Stand: 09.03.2017 12:28 Uhr

Fachtag: Wenn sich Jugendliche radikalisieren

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Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt spricht beim Fachtag zum Thema "Religiös oder politisch motivierte Radikalisierung von Jugendlichen".

Schüler, die plötzlich anders sind, sich zurückziehen, andere Kleidung tragen - das können Hinweise darauf sein, dass sich die Jugendlichen religiös oder politisch radikalisieren. Genau darum ging es beim landesweiten Fachtag für Lehrer und Sozialarbeiter in Kiel.

Meist radikalisieren sich junge Männer

"Auch 2016 mussten Anstiege bei der politisch motivierten Kriminalität einschließlich der entsprechenden Gewaltdelikte registriert werden", sagte Thomas-Michael Kassun, Geschäftsführer des Landespräventionsrates Schleswig-Holstein, auf der Veranstaltung. Innenminister Stefan Studt (SPD) betonte, dass gerade in Städten, beispielsweise in Kiel, Neumünster oder Rendsburg, junge Menschen radikalisiert würden. Die "Täteranalysen und Attentate des letzten Jahres in Deutschland haben gezeigt, dass es überwiegend junge Männer sind - und auch junge Frauen - die sich radikalisiert haben", so Studt. Gerade in der Zeit der Pubertät, seien einige Jugendliche empfänglicher für bestimmte, auch extreme, Denkrichtungen.

Lehrer sensibilisieren

Extremisten würden immer offener auftreten, um junge Leute zu radikalisieren. Ein Beispiel seien die kostenlosen Koranverteilungen der mittlerweile verbotenen Organisation "Die Wahre Religion", die auch in Schleswig-Holstein stattfanden. "Wir möchten die Lehrer für die Thematik sensibilisieren, weil sie die die ersten sind, neben den Eltern, die erkennen können, wenn Kinder in Schwierigkeiten geraten", erklärte Studt. Es gehe um Prävention, darum, Kinder und Jugendliche in radikalen Strömungen zu begleiten und ihnen den Weg aus dem Extremismus heraus zu zeigen

Aussteiger berichten

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Philip Schlaffer (l.) und Dominic Schmitz (r.) schildern Heike Kühl-Frese vom IQ.SH ihre Erfahrungen.

Auch zwei Aussteiger erzählten den Pädagogen auf der Veranstaltung von ihren Erfahrungen: Dominic Schmitz, 29 Jahre alt, war lange Salafist und der 38-jährige Philip Schlaffer, war über Jahre in der rechten Szene, danach im Rockermillieu, aktiv. Bei beiden war es die Suche nach Anerkennung und nach einem Sinn, die sie in den Extremismus trieb.

"Die Gruppe hat mir das Gefühl gegeben, zu etwas Elitärem dazuzugehören", berichtete Philip Schlaffer. Nach vielen Umzügen mit seinen Eltern fand er in der Schule nicht mehr richtig Anschluss. Dominic Schmitz machte - nach der Trennung seiner Eltern - Erfahrungen mit Kiffen und einer ewigen Sinnsuche. "Ich hatte das Gefühl, dass alles den Bach runtergeht." Als er über einen Muslim das erste Mal in eine Moschee kam, war er überrascht: "Ich wurde herzlich aufgenommen. Die Leute waren immer für mich da. Ich hatte wieder Struktur in meinem Alltag, habe Ruhe gefunden", erinnert er sich.

Nach Jahren den Ausstieg geschafft

Nach vielen Jahren verließen beide Männer ihre Szenen. Dominic Schmitz konnte es nicht mehr mit dem Salafismus in Einklang bringen. Er wollte Frauen nicht schlechter behandeln, Homosexuelle nicht als minderwertig ansehen und seinen besten Freund, einen Nicht-Muslim, einfach nicht aufgeben.

Und Philip Schlaffer erzählt: "Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich verkomme zu einem prügelnden, saufenden, hassenden jungen Mann." Beide schafften den Ausstieg. Aber es war ein langer Prozess sich von den Gruppen und den alten Weggefährten zu lösen. Nun sind beide in der Jugendarbeit aktiv. Den Lehrern auf der Veranstaltung gaben sie mit auf dem Weg, sich Schülern, die in den Extremismus abzurutschen drohen, immer auf Augenhöhe zu nähern. "Mit Druck geht es nicht. Man kann keinen von heute auf Morgen überzeugen. Der Jugendliche selbst muss das Tempo bestimmen", sagte Schlaffer.

Förderprogramme gegen Extremismus

Der Minister machte noch mal auf das Landesprogramm zur Vorbeugung und Bekämpfung von religiös motiviertem Extremismus in Schleswig-Holstein aufmerksam, das seit Anfang 2015 läuft. Auch eine landesweite Beratungsstelle gibt es. "Ab 2017 stehen hierfür 7,5 Stellen und ein Volumen von 480.000 Euro pro Jahr bereit. Auch für die Bekämpfung des Rechtsextremismus haben wir zu Beginn dieses Jahres den Mitteleinsatz um 100.000 Euro pro Jahr erhöht", sagte Studt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.03.2017 | 17:00 Uhr

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