Ein Leben am Ende der Allee

Stand: 11.01.2021 19:55 Uhr

Der Architekturfotograf Heiner Leiska fotografiert vor allem moderne Bauten. Sein Atelier ist das genaue Gegenteil: Ein Teehaus von 1760.

Diese Geschichte beginnt mit einer Rückblende ins Jahr 2013: Heiner Leiska ist gerade nach Deutschland zurückgekommen, hat vorher lange in Schweden gelebt. Jetzt ist er mit Freunden in der Seestermüher Marsch auf einer Radtour. Er erinnert sich, dass er eigentlich gar keine Lust hatte, mitzukommen. Überredet hatten sie ihn. Am Altenfelsdeich gehen sie in ein Café. Und von der Terrasse aus fällt ihm dann dieses merkwürdige Haus auf. Wie ein Fremdkörper habe es ausgesehen, erzählt Leiska.  "Es passt natürlich nicht in die Marsch", sagt er. "Das hat mich neugierig gemacht." Im Internet sucht er und sieht: Es ist zu mieten. "Das war Fügung. Ich war sowieso auf der Suche nach einem neuen Atelier."

Das Haus mit dem "größten Vorgarten der Welt"

Das war vor sieben Jahren. Das Café gibt es längst nicht mehr, aber seitdem wohnt Heiner Leiska im Teehaus. Es steht am Ende der unter Denkmalschutz stehenden, barocken Seestermüher Lindenallee, die gerade aufwendig saniert wurde. Er liebe den Ausblick, sagt er und:  "Ich sage immer: Ich habe den größten Vorgarten der Welt." Und tatsächlich ist der Ausblick beeindruckend. Von seinem Tisch aus sieht er bei geöffneter Flügeltür direkt in die 750 Meter lange vierreihige Lindenallee. Jetzt sieht sie etwas kahl aus, denn für die Sanierung der Bäume wurden alle Linden gekappt. Sie drohten, unter der sogenannten Kopflast, einzustürzen.

Ein Teehaus auf dem Präsentier-Teller

Das Teehaus ist oval und hat sechs besonders hohe Fenster, durch die jetzt in der Winterzeit die Sonne den ganzen Tag hineinscheint. Er muss die Rollos herunterlassen, wenn er ein Architekturmodell fotografieren will. Heiner Leiska arbeitet mit weltweit tätigen Hamburger Architekten zusammen. Als er einzog, war der "Garten" rundum wild und Gerümpel stand herum. Menschen, die vorbeikamen, seien dadurch hemmungslos gewesen, hätten ihm in die Fenster gestarrt, so Leiska. Jetzt, seitdem er alles schön ordentlich halte, seien die Menschen zurückhaltender. Für die Hartnäckigen hat er wider Willen ein "Privat"-Schild direkt an der Tür angebracht. Wenn aber jemand höflich fragt, zeigt er gerne sein kleines gemietetes Anwesen.

Das Teehaus - der kleine Bruder des Hamburger Michel

Ein Fotograf hält ein Tablet in der Hand und blickt auf sein Motiv.
Heiner Leiska fotografiert in seinem Atelier für verschiedene renommierte Hamburger Architekten.

Es ist nur ein Raum mit einer kleinen Galerie, auf der sein Bett steht, alles in Weiß gehalten. Allerdings sind die Wände hellgelb gestrichen. Das sei die historisch überlieferte Farbe, betont Leiska. Er hätte alles weiß streichen dürfen, doch nachdem er eingezogen war, habe er gemerkt, dass diese Farbe die richtige sei. 1760 wurde das Teehaus erbaut. An Sonntagen spielte bei geöffneten Fenstern auf der kleinen Galerie eine Kapelle, während vor dem Teehaus die Menschen lustwandelten. Viel später habe das Teehaus als Lager für Apfelkisten gedient, erzählt Heiner Leiska. Viel mehr sei nicht überliefert. Der Architekt des Teehauses soll der gleiche Architekt gewesen sein, der auch den Hamburger Michel gebaut hat und das Pastorat Westensee, Gut Kaden, das Kieler Schloss und die Pinneberger Drostei: Ernst Georg Sonnin (1713 - 1794).

Heiner Leiska erzählt weiter, er habe sich nie vorstellen können, je in einem historischen Gebäude zu leben. Überall, wo er gewohnt habe, habe er erst einmal alles umgebaut und seinem Geschmack angepasst. Im Teehaus hat er nur eine Küche eingebaut und eine schwedische Wand, damit er seine freien fotografischen Arbeiten vor Ausstellungen zur Probe aufhängen kann. So wie er ist, sei der Raum einfach richtig, findet er.

Eine "glückliche Alternative"

Vor Jahren hat Heiner Leiska dafür plädiert, die Lindenallee der Natur zu überlassen, statt sie zu sanieren. So sehr er sie mag, eigentlich gehöre sie nicht in die Marsch, meint er. Aber ein bisschen froh ist er jetzt schon, dass sie ihm doch noch viele Jahre erhalten bleiben wird. Heiner Leiska liebt diesen ruhigen und schönen Ort sehr. Und trotzdem: Eigentlich wäre er gerne in Schweden geblieben. Das sei aus unterschiedlichen Gründen nicht gegangen, sagt er, aber: "Das Teehaus mit diesem weiten Blick in die Allee und auf den Gutshof fast 800 Meter entfernt, ist für mich eine glückliche Alternative."

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 11.01.2021 | 19:30 Uhr

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