Stand: 08.05.2020 13:09 Uhr

Ermittlungen gegen Sekretärin von KZ-Kommandanten

von Julian Feldmann
Irmgard F.
Irmgard F. hat als junge Frau im KZ Stutthof als Sekretärin gearbeitet.

Irmgard F. ist 94 Jahre alt und wohnt seit sechs Jahren in einem Altenheim im Kreis Pinneberg, nördlich von Hamburg. In dem Heim ist sie eine der fittesten Bewohnerinnen. Viele ihrer Altersgenossen dort leiden an Demenz, sie nicht. Geistig wirkt sie auf Höhe der Zeit. Selbstverständlich könnte man mit ihr über die Zeit bis 1945 sprechen, sagt die Seniorin, als ein Reporter des NDR sie Ende vergangenen Jahres besuchte. Nur direkt zitiert werden möchte sie lieber nicht. Dass sie im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig als Sekretärin gearbeitet hat und dass gegen sie ermittelt wird, bestätigt die Rentnerin. Der Vorwurf lautet: Beihilfe zum Mord.

Staatsanwaltschaft ermittelt seit 2016

In ihrem kleinen Zimmer im Heim hatte sie bereits Besuch von Ermittlern. Polizei und Staatsanwalt waren vor einigen Jahren gekommen, haben sie befragt und nach Unterlagen gesucht. Eine Polizistin habe einmal in den Schrank geschaut, erzählt Irmgard F. - aber was sollte sie auch finden? Seit 2016 ermittelt die Staatsanwaltschaft Itzehoe gegen F.. Die zuständige Staatsanwältin flog bereits nach Israel, um mit Überlebenden des KZ Stutthof zu sprechen. Auch in die USA hat die Staatsanwaltschaft ein Rechtshilfeersuchen geschickt, um Holocaust-Überlebende zu befragen.

Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, sagt eine Sprecherin der Strafverfolgungsbehörde. Es ist juristisch unklar, ob eine Sekretärin wie ein Wachmann mit der Waffe in der Hand zur Mordmaschinerie eines Konzentrationslagers zählt. Bei der Schreibkraft muss die Staatsanwaltschaft genauer nachweisen, was sie wusste und inwiefern sie das Morden im KZ unterstützte. Jüngere Urteile gegen KZ-Sekretärinnen gibt es nicht.

Ermittlungen gegen KZ-Wachleute

Gegen Wachleute von Konzentrationslagern, in denen systematisch Menschen ermordet wurden, wird seit einigen Jahren ermittelt. Nachdem 2011 das Landgericht München II John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Menschen verurteilte, fingen die deutschen Strafverfolger an, Wachpersonal von anderen KZs zu überprüfen. Das Urteil gegen den einstigen Aufseher im Vernichtungslager Sobibor sorgte für eine Änderung der Rechtspraxis. Seitdem wurden einige Greise vor Gericht gestellt, denen Staatsanwälte nachweisen konnten, dass sie in KZ ihren Dienst getan haben, in denen systematisch gemordet wurde.

Hamburg: Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird zum Beginn eines weiteren Prozesstages von einem Arzt in den Sitzungssaal des Landgerichts geschoben. Zum Schutz des Angeklagten vor dem neuartigen Coronavirus werden strenge Hygienevorschriften eingehalten. © picture alliance/Christian Charisius/dpa/Pool/dpa Foto: Christian Charisius
Trotz Coronakrise wird der Prozess gegen den ehemaligen KZ-Wachmann Bruno D. in Hamburg fortgesetzt.

Derzeit muss sich vor dem Landgericht Hamburg der 93-jährige Bruno D. verantworten. Trotz der Corona-Krise läuft der Prozess in Hamburg weiter. D. wird Beihilfe zum Mord von mindestens 5.230 Menschen vorgeworfen. Er hat als SS-Wachmann im KZ Stutthof gearbeitet. Und in eben diesem KZ, unweit der Ostsee, war auch Irmgard F. tätig. Als Ermittler Bruno D. vor zwei Jahren Fotos von F. vorlegten und fragten, ob er sich an die damals junge Frau erinnern könne, verneinte der ehemalige Wachmann.

Irmgard F. früher als Zeugin befragt

Die mittlerweile 94-jährige Irmgard F. hatte bereits früher mit der Justiz zu tun. Sie ist schon öfter zu ihrer Zeit im KZ Stutthof befragt worden - als Zeugin. Dem NDR liegen mehrere alte Vernehmungsprotokolle von ihr vor. Darin schildert sie, wie sie von Juni 1943 bis zum April 1945 als "Zivilangestellte" sowie als Sekretärin und Stenotypistin des KZ-Kommandanten Paul Werner Hoppe in Stutthof gearbeitet hat. Ihren Chef, den Kommandanten des KZ, in dem 65.000 Menschen ermordet wurden, beschrieb sie als "pflichtbewussten" Vorgesetzten, der seinen Dienst sehr ernstgenommen habe. F. sagte 1954 aus, dass der gesamte Schriftverkehr mit dem SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt über ihren Schreibtisch gelaufen sei. Kommandant Hoppe habe ihr täglich Schreiben diktiert und Funksprüche verfügt.

Angeblich keine Kenntnis über Vergasung

Über die Vergasung von Menschen sei ihr jedoch kein Schreiben bekannt gewesen, sagte Irmgard F. Davon habe sie auch nichts gewusst. Über 1.000 Menschen wurden in Stutthof mit dem Giftgas "Zyklon B" ermordet. Damals konnte sich F. aber noch daran erinnern, dass der Lagerkommandant Hoppe einige Exekutionen beantragt hatte. Über die damaligen Opfer sagte F. neun Jahre nach der Befreiung des KZ, dass sie immer geglaubt habe, dass die Exekutierten den Tod verdient hätten - wohl weil sie im Lager jemanden angegriffen hätten oder Ähnliches.

Als ein NDR Reporter Irmgard F. Ende 2019 besuchte, erzählte die Rentnerin, sie habe von Mordtaten im KZ erst nach dem Krieg erfahren. Das Lager selbst will sie damals nie betreten haben. Und ihr Bürofenster, erklärte F. gegenüber dem NDR, habe in die vom Lager abgewandte Richtung gezeigt. Von der Tötungsmaschinerie, der während ihrer Dienstzeit nur wenige Meter von ihr entfernt Zehntausende Menschen zum Opfer fielen, habe sie nichts gewusst.

Ehemaliger Kommandant zu neun Jahren Haft verurteilt

F.s damaliger Vorgesetzter, der Lagerkommandant Paul Werner Hoppe, wurde 1957 in Bochum zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt wegen Beihilfe zum Mord an einigen Hundert Gefangenen. Daran, dass auch sie sich heute noch für ihre Tätigkeit als Sekretärin vor Gericht verantworten müsse, glaubt Irmgard F. nicht.

Überlebende hoffen auf Gerichtsverhandlung

Für viele Überlebende des Holocaust ist es wichtig, dass die Mordtaten der Nationalsozialisten auch juristisch aufgearbeitet werden. Der Rechtsanwalt Onur Özata vertritt im Hamburger Stutthof-Prozess mehrere Überlebende und verlangt, dass auch der Fall Irmgard F. aufgeklärt werden müsse. "Die Sekretärin stand sicher auf unterster Hierarchieebene", sagt Özata dem NDR, "dennoch war auch sie Teil des Apparats, der Tausende Menschen ermordete". Wie stark ihr Tatbeitrag war, müsse ein deutsches Gericht klären. Ob es zu einem Prozess gegen F. kommt, ist allerdings noch unklar. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob sie Anklage erhebt.

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Dieses Thema im Programm:

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