Stand: 29.04.2018 18:36 Uhr

Feuerkrebs - Risiko für Lebensretter?

Sie gehen dort rein, wo andere rauslaufen. Sie können sich im Einsatz verletzen oder gar ums Leben kommen: Feuerwehrleute. Doch wenn der Einsatz endet, endet leider nicht die Gefahr. Laut internationaler Studien haben Feuerwehrleute im Verhältnis zum Bevölkerungsdurchschnitt ein etwa 30 Prozent höheres Risiko, an Krebs zu erkranken. Umgangssprachlich gibt es dafür schon einen Namen: "Feuerkrebs".

Risiko für Feuerwehrleute: "Feuerkrebs"

"Wir tun etwas Sinnvolles"

An diesem Tag trainieren Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Sörup den Innenangriff. Besonders wichtig: auf sich aufpassen. Friederike Schröder ist seit gut 18 Jahren in der Freiwilligen. Sie kennt das Problem - und bleibt trotzdem dabei: "In der Freiwilligen Feuerwehr zu sein ist einfach ein Stück weit Lebenseinstellung", sagt sie überzeugt. "Andere fahren Motorrad, das ist auch gefährlich - und wir tun noch etwas Sinnvolles dabei."

Das Problem: Gesundheitsgefährdende Materialien

Heutzutage brennt nicht mehr der Eiche-Vollholzschrank, sondern lackierte, glasierte oder mit Folie beklebte Sideboards. Doch dass die Rauchgase von diesen Möbeln gesundheitsgefährdend sein könnten, wissen nicht alle Feuerwehrleute. Es sei sehr wichtig, dass die Einsatzkleidung von der Alltagskleidung so gut es geht getrennt wird, weil die kontaminierte Einsatzkleidung lange ausgast, sagt Phil Wilke, Ausbilder an der Söruper Schule. Er trainiert regelmäßig Feuerwehrleute. "Es ist erschreckend, dass das Problem noch so unbekannt ist", sagt er. "Wir müssen lernen, das Risiko selbst zu minimieren."

Dirk Schreiber ist Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr und schickt seine Kameraden regelmäßig zum Training. Er kennt das Thema "Feuerkrebs" und will, dass es endlich bekannter wird. Einen Kollegen aus seiner Wache hat er schon wegen Lungenkrebs verloren. "Wir wissen nicht, ob das durch seinen Einsatz in der Freiwilligen Feuerwehr gekommen ist oder nicht. Aber er war kein Raucher - und seitdem mache ich mir Gedanken zu diesem Thema."

Über das Thema wird viel zu spät gesprochen

Die Feuerwehrleute erzählen, früher habe niemand darauf geachtet, dass die Einsatzkleidung gefährlich sein könnte. Man habe es nicht gewusst. "Wir sind mit Atemschutz rein und mit Atemschutz wieder raus", berichtet Wehrführer Schreiber. Mittlerweile sei die Technik aber weiter, man habe die Ausrüstung verbessert. "Und dann hat man auch festgestellt, dass es irgendwie kontraproduktiv ist zu sagen: 'Ich schicke den Mann oder die Frau in der kompletten Ausrüstung rein und schütze ihn' - aber danach setze ich ihn mit anderen acht Leuten ins Auto". Und er fügt an: "Das dünstet dann so langsam aus." Das seien Themen, die sie jetzt erst aufarbeiten.

Strenge Kleidertrennung soll verhindern, dass sich Schadstoffe ausbreiten

Auch Christian Esselbach, der Chef der Feuerwehrwache Kronshagen, kennt das Problem. Zwei seiner Kameraden sind an Krebs verstorben - sie waren Gerätewarte, für die Reinigung der Ausrüstung zuständig. In der neuen Wache hat Esselbach besonderen Wert auf die Einsatzhygiene gelegt und die sogenannte Schwarz-Weiß-Trennung auch räumlich eingeführt. Jetzt haben die Feuerwehrleute neue Spinde. Sie hängen ihre normale Kleidung in die eine Seite und schließen die Tür. Erst dann ziehen sie die Einsatzkleidung an. Und wenn sie zurück kommen, gehen sie in einen anderen Bereich, ziehen sich aus und duschen. Erst danach kommen sie wieder in den Weißbereich. "Wir haben inzwischen Jogginganzüge auf den Wagen, so dass sich die Kameraden direkt vor Ort noch umziehen können und auch den Einsatzwagen nicht kontaminieren", so Esselbach.

Das Problem seien sogar manchmal die Feuerwehrleute selbst, sagt Wehrführer Schreiber. Denn noch immer gelte der schmutzige Helm als Trophäe - keiner denke daran, dass Brandrückstände beim nächsten Einsatz den Nacken hinab laufen können. "Früher war es ja immer so, es war ja der Stolz", sagt er. "Aber wenn die Jacke dreckig zu Hause hingehängt worden ist, hat die ganze Familie die Schadstoffe noch eingeatmet. Davon müssen wir in unserer heutigen Zeit einfach weg, das ist nicht gesundheitsfördernd."

Studie soll Erkentnisse bringen

In den USA, Norwegen und Schweden liegen bereits Studien vor, die eine Krebserkrankung als Berufskrankheit bei Feuerwehrleuten nahelegen, und in Kanada ist das bereits anerkannt. Aktuell läuft in Hamburg gerade eine Pilot-Studie. Sie soll anhand von Blut- und Urinproben klären, ob die Schadstoffe, die bei einem Einsatz Helme, Atemschutzmasken und Kleidung kontaminieren, für das erhöhte Krebsrisiko verantwortlich gemacht werden können. Erste Ergebnisse werden Anfang Mai erwartet.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 02.05.2018 | 19:30 Uhr

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