Stand: 27.09.2020 16:23 Uhr

Suche nach Atommüll-Endlager: Kommen Gebiete aus SH infrage?

von Daniel Kummetz

Es ist die erste Stufe eines langen Auswahlprozesses: Am Montagvormittag stellt die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) in Berlin ihren Zwischenbericht für die Suche nach einem Atommüll-Endlager vor. Der Inhalt ist brisant: Er enthält eine wahrscheinlich noch ziemlich lange Liste der Gebiete, die nach einer ersten groben Filterung anhand von geologischen Kriterien geeignet als Standort-Endlager wären. Aller Voraussicht nach gehören auch Regionen aus Schleswig-Holstein dazu. Denn: Bei früheren Voruntersuchungen für Endlager wurden auch Standorte im nördlichsten Bundesland diskutiert. Nach drei weiteren Untersuchungs- und Auswahlphasen soll ein Standort feststehen - nach den aktuellen Planungen soll es 2031 soweit sein. Geplant ist, dass das Endlager dann 2050 in Betrieb geht.

Eine geologische Bedingung: Salzstöcke

Auch wenn sie im Alltag der meisten Menschen keine Rolle spielen: Im Untergrund befinden sich an vielen Orten in Schleswig-Holstein Salzstöcke. Diese Art geologischer Struktur könnte ein Atommüll-Endlager beherbergen. 1995 wertete die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in ihrer Salzstudie die Daten von etwas mehr als 40 Salzstöcken und -kissen aus - auf ihre theoretische Tauglichkeit als Endlager-Standort hin. Dabei waren auch sieben Salzstöcke aus Schleswig-Holstein:

  • Eisendorf
  • Hamdorf
  • Hennstedt
  • Gnutz
  • Krempe
  • Siek
  • Sterup

Den für diese Studie aufgestellten Kriterien entsprach keines der Gebiete in Schleswig-Holstein vollständig, im ganzen Untersuchungsgebiet taten das drei Gebiete. Aber: Für die Salzstöcke Gnutz, Eisendorf, Hamdorf und Sterup stellten die Autoren der Studie fest, dass diese "annähernd den Vorgaben" entsprächen. Die Kriterien in der ersten Stufe der aktuellen Endlagersuche sind anders. Es ist aber davon auszugehen, dass auch die Akten zu diesen Salzstöcken ganz genau angeguckt wurden.

Wie das Zwischenergebnis entstanden ist

Für die Liste der sogenannten Teilgebiete, die am Montag vorgestellt wird, wertete das BGE drei Jahre lang die vorhandenen Unterlagen über Vorkommen von Salz-, Ton- und Kristallingestein wie Granit aus - und filterte. Das Ziel: Das Endlager soll bestmögliche Sicherheit für eine Million Jahre bieten. Aus diesem Grund sollten alle Gebiete ausgeschlossen werden, in denen es schon Bergbau oder Bohrungen gegeben hat. Auch wo der Untergrund selbst aktiv ist, soll kein Endlager entstehen: in Gebieten mit Erdbebengefahr oder Vulkanen etwa.

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Weitere Voraussetzungen für einen möglichen Standort

Die dann noch infrage kommenden Bereiche müssen Mindestanforderungen erfüllen - die entsprechende Schicht muss etwa mindestens 100 Meter dick sein und mindestens 300 Meter unter der Geländeoberfläche liegen. Die Durchlässigkeit für Wasser des Gesteins muss gering sein. Wichtig ist auch, dass in dem Bereich genug Platz für das Endlager ist. Außerdem muss nach dem Stand der Wissenschaft davon ausgegangen werden können, dass das Gestein eine Million Jahre das Leben auf der Erde vor dem strahlenden Müll schützt.

Anschließend fand eine Bewertung der Gebiete anhand der Unterlagen nach elf Kriterien statt - die sogenannte geologische Abwägung. Das Ergebnis: In einer zum Teilgebiet erklärten Region erwartet die BGE günstige geologische Bedingungen für die Lagerung hochradioaktiven Mülls.

Wie es bei der Endlagersuche weitergeht

Die Teilgebiete festzulegen, soll nur der erste Schritt sein. Anschließend folgen weitere grundsätzliche Untersuchungen und Auswertungen. Das Resultat: Eine verkürzte Liste von Standorten, die von der Erdoberfläche erkundet werden - dort finden Erkundungsbohrungen und Messungen statt. Die Ergebnisse dieser Arbeiten werden ausgewertet. Resultat: Mindestens zwei Standorte an denen Erkundungsbergwerke für weitere Untersuchungen errichtet werden. Am Ende soll der Bundestag über den Standort entscheiden.

Das Versprechen der Politik: Bei diesem Auswahlverfahren soll es transparent zugehen. Ein Element: Nach der Mitteilung der Teilgebiete wird es Fachkonferenzen geben, in denen auch Bürgervertreter aus den Teilregionen zu Wort kommen. Außerdem soll bei dieser Endlagersuche nach wissenschaftlichen Kriterien entschieden werden - und nicht nach politischen Kräfteverhältnissen. Es soll ganz anders laufen als in dem Verfahren, an dessen Ende Gorleben als zu erkundender Endlagerstandort stand.

Kritiker wünschen mehr Transparenz

Atomkraftgegner wie die von der Organisation "ausgestrahlt" glauben, dass dieses Versprechen in dem aktuellen Verfahren nicht erfüllt wird. Sie wünschen sich unter anderem mehr Transparenz auch in den einzelnen Arbeitsschritten durch die BGE, sodass besser nachvollziehbar sei, ob eine Region zu Recht ausgewählt wurde.

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