Stand: 04.03.2020 17:00 Uhr

Medikamentenversuche: Hilfswerk des Landes für Heimkinder?

Von Julia Schumacher und Christian Schepsmeier

Eigentlich sollten sie dort ein Zuhause, Schutz und Fürsorge finden: Kinder, die nach dem Krieg bis in die 1970er-Jahre in Heimen, Psychiatrien und Einrichtungen der Behindertenhilfe in Schleswig-Holstein untergebracht waren. Sie leiden heute noch an den Folgen von Schlägen, Nahrungsentzug, von psychischem und sexuellem Missbrauch - oder Medikamentenversuchen. Sie erzählen von Pillen und Spritzen, die ihnen unter Zwang verabreicht wurden, von tagelangen Dämmerzuständen, Krämpfen und Schmerzen. Vor mehr als drei Jahren hatte der NDR Schleswig-Holstein recherchiert, dass es im ehemaligen Landeskrankenhaus Schleswig an Kindern und erwachsenen Patienten Versuchen mit Medikamenten gab - in mehr als 1.000 Fällen.

Es gibt einen ersten Vorschlag

Im Januar hatten Forscher der Universität Lübeck die Medikamentenversuche vor dem Sozialausschuss im Landtag bestätigt. Im Anschluss sprach der Ausschussvorsitzende über die Idee, dass das Land die Opfer mit einem Hilfswerk unterstützen könnte. Dazu kursiert laut Informationen von NDR Schleswig-Holstein jetzt ein erster Vorschlag unter den Regierungsfraktionen mit Eckpfeilern, wie eine solche Einrichtung im Land gestaltet sein könnte.

Demnach soll das Hilfswerk des Landes Heimkindern, Opfern sexueller Handlungen und Geschädigten staatlichen Handelns zu Gute kommen. Dabei soll die soziale, berufliche und gesellschaftliche Integration gefördert und vor allem durch Landesmittel finanziert werden.

Land beteiligt sich an bundesweiten Fonds

Das Land beteiligt sich zwar bereits an bundesweiten Entschädigungsfonds - ein eigenes Hilfswerk des Landes, das Entschädigungen auszahlen und Hilfen bereitstellen könnte, gibt es bislang aber nicht.

Konsens über Fraktionsgrenzen hinweg

Die Idee für das Hilfswerk kommt ursprünglich aus der CDU-Fraktion. Für Werner Kalinka ist dies ein wichtiges Signal: "Das Thema der Heimkinder ist in besonderer Weise ein Anliegen von uns." Auf NDR Anfrage stimmen inzwischen auch fast alle anderen Fraktionen im Grundsatz zu. So sprechen die Grünen von einer "super Grundlage". Wichtig sei jetzt, die Betroffenen selbst in die Planung mit einzubinden. Die FDP wollte den laufenden Vorgang nicht kommentieren. Der SSW wünscht sich für ein solches Hilfswerk einen niedrigschwelligen Zugang für Betroffene. Für die AfD stimmt die Richtung des Vorschlags.

Zustimmung kommt auch von der SPD: Laut der sozialpolitischen Sprecherin Birte Pauls seien manche Opfer so traumatisiert, dass sie trotz vorhandener Sicherungssysteme ihr Leben lang Begleitung und Unterstützung bräuchten. Das zu organisieren, sei im Sinne der SPD. Pauls ist allerdings gespannt, "wie sich der Minister an dieser Stelle bewegt - und ob die Landesregierung mit diesem Vorschlag einverstanden ist", sollte es zu einer Mehrheit im Parlament kommen.

Ministerium: Idee des Hilfswerks ist derzeit "in Prüfung"

Der Sozialausschuss-Vorsitzende Kalinka ist zuversichtlich. Er hätte bereits im Januar - als Lübecker Forscher ihr Zwischenergebnis zu Untersuchungen der Medikamentenversuche an Heimkindern vorgestellt haben - den Eindruck gehabt, "dass auch Sozialminister Garg es für richtig ansieht, dass wir hier etwas tun." Der Sozialminister selbst hat dem NDR zu dem Thema kein Interview gegeben. Aus dem Ministerium hieß es zur Idee des Hilfswerks, sie sei derzeit "in Prüfung". Abschließend habe der Landtag über weitergehende Maßnahmen für die Betroffenen zu entscheiden. Das Ministerium werde noch in dieser Legislaturperiode dazu einen Vorschlag machen.

Beteiligung der Pharmaindustrie

Die Finanzierung eines solches Hilfswerk soll laut Vorschlag der CDU-Fraktion "aus Mitteln des Landes" Schleswig-Holstein kommen. Zusätzlich sollen "Organisationen, Unternehmen und Träger" gebeten werden, "eine finanzielle Beteiligung am Hilfswerk zu prüfen." Günther Jesumann, der Beauftragte für ehemalige Heimkinder, wünscht sich vor allem ein Engagement von Pharmaindustrie und Kirchen: "Ich hoffe, dass alle einsehen, so wie das Land es offensichtlich tut, dass man da Verantwortung trägt - auch als Verantwortungsnachfolger."

Opferverband möchte von Beginn an mit einbezogen werden

Und was sagen die Betroffenen selbst zu diesem Vorschlag? "Es ist sehr ehrenwert, dass man die Einrichtung eines solchen Hilfswerkes beabsichtigt", meint Eckard Kowalke, Vorsitzender des Vereins ehemaliger Heimkinder in Schleswig-Holstein. "Wir als Opferverband würden es begrüßen, wenn wir bei der Einrichtung eines solchen Hilfswerkes von vornherein mit einbezogen würden."

Wichtiger noch als das Schaffen einer Neueinrichtung sei aber, die bereits bestehenden Möglichkeiten zugänglicher und weniger bürokratisch zu gestalten - wie zum Beispiel das Opferentschädigungsgesetz. Die Frist für Anträge der Stiftung Anerkennung und Hilfe als Unterstützung läuft bis zum Jahresende aus. Bis dahin können Menschen, die in der Nachkriegszeit in einer Heimeinrichtung oder Psychiatrie untergebracht waren und dort Unrecht erlitten haben, eine finanzielle Entschädigung und Rentenleistungen beantragen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.03.2020 | 17:00 Uhr

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