Stand: 26.01.2020 15:39 Uhr

Experte: "Schleswig-Holstein hat zu viele Kliniken"

Professor Thomas Mansky steht am Pult und hält eine Rede. © vdek/Jörg Brekeller Foto: vdek/Jörg Brekeller
Gesundheitsökonom Thomas Mansky fordert eine Strukturreform.

Experten fordern seit langem eine Strukturreform der Krankenhäuser. Einer von Ihnen ist Thomas Mansky, Gesundheitsökonom, ehemals an der TU Berlin zuständig für das Fachgebiet Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen. Seine Forderungen stellte er jüngst auf dem Jahresempfang des Ersatzkassenverbandes vor - bei Klinikleitern und Ärztevertretern stießen die nicht auf Zustimmung. Der NDR Schleswig-Holstein hat mit Thomas Mansky gesprochen.

Herr Mansky, wo muss sich die Kliniklandschaft in Deutschland entwickeln?

Thomas Mansky: Wir haben sozusagen ein doppeltes Problem: Wir haben einerseits zu wenig Investitionsmittel, das heißt, mit dem Geld, das die Bundesländer zurzeit investieren, können wir die Krankenhäuser nicht am Leben erhalten und auch nicht zukunftsfähig halten. Andererseits haben wir Strukturen, in die es sich zum Teil auch gar nicht lohnt zu investieren, weil die Strukturen nicht mehr zeitgemäß sind. Das heißt, wir bräuchten eigentlich, bevor wir eine größere Investitionsoffensive starten, eine Strukturreform im Krankenhausbereich. Und davor schrecken alle zurück.

Wie ist die Kliniklandschaft in Schleswig-Holstein aufgestellt?

Mansky: Schleswig-Holstein hat zu viele, vor allen Dingen zu viele kleine Krankenhäuser. Es lohnt sich nicht, in diese Strukturen zu investieren, denn damit kriegen sie keine zukunftsfähige Medizin auf die Beine gestellt.

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Warum nicht? Was braucht es für eine zukunftsfähige Medizin?

Mansky: Wir leben nicht mehr in den Zeiten, wo ein Herr Sauerbruch in beliebiger Umgebung beliebig komplexe Operationen machen konnte. Wir leben heute in Zeiten, wo sie eine große Infrastruktur brauchen. Sie brauchen Technikgeräte und auch Teams, um eine moderne medizinische Behandlung durchzuführen. Und das wird immer schwieriger, weil die Medizin sich immer weiter spezialisiert. Das ist ja auch gut und richtig, weil wir dadurch die Qualität der Medizin verbessern. Aber die Strukturen müssen eben auch mithalten. Sie können diese hoch komplexe, moderne Medizin nicht in den Strukturen anbieten, die in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts entwickelt worden sind.

Und das können kleinere Kliniken nicht?

Mansky: Die können die Investitionen nicht stemmen, die nötig sind. Sie sind aber auch nicht groß genug, um die Spezialisten vorzuhalten, die nötig wären, um die Geräte zu betreiben. Also selbst, wenn wir das Geld da reinstecken, scheitert es an den Möglichkeiten der Personalstruktur.

Ist denn die Qualität der Medizin in Krankenhäusern wirklich so schlecht?

Mansky: Naja, wir haben grundsätzlich eine gute Versorgung. Dennoch sind die Ergebnisse, gerade im Bereich der komplexeren Medizin, schon sehr unterschiedlich. Und wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass es Zusammenhänge zwischen der Menge an Behandlungen, die eine Klinik durchführt, und dem Ergebnis gibt. Das hängt davon ab, ob das gesamte Team mit dieser Behandlung Erfahrung hat. Und insofern muss man sagen: Wir haben insgesamt eine gute Medizin, aber sie ist nicht überall gut. Und das ist ja auch verständlich. Nicht jedes Krankenhaus mit 200 Betten kann die Qualität einer Uniklinik liefern.

Kommunalpolitiker und Klinikleitungen dürften so etwas nicht gerne hören.

Mansky: Wir bauen keine Krankenhäuser um der Krankenhäuser willen. Wir bauen sie auch nicht für die Bürgermeister oder für sonst wen, sondern wir bauen Krankenhäuser, damit die Patienten optimal versorgt werden. Und darüber müssen wir nachdenken. Und diese Strukturen müssen wir schaffen.

Das Interview führte Constantin Gill, NDR Schleswig-Holstein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 26.01.2020 | 18:05 Uhr

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