Stand: 17.12.2015 17:00 Uhr

Ein Panzer, den keiner wegräumen wollte

von Simon Kremer

Unter dem Aktenzeichen II 6–10 05 02 wird ein Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg beim Bundesamt für Ausfuhrkontrollen (BAFA) geführt. Er kam 1977 von England nach Deutschland und wurde hier restauriert. Fast 40 Jahre später beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Kiel das Weltkriegsgefährt. Die Behörde ließ den Panzer vom Typ Panther im Juli 2015 aus der Kellergarage eines Kunst- und Waffensammlers aus Heikendorf (Kreis Plön) holen. Gegen den 78 Jahre alten Besitzer ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Dabei hatten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Behörden und Ministerien mit dem Panzer zu tun. Doch niemand reagierte. Warum? Das bleibt unklar. Der Sammler aus Heikendorf ist jedenfalls gut vernetzt in Politik und Bundeswehr.

Ein zufälliger Fund in Heikendorf

Mitte September 2005 geht im Kieler Innenministerium ein verschlossener Briefumschlag mit der Aufschrift "vertraulich" ein. Absender ist das Ordnungsamt des Kreises Plön. In dem Schreiben schildert ein Sachbearbeiter die Situation: Bei einer baurechtlichen Begehung des Grundstücks des Kunst- und Waffensammlers F. sei in einer Tiefgarage ein Panzerfahrzeug als Teil einer Kriegswaffensammlung gefunden worden. "Es wird gebeten zu prüfen, ob für den Erwerb der Kriegswaffen eine Genehmigung nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz einzuholen ist, bzw. eingeholt wurde", steht in dem Brief.

Kurz darauf ruft der Sachbearbeiter des Innenministeriums in Plön an. Der Vorgang sei an das Bundeswirtschaftsministerium weitergegeben worden. Der Sachbearbeiter erkundigt sich, ob F. von den Ermittlungen Kenntnis habe.

Eine "Ruhmeshalle" für die Waffensammlung

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Seit den 1980er-Jahren steht der Panzer vom Typ Panther an der Förde. In der Tiefgarage seiner Villa hat sich F. in jahrzehntelanger Arbeit eine Art Ruhmeshalle für seine Sammlung aufgebaut. An den Wänden hängen Reichsadler, auf einer Rampe stehen Granitskulpturen in Form von Soldatenköpfen. Der Panzer steht in der Mitte in einer kleinen Senke. Es mutet an, als ob er die Halle nie wieder verlassen sollte.

Nur eine Woche nach der Anfrage des Plöner Ordnungsamtes antwortet das Kieler Innenministerium im September 2005. Ein Schreiben voller Paragraphen und dem Hinweis darauf, dass es einer sogenannten De-Militarisierungsbescheinigung des Bundeswirtschaftsministeriums oder der Bundeswehr bedürfe. Nur die könnten bescheinigen, dass eine Kriegswaffe nicht mehr funktionsfähig sei - und daher in Privatbesitz sein dürfe. Das Innenministerium gibt noch eine Handlungsempfehlung an den Kreis Plön: "Sollte eine entsprechende Bescheinigung nicht vorgelegt werden können, ist eine Strafanzeige bei der zuständigen Staatsanwaltschaft zu stellen."

Alte Bilder von Schrottplätzen

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Der Panzer aus Heikendorf auf einem Foto aus der Zeitschrift "After the Battle", als er 1977 auf einem Schrottplatz in England gefunden wird.

Als der Kreis nachfragt, kann der Heikendorfer F. keine De-Militarisierungsbescheinigung vorlegen. Nur den Hinweis darauf, dass der Panzer seit 1977 in seinem Besitz sei und das damals zuständige Bundesamt (BAFA) den Fall geprüft habe.

Nach Recherchen von NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein-Magazin hat F. tatsächlich am 14. Oktober 1977 einen handschriftlichen Brief an das Bundesamt in Eschborn geschrieben. Er bittet um eine Begutachtung "zur Feststellung, dass er entmilitarisiert ist entsprechend der Vorschriften". Das Bundesamt fordert Fotos des Panzers an, der damals noch ein Wrack ist und frisch von einem Schrottplatz in Süd-England kommt. Mehr geschieht nicht. Schließlich kommt der Panzer nach Kiel. Das Bundesamt will sich aktuell nicht zu dem Vorgang äußern.

