Stand: 18.02.2020 10:49 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Drogentote in SH: Fentanyl macht Experten Sorgen

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Das Schmerzmittel Fentanyl wird in der Schmerztherapie als Pflaster verabreicht. In der Drogenszene wird der Wirkstoff missbraucht.

Im vergangenen Jahr sind in Schleswig-Holstein nach Angaben des Landeskriminalamtes 52 Menschen an Drogen gestorben. Das sei die höchste Zahl im gesamten vergangenen Jahrzehnt, hieß es. Nach Einschätzung der Leiterin der Beratungsstelle Drogenhilfe Kiel-Ost, Birthe Kruska, ist Fentanyl "ein zunehmendes Problem" in der Szene. Der Konsum nehme zu. Das verschreibungspflichtige Fentanyl wirkt laut Kruska bis zu 50 mal stärker als Heroin und 100 mal stärker als Morphin. Als Medikament wird es zur Schmerzlinderung bei Operationen oder Krebs eingesetzt. Wird Fentanyl als Pflaster verabreicht, kann der Wirkstoff durch die Haut aufgenommen werden.

Wie kommen Abhängige oder Dealer an Fentanyl heran?

Für die Aufbewahrung von Fentanyl in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen gelten strenge Regeln und Nachweispflichten, wie die Landespolizei betont. Experten nennen aber verschiedene Möglichkeiten vom illegalen Bestellen im Darknet bis zum Durchsuchen von Mülleimern von Pflegeheimen, um benutzte Pflaster auszukochen und so den Wirkstoff zu gewinnen. Die Deutsche Presse-Agentur berichtet zudem über schwarze Schafe unter den Pflegediensten, die angeblich noch wirksame Pflaster bewusst nach kurzer Zeit Patienten abreißen, um an den Wirkstoff heranzukommen. Auch "Ärztehopping" von Drogenabhängigen, die ein Rezept erhalten wollen, scheint demnach üblich zu sein.

Fälle aus Schleswig mit Fentanyl werden untersucht

Das Landeskriminalamt ermittelt derzeit bei Fällen aus Schleswig. Dort starben binnen eines Jahres vier Männer. Alle hatten das synthetisch hergestellte Fentanyl genommen - und zwar in Form eines Pflasters. Die vier Männer waren im Alter von 23 bis 40 Jahren. In allen Fällen wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Aus der Sicht von Süchtigen ist Fentanyl wegen seiner Hochpotenzen wirksamer und verlässlicher als Heroin, das im Straßenverkauf angeboten wird", sagt Birthe Kruska.

Drogenbeauftragte: Fentanyl einer der riskantesten Stoffe

Nach Angaben der Beratungsstelle gibt es Süchtige, die Heroin zusätzlich mit Fentanyl anreichern. Manche Dealer würden Heroin auch von vornherein strecken mit dem Opioid, um dann mehr Geld auf der Straße verlangen zu können. Bundesweit sind die Todesfälle mit Fentanylmissbrauch zuletzt nach Angaben der Bundesregierung gesunken.

"Aufgrund der hohen Wirkstärke ist Fentanyl jedoch einer der riskantesten Stoffe. Daher kann ich nur vor dem Missbrauch warnen", sagte die Drogenbeauftragte des Bundes, Daniela Ludwig (CSU). Es gebe einen ständigen Austausch mit Behörden, Ärzten und Suchtberatungsstellen. Der amerikanische Popsänger Prince starb 2016 an einer Überdosis Fentanyl.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.02.2020 | 12:00 Uhr

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