Stand: 19.10.2019 06:00 Uhr

Ein Leben zwischen Glück und Katastrophe

von Patrik Baab

Diese Geschichte ist so abenteuerlich, dass man einen Krimi daraus machen könnte. Heidrun Schaller aus Glückstadt verbrachte nach dem 2. Weltkrieg ihre Kindheit in Russland - als Tochter eines deutschen Torpedo-Spezialisten. Ihr Leben hat auch mit der Katastrophe der "Kursk" zu tun.

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Heidrun Schaller lebt heute in Glückstadt, verbrachte ihre Kindheit aber in Russland.

Für sie ist es eine Heimkehr. Nach 70 Jahren kehrt Heidrun Schaller zurück nach Oranienbaum, an den Ort ihrer Kindheit. Hier, 50 Kilometer westlich von St. Petersburg, hat sie die Schule besucht. Das war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, von 1949 bis 1953. Jetzt begibt sich Heidrun Schaller auf Spurensuche: "Das war eine sehr schöne Zeit für mich. Ich war sehr gerne hier in Oranienbaum." Sie steht im riesigen Park des alten Zarenschlosses. "Für mich war das meine Heimat." Lomonossow, das ist für Heidrun Schaller bis heute ein Kindheitstraum - der doch auf eine vertrackte Art in einen Albtraum mündete: den Untergang der "Kursk" – jenes Atom-U-Boots, das im August 2000 zum Grab für 118 russische Seeleute wurde.

Vater arbeitete an neuer Torpedo-Technik - für Hitler

Heidrun Schallers Leben beginnt in Eckernförde. Dort wird sie 1943 als Heidrun Lawitschka während eines Bombenangriffs im Bunker geboren. Ihr Vater Kurt Lawitschka, ein strammer Nazi und SS-Mann, ist Chefingenieur in der Torpedo-Versuchsanstalt. Dort arbeitet er an Hitlers Wunderwaffen: Ingolin-Torpedos mit Turbinen- und Rückstoßantrieb. Ingolin, das ist Wasserstoffperoxid, ein hochexplosiver Treibstoff. Doch auch diese Torpedos können die Niederlage nicht aufhalten.

Nach dem Krieg: Weiterentwicklung für die Sowjets

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Geboren wurde Heidrun Schaller im Luftschutzbunker an der Torpedo-Versuchsstation Eckernförde.

Nach der Befreiung von der Hitler-Diktatur übernehmen die Briten die Torpedo-Versuchsanstalt. Lawitschka droht die Entnazifizierung: Alte Nazis sollten aus ihren Funktionen entfernt werden. Er entgeht ihr durch einen Deal mit der Roten Armee. "Für ihn muss das ein Pakt mit dem Teufel gewesen sein", sagt Heidrun Schaller. Lawitschka geht nach Russland, um dort für die Sowjets Torpedos zu entwickeln. Schon Anfang 1947 folgt Heidrun Schaller ihrem Vater mit Mutter und Bruder nach Oranienbaum. Das ehemalige Zarenschloss ist künftig ihr Zuhause. Es ist eine glückliche Kindheit.

Für die Erwachsenen war die Zeit weniger schön. "Es standen Maschinengewehr-Posten am Eingang," sagt Heidrun Schaller. "Die Erwachsenen durften das Gelände nur mit einem Bewacher verlassen. Aber wir Kinder durften rein und raus, wie wir Lust hatten." Im Schlossgarten von Oranienbaum spielt Heidrun unter den Arkaden, feiert Geburtstag, spielt am Teich. Derweil entwickelt ihr Vater mit anderen Ingenieuren neue Torpedos - zum Beispiel den Andromeda mit Wasserstoffperoxid-Antrieb.

Der Schlosspark: "Das war mein Spielplatz"

Die künstlichen Inseln vor Kronstadt waren bis 1985 militärisches Sperrgebiet: Hier wurden die Torpedos getestet.

Victor Serebryakow arbeitete ebenfalls in der Torpedo-Versuchsstation: "Das Ziel von uns Russen war, möglichst viel von den deutschen Spezialisten zu erfahren. Wer sein Wissen nicht preisgeben wollte, dem drohte die Erschießung. So konnten wir bald eigene Torpedos bauen." Von alldem ahnt die kleine Heidrun nichts. Sie hat den riesigen Schlosspark für sich: "Das alles war damals mein Spielplatz." Hier schwimmt sie in der Ostsee, stürzt mit ihrem Dreirad, lernt Skilaufen.

70 Jahre später fährt Heidrun Schaller zu den künstlichen Inseln im Finnischen Meerbusen vor Kronstadt. Zum ersten Mal sieht sie, wo ihr Vater Torpedos getestet hat. Von Bootsverleiher Oleg Syrianow erfährt sie: "Auf diesen künstlichen Insel wurden Minen und Torpedos gelagert. Das war alles militärisches Sperrgebiet."