Berufliche Beziehungen zwischen Amt und Sammler

Mehr als 20 Jahre bleibt es zunächst einmal ruhig um den Panzer von F. Der Heikendorfer gilt als einer der größten Militaria-Sammler in Deutschland. Er verdient sein Geld als Finanzvermittler, gilt bei alten Weggefährten aber als sparsam. Laut Firmenunterlagen vermittelt sein Unternehmen, das er zusammen mit seiner Frau betreibt, "ausschließlich kommunale Darlehen". Auch an den Kreis Plön: Seit 1972 hat F. elf Darlehen zwischen Banken und dem Kreis vermittelt - in Höhe von umgerechnet mehr als 18 Millionen Euro. Selbst in der Hochzinsphase in den 90er-Jahren mit bis zu elf Prozent konnte F. dem Kreis Darlehen für drei oder vier Prozent Zinsen vermitteln. Laut dem Kreis Plön stehen die Vorgänge aber nicht in Zusammenhang mit dem Vorgang des Ordnungsamtes aus dem Jahr 2005. In diesem Jahr wurde das Fahrzeug in dem Haus von der Baubehörde wiederentdeckt.

Keine weiteren Fragen, keine Strafanzeige

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Wer hätte gedacht, dass ein Rentner aus Heikendorf mit einem Panzer in seinem Keller derartige Schlagzeilen machen würde. "New York Times", "USA Today", "BBC News" - alle berichten. mehr

Auf Anforderung des Ordnungsamtes kann der Sammler 2005 zwar keine De-Militarisierungsbescheinigung vorlegen, schickt aber wieder Fotos: Alte Fotos, entstanden mutmaßlich vor der Restaurierung 1977. Denn auf den Bildern ist das Kanonenrohr beispielsweise noch zerschnitten, die Panzerung fehlt an einigen Stellen. Als der Panzer später seinen Platz im Heikendorfer Keller findet, sieht der Panther völlig intakt aus. Der Sachbearbeiter im Plöner Ordnungsamt gibt sich mit den Fotos zufrieden, fragt nicht weiter nach und stellt keine Strafanzeige wie vom Innenministerium gewünscht. Sie ist nach Einschätzung von Juristen auch nicht zwingend vorgeschrieben.

Der Kreis sieht keine Versäumnisse des Mitarbeiters. Das Schreiben sei zwar knapp gewesen, könne aber nicht als Genehmigung für den Panzer verstanden werden. F. sei auf die Zuständigkeit des Bundeswirtschaftsministeriums hingewiesen worden, heißt es. Der Sammler wollte sich zu den Geschehnissen nicht äußern.

Bundeswehr hat ebenfalls mit dem Panzer zu tun

Einige Jahre später kommen die Behörden erneut mit dem Panzer in Kontakt. Von 2011 bis 2014 hilft die Bundeswehr bei der Restaurierung und Instandsetzung des Panthers. F. ist nach NDR Informationen in der Bundeswehr gut vernetzt und Mitglied in zahlreichen Freundeskreisen von Militärmuseen und Truppenteilen. Auch im Freundeskreis der Wehrtechnischen Dienststelle 41 in Trier, deren Mitarbeiter dem Sammler im Norden helfen. Gegen einen von ihnen ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft Kiel wegen Beihilfe zur Herstellung einer Kriegswaffe.

Erst im Sommer 2015 greifen die Behörden ein. Die Berliner Polizei macht bei F. eine Hausdurchsuchung, weil sie in der Villa Nazi-Kunst vermutet. Dabei fällt den Ermittlern auch die Kriegswaffensammlung mit dem Panzer auf. Sie benachrichtigen ihre Kollegen in Kiel. Kurze Zeit später beschlagnahmt die Staatsanwaltschaft das Fahrzeug. Die Ermittlungen dauern derzeit noch an.

Karte: Der lange Weg des Panzers

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 17.12.2015 | 19:30 Uhr

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