Frank Brodehl blick in die Kamera. © dpa Foto: Daniel Reinhardt

Ex-AfDler Brodehl: Zwischen Ärger und Wehmut

Stand: 09.10.2020 05:00 Uhr

Der ehemalige AfD-Abgeordnete Brodehl verteidigt seine Entscheidung, aus der AfD auszutreten. Die Partei sieht er inzwischen auf einem völkisch-nationalistischen Kurs.

von Andreas Schmidt, Constantin Gill, Stefan Böhnke

Am Ende, sagt Frank Brodehl, habe er sich gefragt: "Kann ich das, was ich hier tue, in Einklang bringen mit meinen tiefsten Überzeugungen? Und diese Frage musste ich mit einem ganz klaren Nein beantworten." Zwei Wochen ist es her, dass Brodehl vor dem Plenum des Landtags seinen Austritt aus Fraktion und Partei ankündigte. Seitdem hat die AfD keine Fraktion mehr im Landtag, Mitarbeiter mussten gehen, Privilegien fielen weg. Brodehl spricht mit NDR Schleswig-Holstein erstmals über seine Entscheidung.

Bei den anderen Fraktionen sorgten Brodehl und andere AfD-Abgeordnete im Landtag mit ihren Aussagen zu Gendersprache oder Flüchtlingen immer wieder für Empörung. Brodehl sieht sich selbst dennoch als einen der gemäßigten, bürgerlich-konservativen Politiker - der am Ende in der AfD in der Unterzahl war.

Rückblick: Brodehl warnt vor Wiederwahl von Sayn-Wittgenstein

Vor eineinhalb Jahren wird die damalige Landesvorsitzende Doris von Sayn-Wittgenstein auf einem Parteitag in Henstedt-Ulzburg wiedergewählt. Obwohl zu diesem Zeitpunkt wegen rechtsextremer Äußerungen ein Parteiausschlussverfahren auf Bundesebene gegen sie läuft. Eine Ohrfeige für alle, die vor ihrer Wiederwahl gewarnt hatten - so wie Frank Brodehl.

Weckruf verpasst?

Als Sayn-Wittgenstein ein paar Wochen später tatsächlich aus der AfD ausgeschlossen wird, hofft Brodehl, das könne ein Weckruf sein, den die Partei nutzt, sich auf einen bürgerlich-konservativen Kurs zu besinnen. Das sei aber nicht der Fall gewesen. "Vielleicht sogar im Gegenteil", sagt der ehemalige AfD-Abgeordnete: Die Partei sei weiter nach rechts gedriftet.

Als Kreisvorsitzender in Ostholstein habe er einen Überblick darüber, wer seit 2019 in die Partei kommen wollte: "Und das sind nicht unbedingt bürgerlich-wertkonservative Leute gewesen." Sondern? "Leute, die mindestens gestrig waren. Eher völkisch eingestellt, nationalistisch eingestellt, also ein übersteigertes Nationalgefühl hatten."

Brodehl vermisst Rückhalt

Vom Landesverband vermisste Brodehl Rückhalt: Er hatte vor dem Parteitag - vergeblich - vor einer Wiederwahl Sayn-Wittgensteins gewarnt. Als die daraufhin Brodehl in einem Brief kritisierte, habe der Landesverband nicht ihn unterstützt, sondern stattdessen den Brief Sayn-Wittgensteins - kurz DSW - an alle Mitglieder weitergeleitet - und die ehemalige Chefin gelobt. "Also da ist mir nichts mehr eingefallen."

Brodehl vermutet, dass der "Fanclub von DSW" im Landesvorstand es ihm nicht verziehen habe, dass er sich für einen Ausschluss der Landeschefin aus der Fraktion stark gemacht habe.

Landesvorstand weist Vorwürfe zurück

Der stellvertretende Landesvorsitzende Joachim Schneider erklärt, das Lob für Sayn-Wittgenstein sei ein "Schlussstrich" gewesen - und es gehöre dazu, jemandem für seine Leistungen zu danken. Seitdem habe es keinen Kontakt mehr zu Sayn-Wittgenstein gegeben. Ihr Einfluss in der Partei sei "nahe bei Null." Einen "Fanclub" gebe es nicht. Das Gros der Mitglieder seien "normale, vernünftige, rechtschaffene Menschen. Dass es an den Seiten - links wie nach rechts - Auswüchse gibt, das mag sein", sagt Schneider.