"Ich war lieber ein russisches Kind"

1949 wird Heidrun Schaller eingeschult. Nur die Lehrer wissen: Heidrun gehört zu den Deutschen, den Nemetzki. "Nemetzki, das war kein guter Stempel nach dem Krieg", erinnert sich Heidrun Schaller. "Ich war lieber ein russisches Kind." Die alte Parkschule ist heute ein Museum. Ihre Schulfreundin Natalia Bolgarowa erinnert sich: "Die Kinder der deutschen Spezialisten durften im Park herumlaufen. Das durften wir russischen Kinder nicht. Aber in der Schule waren wir alle gleich."

Geheimdienstverhöre nach Pannen

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Torpedo-Ingenieur Victor Serebryakov war eine Kollegen von Schallers Vater und berichtet von Explosionen im Labor.

Heidrun ist manchmal dabei, wenn sich deutsche und russische Ingenieure treffen. Worüber sie reden, versteht sie nicht: Es geht um Tests mit neuen Torpedo-Antrieben. Gefährliche Experimente, wie Victor Serebryakow weiß: "Das Laboratorium stand einmal in Flammen. Es kam zu Explosionen. Einmal gab es auch einen Toten."

Auch Heidrun bleibt nicht verborgen, dass bei Pannen der sowjetische Geheimdienst sofort reagiert: "Wenn es krachte, wurde Vati nach Leningrad gerufen. Wir haben immer Angst gehabt, dass er nicht wiederkommt." Jahre später liest sie in einem Bericht ihres Vaters:  "Über der Arbeit schwebte ständig das Wort Sabotage. Einmal wurde ich einem zwölfstündigen Verhör beim Geheimdienst in Leningrad unterzogen."

Britischer Geheimdienst engagiert den Vater

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Den Torpedo Andromeda hat Schallers Vater mitentwickelt.

Für Heidrun dagegen läuft es gut in Russland. Sie wird gehört zu den Jungen Pionieren, fährt ins Ferienlager an den Ladoga-See und auf die Krim. Sie ahnt nicht, dass ihr Vater längst ein Doppelleben führt: Kurt Lawitschka spioniert für den britischen Geheimdienst. Was er nicht weiß: Der sowjetische Geheimdienst ist ihm längst auf der Spur.

Die Sowjets lassen die Familie 1953 trotzdem in die DDR ausreisen. Die Rückreise nach Ostberlin war schon organisiert. Außerdem hat der sowjetische Geheimdienst gemeinsam mit der Stasi noch Pläne mit Kurt Lawitschka: "Sie wollten einen Doppelagenten aus ihm machen und ihn in Betriebe in Westdeutschland einschleusen. Sie drohten, wenn er nicht mitmache, werde man ihn nach Bautzen bringen." 1954 gelingt Heidrun Schaller und ihrer Familie die Flucht über die damals noch offene Grenze aus der DDR.

Untergang der "Kursk" - Torpedo Auslöser?

Doch die Geister der Vergangenheit holen Heidrun Schaller ein. Es ist die Todesfahrt der "Kursk" fast 50 Jahre später. Das russische Atom-U-Boot sinkt im August 2000 bei einem Manöver in die Barentssee. Experten wie Kapitän Igor Kurdin sind davon überzeugt: Die Unglücksursache war jener Torpedo-Typ, den Kurt Lawitschka entwickelt hat: "In einem Torpedorohr steckte ein abschussbereiter Torpedo mit Wasserstoffperoxid-Antrieb. Das Gemisch erhitzte sich, der Tank platzte und das Wasserstoffperoxid reagierte mit dem zweiten Treibstoff Kerosin. So kam es zur Explosion."

"Alles war mir wichtig war, musste ich verraten"

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Das U-Boots "Kursk" ging 2000 unter - laut Experten war die Ursache eine Torpedo-Explosion - vom Typ, den Schallers Vater entwickelt hat.

Heute macht Heidrun Schaller die Arbeit ihres Vaters mitverantwortlich für die Katastrophe auf der "Kursk". Dies hat das Andenken ihrer längst verstorbenen Eltern weiter belastet. Ein unheilbarer Riss ging schon durch die Familie, als sich ihre Eltern entschieden, Russland zu verlassen: "Da habe ich gesagt: Meine Heimat ist hier in Russland. Ich will nicht zurück zu den Nazideutschen. Alles, was mir wichtig war, musste ich verlassen und verraten." Seit vielen Jahren lebt Heidrun Schaller nun schon in Glückstadt. Doch in ihrem Herzen bleibt sie bis heute ein Russenkind.

Hier finden Sie die komplette Sendung des Ostseereports.

Dieses Thema im Programm:

Ostseereport | 19.10.2019 | 18:00 Uhr

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