Stand: 15.09.2016 11:09 Uhr

Fall Böken: Gericht weist Klage der Eltern ab

Das Oberverwaltungsgericht in Münster hat eine Klage der Eltern der tödlich verunglückten Bundeswehr-Kadettin Jenny Böken auf Entschädigung abgewiesen. Das Gericht sah es am Mittwochabend als erwiesen an, dass Böken 2008 auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" nicht unter "besonders lebensgefährlichen" Umständen gestorben sei. Jenny Böken war im September 2008 nördlich von Norderney bei einer Nachtwache über Bord gegangen. Ihre Leiche wurde elf Tage später vor Sylt in der Nordsee gefunden.

Keine besondere Gefahr für die Besatzung

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Die Eltern Marlies und Uwe Böken fühlen sich von den Ermittlern und der Justiz im Stich gelassen.

Nach Auffassung des Gerichts lag nach messbaren Gesichtspunkten wie den Wetterbedingungen keine besondere Gefahr für die Besatzung vor. Eine solche Voraussetzung wäre aber notwendig gewesen, damit den Eltern aus Geilenkirchen bei Aachen nach dem Soldatenversorgungsgesetz 20.000 Euro zugestanden hätten. Laut mehreren Zeugenaussagen segelte die "Gorch Fock" bei Windstärke 7 ruhig bei einer leichten Neigung im Wasser. Es sei trocken und klar gewesen. "Aufgrund der Angaben vom Senat vernommener Zeugen wie auch des Inhalts der Akten" stehe fest, "dass es zur Dienstverrichtung insbesondere nicht erforderlich gewesen sei, an die Schiffsreling heranzutreten oder sich gar darüber zu beugen", begründet das Gericht sein Urteil. Entsprechend sei eine "besondere Sicherung des Postens Ausguck gegen ein Überbordgehen oder das Tragen einer Schwimmweste" während Bökens Wachdienstes nicht erforderlich gewesen.

"Eigene Unvorsichtigkeit in Betracht ziehen"

Nach Auffassung des Gerichts ist es möglich, "dass sie infolge anderer Umstände verunglückt sei. Insofern sei insbesondere auch eigene Unvorsichtigkeit, zum Beispiel im Bereich der Königspoller oder der Positionslampen in Betracht zu ziehen". Gerichtssprecherin Sabine Eikmeier machte die Bedeutung des Urteils deutlich. Danach könne man nicht individuelle Krankheitsumstände geltend machen, um einen Entschädigungsanspruch zu begründen.

Notiz der Sanitäterin findet sich nicht in der Akte

Eine damalige Sanitäterin, die inzwischen nicht mehr bei der Bundeswehr arbeitet, sagte, sie habe sich Sorgen um die junge Frau gemacht. Das habe sie auch notiert - noch am Tag, bevor Böken im September 2008 während einer Nachtwache in die Nordsee stürzte. Solche Notizen waren in Bökens Akte später nicht zu finden. Der im Anschluss befragte Schiffsarzt bestritt die Darstellung der Sanitäterin. Die Frau habe ihm mitgeteilt, dass es der Kadettin wieder besser ging, sagte er vor Gericht. Nach Meinung der klagenden Eltern war ihre Tochter gesundheitlich angeschlagen und nicht diensttauglich gewesen. Auch dies wies das Gericht zurück.

Richter hatte vor zu hohen Erwartungen gewarnt

"Wir haben das genauso erwartet, wie es jetzt ausgeurteilt worden ist", sagte Jennys Vater Uwe Böken nach der Urteilsverkündung. Um den Schadensersatz sei es ihm und Jennys Mutter auch nicht gegangen, sondern um Antworten auf die Frage, wie ihre Tochter ums Leben gekommen sei. Darauf gab es jedoch auch nach acht Zeugenbefragungen keine Erkenntnisse. "Wir wissen nicht, was passiert ist", sagte der Richter in seiner mündlichen Urteilsbegründung. "Muss man da nicht endlich ermitteln? Das ist doch unerträglich", sagte der Anwalt der Eltern, Rainer Dietz, dazu. "Das muss man sich mal vor Augen führen: Hier waren maßgebliche Leute, die nicht Licht ins Dunkel bringen konnten", sagte er. Nachdem das Gericht nun die Klage abgewiesen hat, wird eine Revision nicht zugelassen. Der Anwalt der Eltern kündigte an, neue "Strafanzeigen gegen Verantwortliche" vorzubereiten.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.09.2016 | 06:00 Uhr

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