Ein Junge sitzt an seinem Schreibtisch und erledigt seine Mathe-Aufgaben im Homeschooling. © picture alliance/HMB Media Foto: Oliver Mueller

Digitales Lernen: "Könnte noch bis zu zehn Jahre dauern"

Stand: 05.02.2021 05:00 Uhr

Es gibt immer wieder Probleme beim Homeschooling in Schleswig-Holstein und bundesweit: Wo läuft es besser und was können wir von anderen Ländern lernen?

von Marc Kramhöft

Videokonferenzen, die nicht funktionieren. Arbeitsmaterial, das sich nicht herunterladen lässt. Wie NDR Schleswig-Holstein in den vergangenen Monaten immer wieder berichtet hat, sorgt das sogenannte Homeschooling - also das digitale Lernen von zu Hause - während des Corona-Lockdowns auch in Schleswig-Holstein für viel Frust bei Lehrern, Eltern und Schülern. Ein Blick über die Grenzen hinaus zeigt: Andere Länder waren besser auf diese Situation vorbereitet.

Estland: Ein System für alle Informationen

Eine Person unterstützt einen Jungen bei der Bearbeitung einer Schulaufgabe. © picture alliance / ROBIN UTRECHT
Während des Homeschoolings haben Schüler, Lehrer und Eltern immer wieder mit Problemen zu kämpfen.

Beispiel Estland: Der Wechsel von der Schule in die eigenen vier Wände gehört für Schüler und Lehrer schon zum Alltag. Seit fast 20 Jahren gibt es unter anderem ein digitales Verwaltungssystem, über das Noten eingetragen oder Hausaufgaben verteilt werden. Wer zu Hause nicht die entsprechende Technik zur Verfügung hat, bekommt Leihgeräte von der Schule oder den Behörden.

Austausch über zentrale App in Finnland

Beispiel Finnland: Dort gibt es zum Beispiel einen Messenger-Dienst, über den der Großteil der Kommunikation läuft. Eine angekündigte Klassenarbeit, Fehlzeiten oder einfach eine kurze Frage klären: Die persönliche Anwesenheit in der Schule ist nicht zwingend nötig. Das klappt auch, weil Finnland flächendeckend mit schnellem Internet ausgestattet ist.

Studie: Deutschland bei digitalem Lernen abgeschlagen

Was in Deutschland oft noch als Schule der Zukunft gesehen wird, ist anderswo also schon längst Standard. Diese Unterschiede sind allerdings keine große Überraschung, wenn es nach einer Studie des Centre for European Policy Studies (CEPS) zum digitalen Lernen geht. Ende 2019 - also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie - gehörten Estland und Finnland zu den drei Ländern mit den besten Bewertungen in Europa. Die Platzierung Deutschlands: 27. Nur wenige Monate später sollte sich diese Diskrepanz in der Realität widerspiegeln.

Andere Länder haben großen Vorsprung

Aus Sicht von Bildungsexperten aus Schleswig-Holstein gibt es dafür mehrere Gründe. "Das sind Länder, die sich eben schon vor mehr als 20 Jahren auf den Weg gemacht haben, ihre Schulen zu digitalisieren“, sagt Bildungsforscher Olaf Köller von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. "Vor allem in den höheren Klassenstufen sind die Schulen top ausgestattet.“ Das ist auch für Christian Filk, Medienforscher an der Europa-Universität in Flensburg, ausschlaggebend: "Unsere Nachbarn machen uns vor, wie wichtig Nachhaltigkeit ist." Es gehe dabei nicht nur um das Aneignen von Wissen, sondern auch um den grundsätzlichen Umgang mit digitalen Medien, so Filk.

Bildungsforscher: Weiterbildungen für Lehrer entscheidend

Außerdem gebe es mehr Fortbildungen für Lehrer, um mit den entsprechenden Geräten umgehen zu können, so Bildungsforscher Köller. Aus Sicht des Experten ist das hierzulande die größte Baustelle. Des Weiteren ergänzt er: "Der Datenschutz wirft den Lehrkräften deutlich weniger Steine in den Weg als in Deutschland.“

Dass in Ländern wie Estland und Finnland weniger Schüler betreut werden müssen, spielt für den Bildungsforscher bei einem funktionierenden System keine große Rolle. "Das ist eigentlich nur eine Frage der Kapazitäten. An einer Universität wie der Kieler Uni können sich zum Beispiel vormittags auch mehr als 30.000 Studierende zu ihrer Vorlesung einloggen. Wenn man nur genügend Server hat.“

Köller: Langer Weg vor den Schulen

Wann aber könnte es auch in Schleswig-Holstein und ganz Deutschland problemlos klappen mit dem digitalen Lernen an allen Schulen? "Das kann schon fünf bis zehn Jahre dauern“, schätzt Köller. Zumindest erste positive Schritte erkennt er aber bereits jetzt: "Es ist ein Bewusstsein da. Die Bundesregierung hat Geld für Lehrkräfte-Rechner spendiert, viele Länder haben Tablets für bedürftige Schülerinnen und Schüler gekauft."

Für Medienforscher Filk gibt es keine Zeit mehr zu verlieren: "Wir müssen ja sehen, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen heute auf eine Welt in 10 bis 20 Jahren vorbereiten." Das Entscheidende aus seiner Sicht bei der Digitalisierung der Schulen: "Dass es selbstverständlich wird und man keinen heiligen Gral daraus macht."

Weitere Informationen
Eine Person unterstützt einen Jungen bei der Bearbeitung einer Schulaufgabe. © picture alliance / ROBIN UTRECHT

Ist Homeschooling ein Modell für die Zukunft?

In der Sendung Zur Sache ging es auch darum, ob Homeschooling auch nach der Corona-Pandemie ein Teil des Schullebens werden kann. mehr

Finja Richter sitzt an ihrem Schreibtisch und macht Schulaufgaben. © NDR Foto: Lisa Pandelaki

Mit Facebook-Gruppe zum Homeschooling-Erfolg

Im Homeschooling fällt die Motivation zum Lernen oft schwer. Eine privat organisierte Community geht dieses Problem erfolgreich an. mehr

Alle mal herhören! Malte Arkona und Sesamstraßen-Star Wolle im MusikLabor mit der NDR Radiophilharmonie © NDR Foto: Helge Krückeberg

Lernen digital: Bildungsangebote des NDR für Kinder und Jugendliche

Mathematik, Deutsch oder Musik: Der NDR unterstützt Kinder und Jugendliche mit vielen Bildungsangeboten beim digitalen Lernen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 05.02.2021 | 08:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein Schüler sitzt über seinen Mathematikaufgaben und rechnet mit den Fingern. © dpa-Bildfunk Foto: Patrick Pleul

Prien: Lernsommer wird 2021 fortgesetzt

In den Sommerferien 2021 wird es wieder kostenfreie Lernangebote für Schüler geben. Laut Prien laufen auch die Selbsttest an den Schulen gut. mehr

Videos