Stand: 17.11.2018 19:22 Uhr

Die Wege der Wölfe durch Schleswig-Holstein

von Nikolai Hotsch, Jörn Schaar, Jörg Jacobsen

Die Bilder gleichen sich, obwohl sie an verschiedenen Tagen und an verschiedenen Orten entstanden sind: Tote Schafe liegen auf der Weide, andere sind schwer verletzt. Oft gibt es schon auf den ersten Blick Indizien dafür, wer das angerichtet hat. Die Art der Wunden, die Zahl der gerissenen Schafe oder Pfotenabdrücke lassen erahnen, dass es wieder ein Wolf war. Gewissheit bringt aber nur eine DNA-Analyse. Im besten Fall können die Forscher sogar genau sagen, welcher Wolf zugeschlagen hat. In Schleswig-Holstein ist in diesem Jahr ein Wolf besonders oft derartig identifiziert worden: GW924m ist sein Code-Name. Mit den Daten aus deutschen und dänischen Monitoring-Programmen konnte NDR Schleswig-Holstein Bewegungsprofile für ihn und seine Geschwister erstellen. Die Wege der Tiere lassen sich von ihrem Geburtsort bis auf die schleswig-holsteinischen Weiden nachvollziehen.

Junger Wolf, der läuft.

Den Wölfen auf der Spur

Schleswig-Holstein Magazin -

Mithilfe von DNA-Daten und Fotos aus Wildkameras können die Wege von Wölfen nachgezeichnet werden. In Schleswig-Holstein ist ein Wolf besonders oft identifiziert worden.

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Achtlinge in Dänemark

Jeder Wolf, dessen Gene einmal identifiziert wurden, bekommt eine Nummer. Die erste Spur des Rüden GW924m fanden dänische Biologen im März am Rande der kleinen Ortschaft Ulfborg an der Westküste Dänemarks. Dort lebt das erste Wolfsrudel des Landes seit etwa 200 Jahren. GW924m und sieben weitere Welpen kamen nach dänischen Angaben im vergangenen Jahr zur Welt. "Im Mittel werden Würfe mit fünf bis sechs Tieren angegeben, aber acht Welpen ist durchaus etwas, was im normalen Rahmen bei Wölfen ist", sagt Artenschutzreferent Thomas Gall vom schleswig-holsteinischen Umweltministerium in Kiel.

Halbe Familie auf dem Weg nach Schleswig-Holstein

Dänische Forscher konnten dem Tier mit der Nummer 924 im März weitere Risse in Ulfborg und im April weiter südlich in Ribe nachweisen. Auch mindestens ein Bruder und zwei Schwestern des Wolfes machen sich auf den Weg in Richtung Süden. Anfang Mai reißt der Rüde GW932m ein Schaf in Rudbøl, direkt an der Grenze zu Deutschland. Etwa zur gleichen Zeit werden im Norden von Schleswig-Holstein zwei Wölfe gesichtet: In der Nähe von Husum (Kreis Nordfriesland) und in Neuberend (Kreis Schleswig-Flensburg) gelingen die Aufnahmen, die Wolfsexperten als eindeutigen Nachweis einstufen. Ob es sich um die Jungtiere aus Dänemark handelt, lässt sich nicht feststellen. "Im Großen und Ganzen gibt es keine Indikatoren, die es wirklich erlauben, die Tiere zu unterscheiden", erklärt Thomas Gall im Interview mit NDR Schleswig-Holstein. "Wir müssten Vergleichsfotos von allen Tieren haben und diese liegen nicht vor."

Junge Wölfin stirbt auf der Autobahn

Wenn irgendwo ein Schaf gerissen wird, werden die Wolfsbetreuer zu Spurensicherern: Mit einem Wattestäbchen streichen sie über die Wunden und hoffen darauf, dass durch Speichelreste verwertbare DNA haften bleibt. Das war im Mai im Kreis Dithmarschen mehrmals der Fall. Genetiker untersuchten die Proben im Labor des Forschungsinstituts Senckenberg. Das Institut im hessischen Gelnhausen ist nationales Referenzzentrum für genetische Untersuchungen beim Wolf. Bei Proben aus den Gemeinden Elpersbüttel, Frestedt und Großenrade entdeckten die Forscher die DNA der Fähe GW930f. Die junge Wölfin konnte in Dithmarschen nur bis zum 13. Mai und danach gar nicht mehr individuell im Norden nachgewiesen werden.

Auch ihre Schwester GW931f war zu der Zeit in Schleswig-Holstein. Ein Nachweis gelang allerdings nur ein einziges Mal. Das Tier wurde am 12. Mai in den frühen Morgenstunden auf der Autobahn 23 bei Tornesch (Kreis Pinneberg) überfahren.

Dänische Wölfe unterwegs in Schleswig-Holstein

Bruder und Schwester gemeinsam unterwegs?

Gleichzeitig muss auch der Rüde mit de Nummer 932 in der Nähe gewesen sein. In Ellerhoop, nur wenige Kilometer von Tornesch entfernt, wurde seine DNA an einem getöteten Schaf nachgewiesen. Das geht aus den Daten vor, die NDR Schleswig-Holstein vom Land bekommen und analysiert hat. Waren die Geschwister also möglicherweise gemeinsam unterwegs? "Schleswig-Holstein ist eng und hier ist eine Art Flaschenhalssituation, wo sie durch müssen, daher kann es vorkommen, dass die Tiere sich nah beieinander bewegen", sagt Thomas Gall aus dem Umweltministerium. Dass eine Verwechslung vorliegt, schließen die Genetiker aus. "Die Funde sind durchaus plausibel. Es gibt eindeutige Unterschiede in den genetischen Profilen beider Individuen und beide Profile wurden durch mehrere Proben bestätigt", sagt Sebastian Collet, der sich bei Senckenberg um die Wolfsgenetik kümmert.

