorgesehen. "Diese Vorschriften werden in der Regel als belastend und entwürdigend empfunden, weil sie die Bewegungsfreiheit, die Kommunikation und die sozialen Kontakte einschränken, Genussmittel verbieten, die Wahl der Kleidung reglementieren oder andere Schikanen erfinden die als pädagogisch notwendige Strukturierung getarnt werden", heißt es zu solchen Konzepten in einem Aufsatz des Arbeitskreises kritischer Sozialpädagogen.

"Gutes Benehmen" als Währung

Kriminologe und Sozialarbeitswissenschaftler Timm Kunstreich
Kriminologe und Sozialarbeitswissenschaftler Timm Kunstreich kritisiert den Stufen-Vollzug.

Mit "gutem Benehmen" müssen sich die Kinder alles erarbeiten - vom Shampoo bis zum Kino-Besuch. Sie können dann Stufen mit mehr Freiheiten erklimmen und in gemäßigtere Wohneinrichtungen umziehen. Verhalten sich die Kinder nicht nach den Regeln, werden sie bestraft, verlieren bereits erreichte Stufen. Der Arbeitskreis hält solche Modelle für unvereinbar mit der UN-Kinderrechtskonvention, die ausdrücklich vorsieht, dass die Willensäußerungen der Kinder gemäß ihres Alters zu berücksichtigen sind. "Das ist Dressur, das hat nichts mit Erziehung zu tun", sagt Kriminologe und Sozialarbeitswissenschaftler Timm Kunstreich über diese Art von Konzepten. "Da interessiert mich nur, dass das Verhalten, das ich haben möchte, kommt. Das ist genau so wie ein Hund, der übers Stöckchen springt, der gleiche Mechanismus." Er schätzt, dass etwa die Hälfte der großen Einrichtungen in Deutschland mittlerweile mit dem Stufen-Vollzug arbeitet.

Betreiberin verteidigt Konzept

Die Betreiberin des "Friesenhof", Barbara Janssen, verteidigte das Erziehungskonzept. "Es gibt Menschen, die mögen mein Konzept nicht. Ich denke, für die Mädchen ist es ein sehr gutes Konzept, und ein sehr erfolgreiches. Wir haben vielen Mädchen geholfen, einen anderen Weg einzuschlagen, als den, den sie bisher eingeschlagen haben."

Die Betreiberin des "Friesenhof", Barbara Janssen
Die Betreiberin des "Friesenhof", Barbara Janssen, steht nach wie vor hinter ihrem Erziehungskonzept.

In Schleswig-Holstein befasst sich nun ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit derAufarbeitung der Friesenhof-Vorfälle. Er soll auch klären, ob Erziehungskonzepte, die einen Stufen-Vollzug vorsehen, noch zeitgemäße, geeignete Mittel in der Jugendhilfe sind.

Für Prof. Michael Lindenberg ist die Sache klar: "Jetzt in diesem Augenblick werden irgendwo in Deutschland Kinder isoliert, ihnen wird irgendwo das Essen entzogen, irgendwo wird gerade ein Kind ausgezogen und unterliegt einer Leibesvisitation, jetzt im Augenblick passiert das, und wir müssen uns fragen, wollen wir das wirklich, wollen wir sie wirklich so behandeln."

Immer wieder Skandale in der Heimerziehung:

 

Weitere Informationen
Wohnhaus der Einrichtung Friesenhof hinter Bäumen versteckt. © NDR

Neue Vorwürfe im "Friesenhof"-Skandal

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 09.06.2015 | 21:15 Uhr

Eine Nahaufnahme von CS-Spray. Ein Screenshot aus dem Schleswig-Holstein Magazin vom 24.1.2016. © NDR Foto: Screenshot: Schleswig-Holstein Magazin vom 24.1.2016.

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