Stand: 30.11.2018 05:00 Uhr

Eisige Klänge in der "Lichterstadt Eutin"

von Hauke Bülow

Um Punkt 18 Uhr wird es still in der Eutiner Eisarena, der Schlittschuhbahn auf dem Marktplatz. Eben noch sausten 60 Kinder von Bande zu Bande, nun sitzen sie ruhig auf Bierbänken, die mitten auf der Eisfläche stehen. Ein großer schlanker Mann mit gräulichem langen Haar scheint sie zu faszinieren. Terje Isungset heißt der Mann. Aufgewachsen in Geilo, einem kleinen Wintersportort zwischen Oslo und Bergen in Norwegen. Und Isungset kann etwas, was wohl kaum ein anderer Mensch auf dieser Welt beherrscht: Er kann Instrumente aus Eis schnitzen, die nicht nur ungewöhnlich aussehen, sondern auch noch toll klingen.

Cooles Eiskonzert in der Lichterstadt Eutin

Wohlfühltemperatur: Minus ein Grad

"Der Tag heute ist perfekt für Eismusik", sagt Isungset. Temperaturen um den Gefrierpunkt, am besten leicht darunter, das ist die Wohlfühltemperatur des 54-jährigen Schlagzeugers. Denn dann kann er an seinen Instrumenten arbeiten, ohne dass sie ihm in der Hand wegschmelzen. Die Idee dazu entstand vor knapp 20 Jahren. Damals wurde Isungset gefragt, ob er eine Komposition für ein Musikfestival schreiben könne, das unter einem gefrorenem Wasserfall stattfinden sollte.

Aus Improvisation wird Profession

Gefragt - getan. Damals noch sehr improvisiert, wie der Norweger zugibt. Heute ist er der wohl einzige Eismusik-Profi weltweit. Er spielt rund 50 bis 100 Eiskonzerte, immer auf selbst hergestellten Instrumenten, die er sogar stimmen kann. Das Eis dafür bringt er zum Teil mit zu seinen Konzertorten. So auch nach Eutin. Mit dem Flugzeug transportierte Isungset große Gletschereisblöcke erst nach Hamburg und dann im Kühlanhänger in die ostholsteinische Kreisstadt. Den Unterschied zwischen künstlich hergestellten Eisblöcken und dem Gletschereis kann man zwar nicht direkt sehen, aber hören, davon ist der Musiker überzeugt. "Das Gletschereis klingt einfach länger nach, norwegisches Eis kann singen", sagt Isungset.

Eismusik ist harte Arbeit

Schon frühmorgens haben Terje Isungset und sein Instrumentenbauer, der französische Carver Eric Mutel, angefangen, die großen Eisblöcke auseinander zu sägen. Hörner, Klangkörper, Klangplatten und Drumsticks, all das ist in stundenlanger Arbeit entstanden. Der Grund, warum es so wenig Eismusiker gibt, liegt auf der Hand. "Das ist harte, harte, harte Arbeit", meint der Norweger. Stundenlang auf dem kalten Boden zu sitzen und an Eisblöcken herumzuschnitzen - kein Zuckerschlecken. Neben der körperlichen Arbeit, ist aber auch die musikalische nicht zu unterschätzen. "Es hat extrem viel Zeit gekostet, zu lernen, wie sich die Instrumente verhalten und wie sie sich stimmen lassen", erklärt Isungset. Aber auch die Zerbrechlichkeit ist eine große Herausforderung - von der Temperaturempfindlichkeit der Instrumente ganz zu schweigen.

Eröffnungsfeier auf dem Eis

Doch es geht alles gut. Alle Eisinstrumente sind perfekt geworden - optisch und klanglich. Isungset und seine Sängerin Maria Skranes stehen am Rand der Eisarena. Die "Lichterstadt Eutin" sollen sie mit ihrem Eiskonzert eröffnen. In der ganzen Stadt werden ab sofort zahlreiche Gebäude im Dunkeln bunt angestrahlt, beispielsweise das Schloss oder das Rathaus. Aber auch in der Stadtbucht schwimmen bunte Blüten in Sternenform leuchtend auf dem Wasser. Von einigen Bäumen hängen bunte Spiralen hinunter. So wollen die Eutiner Wirtschaftsvereinigung, die Eutin GmbH und nicht zuletzt die Stadt Eutin zahlreiche Besucher während der Weihnachtszeit in den Ort locken.

Der Plan geht auf. Neben den vielen Kindern, die mit ihren Schlittschuhen auf dem Eis sind, stehen zahlreiche Erwachsene am Eisrand und lauschen den Klängen des Eismusikers. Warme, klare und glockenähnliche Töne kommen aus den Lautsprechern, als Isungset mit seinen Händen auf die Eisinstrumente schlägt. Sängerin Maria Skranes sorgt mit ihrer Stimme und viel Halleffekt für sphärische Klänge. "Geil, oder?", fragt ein Mädchen in der ersten Reihe ihren Sitznachbarn. Er nickt, ohne seinen Blick von dem Eismusiker abzuwenden.

Ein Horn aus purem Eis

Beim nächsten Stück hat Isungset schwer zu tragen. Er bläst in ein Horn, natürlich geformt aus purem Eis. Walgesangähnliche Sounds kommen aus dem Schallbecher. Gepaart mit dem Gesang von Sängerin Maria Skranes entsteht ein Klangteppich, der auch auf einer Entspannungs-CD zu hören sein könnte. Dann plötzlich bewegt sich der Mann mit dem großen Eishorn an den Lippen auf die erste Reihe zu. Während er spielt, klatscht Isungset mit seiner freien Hand mit den Kindern ab - spätestens jetzt sind sie voll in seinem Bann.

Keine Instrumente für die Ewigkeit

Normalerweise überleben die Instrumente des Eismusikers nur ein einziges Konzert. Danach werden sie "der Natur zurückgegeben", erklärt Isungset. In diesem Fall ist aber alles etwas anders. Im Mai wird er nämlich zurückkehren nach Eutin sowie nach Lübeck und Hamburg. Dort spielt er beim Classical Beat Festival 2019. So lange werden sämtliche Instrumente in einem Kühlraum gelagert und dann wieder herausgeholt. Nach den Konzerten wird aus den Eisinstrumenten dann allerdings auch wieder das, was sie einmal waren: klares Wasser.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Der Nachmittag | 28.11.2018 | 16:40 Uhr

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