Stand: 04.06.2015 15:19 Uhr

"Friesenhof"-Schließung: Flucht und Verletzte

Nach der Schließung der umstrittenen Jugendhilfeeinrichtung "Friesenhof" im Kreis Dithmarschen ist es am Mittwochabend zu dramatischen Szenen gekommen. Nach Angaben von Sozialstaatssekretärin Anette Langner versuchten einige Mädchen wegzulaufen. Zwei weitere Mädchen habe der Notarzt behandeln müssen, nachdem sie sich selbst verletzt hatten. Lebensgefahr bestand laut Langner nicht. Im "Friesenhof" leben Mädchen und junge Frauen mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund. Die Einrichtung hat drei Standorte, in denen nach Angaben der Betreiberin zuletzt 35 Menschen betreut wurden - zwei Standorte sind von der Schließung betroffen.

Langner wirft "Friesenhof" schlechte Vorbereitung vor

Die beiden verletzen Mädchen hätten eine Vitrine umgestürzt und sich mit Scherben Verletzungen zugefügt, so die Sozialstaatssekretärin. Jene Teenager, die weglaufen wollten, habe die Polizei schnell aufgehalten. Die insgesamt acht Mädchen sollten in andere Einrichtungen gebracht werden. Zuvor hatte das Sozialministerium die Heime wegen unzureichend ausgebildeten Personals und inakzeptabler pädagogischer Methoden geschlossen. Langner sagte, die "Friesenhof"-Mitarbeiter hätten die Mädchen offensichtlich auf die bevorstehende Inobhutnahme nicht hinreichend vorbereitet.

Die Mädchen sind 12 bis 16 Jahre alt. Ein Kind kam zu seinen Eltern, ein weiteres Mädchen ist nun bei der Heimleiterin privat untergebracht. Die sechs anderen Mädchen kamen in die Obhut anderer Einrichtungen. Ihnen gehe es gut, so das Kreisjugendamt Dithmarschen.

Kinderschutzbund fordert Ombudsstelle

Die Landesvorsitzende des Kinderschutzbunds, Irene Johns, hatte zuvor einen unabhängigen Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche gefordert, die in Heimen betreut werden. "Was in Schleswig-Holstein fehlt, ist eine externe Beschwerdestelle, an die sich Kinder dann auch selbst wenden können." So etwas gibt es schon in Krankenhäusern, psychiatrischen Kliniken und in Gefängnissen, aber bisher nicht für Jugendheime.

Heime werden seit Jahren überprüft

Katja Rathje-Hoffmann im NDR Studio beim Interview.
Die CDU-Abgeordnete Katja Rathje-Hoffmann kritisiert das Sozialministerium.

Die Missstände im "Friesenhof" seien dem Landesjugendamt seit Jahren bekannt, teilte der Kreis Dithmarschen mit. Nach gemeinsamen Begehungen hätten der Kreis und andere Träger der Jugendhilfe in Schleswig-Holstein die Heime seit Jahren nicht mehr belegt. Hat die vorgesetzte Behörde des Landesjugendamtes - das Sozialministerium in Kiel - also zu lange tatenlos zugesehen? Die Fraktionen von CDU und FDP im Landtag fordern Aufklärung. Langner wies Vorwürfe zurück, wonach das Ministerium von den Missständen viel früher als bislang bekannt gewusst habe. Man habe sofort auf jeden Hinweis und jede Beschwerde reagiert, so Langner.

Staatsanwaltschaft prüft Personal

Mädchen und zwei pädagogische Mitarbeiter hatten sich im vergangenen Jahr über entwürdigende Erziehungsmethoden in dem Heim beschwert. Nach regelmäßigen und unangekündigten Kontrollen hatte das Landesjugendamt der Einrichtung Auflagen gemacht. Unter anderem, dass sich die Mädchen nicht vor Betreuern ausziehen müssen und dass sie ihre persönlichen Sachen behalten dürfen. Auch die Staatsanwaltschaft Itzehoe prüft den "Friesenhof" und sein Personal auf mögliche Rechtsverstöße.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.06.2015 | 15:00 Uhr

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