Kurzausflug von Eiderstedt an die Elbe

Nach seinem Ausflug bis ins Hamburger Umland schlägt GW932m einen anderen Weg ein und läuft in Richtung Nordwesten. Auf der Halbinsel Eiderstedt (Kreis Nordfriesland) reißt der Wolf wochenlang immer wieder Schafe. In fast jeder Gemeinde gibt es entsprechende Vorfälle. In Osterhever, Tetenbüll, Oldenswort, Uelvesbüll und Tönning sind die Nachweise eindeutig. In einigen Fällen reicht die Qualität der Proben nach Angaben des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) jedoch nicht für einen individuellen Nachweis aus.

Aus den Daten der Behörde geht allerdings hervor, dass Wolf GW932m während seiner Zeit auf Eiderstedt mindestens einmal kurzzeitig den Ort gewechselt hat. Seine DNA findet sich auch in Kollmar (Kreis Steinburg). Die Gemeinde an der Elbe ist etwa 80 Kilometer Luftlinie von Eiderstedt entfernt. Dazwischen liegen Flüsse wie die Eider und die Stör und der Nord-Ostsee-Kanal. Der Wolf brauchte für den Weg hin und zurück jeweils nur wenige Tage. "Das Verhalten von GW932m ist durchaus typisch", sagt Sebastian Collet aus dem Fachgebiet Naturschutzgenetik bei Senckenberg. "Es kommt häufiger vor, dass wandernde Einzeltiere wieder zurück in bereits besuchte Gebiete ziehen."

Schon der Vater-Wolf war auf Eiderstedt

Die Halbinsel Eiderstedt scheint die Wölfe anzuziehen. Schon in den Vorjahren gab es dort immer wieder Nachweise. Vor zwei Jahren zum Beispiel war der Vater des Ulfborger Rudels ebenfalls dort. Er hat den Code-Namen GW491m und stammt aus Grünhaus in Brandenburg. Auf dem Weg nach Dänemark machte auch er den Schlenker über St. Peter-Ording - die westlichste Gemeinde auf dem schleswig-holsteinischen Festland. Nach Angaben dänischer Wissenschaftler stammt die Mutter des Ulfborger Rudels ebenfalls aus Brandenburg. Deren Vorfahren wiederum kommen aus Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Aus dem Wurf in Dänemark konnten Forscher die DNA von sechs verschiedenen Tieren nachweisen. Deren Eltern stammen nach Angaben dänischer Forscher aus Ostdeutschland. Jeder Wolf, dessen DNA einmal registriert wird, bekommt einen solchen Code-Namen.

Von Mecklenburg bis nach Skagen

Der Wolf, der vor einem Jahr an der Westküste unterwegs war, gehört allerdings nicht zur Familie: GW781m ist in der Lübtheener Heide in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Seine DNA fanden Wissenschaftler von September bis Oktober 2017 in mehreren Gemeinden in den Kreisen Dithmarschen, Nordfriesland, Rendsburg-Eckernförde und Schleswig-Flensburg. In dieser Zeit gab es auch viele Sichtungen und Fotonachweise. Die Wolfsbetreuer vermuten, dass es sich dabei um den Rüden aus Mecklenburg mit der Nummer 781 handelt. Er ist nach Angaben dänischer Wissenschaftler bis nach Skagen an der Nordspitze Dänemarks gelaufen und hinterlässt auch dort jede Menge Spuren. Eine Partnerin hat er bislang offenbar jedoch nicht gefunden.

Die Spur verliert sich

Während die meisten Wölfe den dichter besiedelten Hamburger Rand offenbar meiden, blieb der sehr aktive Wolf mit der Nummer 924 länger dort. Im Juli wird er erstmals in Deutschland registriert - nach einem Schafsriss im Hamburger Stadtteil Schnelsen, dicht an der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein. Auch für weitere Risse in Heidmoor, Lutzhorn, Brande-Hörnerkirchen, Langeln und Quickborn (Kreis Pinneberg) ist GW924m verantwortlich. In Barmstedt attackierte dieser Wolf Ende September sogar ein Kalb. Bei etlichen Proben aus dieser Region und aus dem benachbarten Kreis Steinburg dauert die Auswertung im Labor noch an.

Gründen die Wölfe ein Rudel?

Sein Bruder GW932m hat nachweislich zuletzt Ende August in Koldenbüttel (Kreis Nordfriesland) ein Tier gerissen. Ende September gab es erneut einen Riss auf Eiderstedt - bislang aber ohne eindeutiges Ergebnis. Danach verliert sich die Spur. "Möglicherweise ist es so, dass es in Eiderstedt durch die Aberntung der Getreide- und Maisfelder keine Abdeckung mehr gegeben hat", sagt Thomas Gall. "Es kann auch sein, dass die Gegend sich nicht geeignet hat, um Partner zu finden. Jungwölfe suchen nicht nur Lebensraum, sondern auch Partner, um eine Familie und ein Rudel zu gründen."

Neben den Nachweisen der vier dänischen Tiere gibt es keine genetischen Spuren von anderen, bereits bekannten Wölfen im Land. Wolfsbetreuer gehen aber davon aus, dass im Raum Segeberg und im Herzogtum Lauenburg Wölfe unterwegs sind, die Wildtiere jagen und deshalb bisher nicht nachgewiesen werden konnten. In den Regionen wurden immer wieder Tiere gesichtet. Schleswig-Holstein ist bislang Transitland. Ob Wölfe sich hier niederlassen und ein Rudel gründen könnten, ist völlig unklar. Bisher gab es weder Sichtungen noch genetische Spuren, die darauf hinweisen.

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Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 18.11.2018 | 18:00 Uhr

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