Der ehemalige AfD-Abgeordnete Frank Brodehl wird nun erst einmal als parteiloser Abgeordneter versuchen, weiter Bildungspolitik zu machen - auch wenn seine Möglichkeiten nun begrenzt sind. Er berichtet, dass er in den vergangenen zwei Wochen viele Mails und Briefe bekommen hat, in denen er aufgefordert wird, sein Mandat an die AfD zurückgegeben. Teilweise mit dem Vorwurf, ein Verräter zu sein. Bedroht fühle er sich aber nicht. Ein Drittel der Mails enthalte die Forderung, das Mandat zu behalten. Und weiterzumachen. Weil die Verfasser die Beobachtung Brodehls teilen. "Sie gefallen mir, aber die Partei gefällt mir nicht mehr" - zitiert er.

Brodehl: Partei hat Chance verpasst

Brodehl stellt klar, es sei ihm nicht darum gegangen, die Fraktion kaputt zu machen. Die Konsequenzen für die Mitarbeiter seien ihm bewusst gewesen. "Die waren ja zum Teil nicht mal in der AfD. Dieser Aspekt hat also meine Überlegungen ganz ganz entscheidend beeinflusst und dafür gesorgt, dass ich überhaupt so lange ausgehalten habe." Die Auflösung der Fraktion sei "der Kollateralschaden der Gesamtentwicklung, die die Partei in den letzten zwei Jahren genommen hat." In den Ärger über die Entwicklung in der Partei, sagt Brodehl, mischt sich auch "Wehmut über eine verpasste Chance für die Partei."

Weitere Informationen
Frank Brodehl blick in die Kamera. © dpa Foto: Daniel Reinhardt

AfD-Fraktion in Schleswig-Holstein "erloschen"

Der AfD-Abgeordnete Frank Brodehl hat im Kieler Landtag überraschend seinen Austritt aus Fraktion und Partei bekannt gegeben. Damit verliert die AfD im Landtag ihren Fraktionsstatus. mehr

Der Abgeordnete Frank Brodehl spricht bei einer Sitzung des schleswig-holsteinischen Landtags. © dpa-Bildfunk Foto: Carsten Rehder

Vorbereitungen zur Abwicklung der AfD-Fraktion laufen

Verträge kündigen, Dienstwagen abgeben - die Landtagsverwaltung bereitet die "Liquidation" der AfD-Fraktion vor. Am Freitag hatte der Abgeordnete Brodehl die Partei überraschend verlassen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.10.2020 | 08:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Passanten laufen durch eine Innenstadt. © dpa-Bildfunk Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Quelle unbekannt: Ämter auf der Suche nach Infektionsketten

Die steigenden Corona-Zahlen belasten die Gesundheitsämter. Infektionsquellen sind in SH häufig kaum noch auszumachen. mehr

Blick auf den Lübecker Weihnachtsmarkt am Rathaus. © dpa-Bildfunk Foto: Daniel Bockwoldt

Corona: Weihnachtsmarkt in Lübeck abgesagt

Die Liste der Weihnachtsmarkt-Absagen wird immer länger. In Lübeck gilt ab Dienstag zudem eine erweiterte Maskenpflicht. mehr

Eine Person steckt einen Tupfer mit einem Rachenabstrich in ein Teströhrchen. © picture alliance Foto: Hendrik Schmidt

164 neue Corona-Infektionen in SH gemeldet

Seit Beginn der Pandemie sind in Schleswig-Holstein 6.941 Coronavirus-Infektionen nachgewiesen worden. mehr

Norbert Mai moderiert 1957 die Nordschau. © NDR

NDR Retro lädt ab sofort zum Stöbern im Fernseh-Archiv ein

Mit dem heutigen Welttag des audiovisuellen Erbes stellt der NDR Tausende historische Videos aus den 50ern und 60ern online. mehr

Videos